Weihnachtsbaum

Schmusen mit dem Weihnachtsbaum

Bopfingen-Oberdorf / Lesedauer: 3 min

Schwere, nadelige Tannen und Fichten machen es Christbaumverkäufern nicht leicht
Veröffentlicht:18.12.2013, 18:15
Aktualisiert:24.10.2019, 18:00

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Arme Tannen, arme Fichten. Jahr für Jahr müssen sie sich einem Schönheitswettbewerb stellen. Die wohlproportionierten Weihnachtsbäume mit dichtem Nadelhaar und symmetrischer Krone finden ihren Weg schnell von den kalten Verkaufsflächen in die warmen Wohnzimmer. Ihre hässlichen Geschwister mit Haarausfall und schiefen Ästen nadeln bis Heiligabend vor sich hin.

An diesem kalten Mittwochvormittag mache ich mich zum Gehilfen dieses Wettbewerbs: Ich versuche mich als Christbaumverkäufer. Auf dem Hof von Markus Feldwieser in Oberdorf warten wir zu zweit auf Kundschaft, die nach Blaufichten und Nordmanntannen für die kommenden Festtage suchen. Feldwieser verkauft zur Weihnachtszeit etwa 300 bis 400 solcher Bäume, den Rest des Jahres verdient er sein Geld mit Landwirtschaft und einer Biogas-Anlage.

30 bis 50 Kilo wiegt eine Tanne

Eine Dame schiebt sich zwischen den Bäumen hindurch, die dicht an dicht stehen wie die grünen Bürsten einer Waschstraße. „Die sind alle so groß dieses Jahr“, sagt sie vor sich hin. Worauf die Dame, die nur „Frau Schimmele“ genannt werden möchte, beim Kauf achte? „Ich brauche einen Baum mit dichter Kugelform und schöner Krone“, erklärt sie wenig überraschend.

Gemeinsam suchen wir nach ihrem Wunschexemplar. Sie entscheidet sich für eine Nordmanntanne. Feldwieser zieht sie durch den Trichter der Netzmaschine, die Plastikmaschen komprimieren sie auf Wurstform. Weniger sperrig ist der Baum dadurch, leichter aber leider nicht. 30 bis 50 Kilo wiegt eine Nordmanntanne in Zimmerhöhe. Schimmele bittet darum, die Tanne zu ihrem Auto zu bringen. Ich versuche sie zu greifen. Ein Hand am Stamm, die andere irgendwo. Ich hebe die Tanne, die mich mit ihrem Walddurft bezirzt, hoch und presse sie unbeholfen an mich. So sehen Tanzschüler aus, die in den ersten Tanzstunden grazile Hebefiguren versuchen, ihren Partnern aber ständig auf die Füße treten.

Trotz der liebevollen Umklammerung kann ich die Tanne nicht halten, sie fällt mehrmals. Frau Schimmele öffnet ihren Kofferraum, ich hieve die Nordmanntanne in den Schlund des Autos. Meine untrainierten Muskeln machen sich bemerkbar. Ich nehme mir vor, in Zukunft mehr zu heben als nur die Kaffeetasse im Büro.

„Nordmanntannen haben weichere, festere Nadeln, sie sind die Verkaufsschlager“, erklärt Feldwieser. Das macht sie schwerer als die Fichten, die sich fast mit einem Arm tragen lassen. Zehn bis 12 Jahre wachsen die Tannen, bevor sie geschlagen werden, bei Tannen sind es sieben bis acht. „Nordmanntannen verlieren außerdem schneller ihre Form und Farbe als Blaufichten.“ Der Tipp des Christbaumexperten: „Zuhause sollte man die Bäume anschneiden und ins Wasser stellen. So bleiben sie lange frisch.“

Mehrere Kunden entscheiden sich an diesem Vormittag für Tannen-Schönlinge. Dabei haben auch die weniger hübschen Bäume ihre Vorteile. „An ihnen kann man besser echte Kerzen aufstellen, bei den dichtbewachsenen ist das zu gefährlich“, erklärt Feldwieser.

Als ich mein Gastspiel in Oberdorf beende, gilt ein letzter Blick den krummen Bäumchen. Sie scheinen mit ihren schiefen Ärmchen zu winken.