Todesmarsch

Todesmärsche der Armenier auch durch Antakya

Aalen / Lesedauer: 4 min

Geplanter Bundestagsbeschluss schlägt auch in Aalen Wellen – 2014 intervenierte sogar der türkische Generalkonsul
Veröffentlicht:29.05.2016, 12:05
Aktualisiert:23.10.2019, 15:00

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Am Donnerstag kommender Woche befasst sich der Bundestag mit einem von CDU, SPD und Grünen unterstützten Antrag, der den Titel trägt „Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Bevölkerungsgruppen im Osmanischen Reich vor 101 Jahren“. Dass im Antrag viermal ausdrücklich von einem Völkermord gesprochen wird, wie es Bundespräsident Joachim Gauck bereits getan hat, treibt auch in Aalen lebende Türken auf die Barrikaden. So wie sie Sturm gelaufen sind, als die Aalener Volkshochschule (VHS) Ende 2014 zu einem Vortrag mit dem Titel „Genozid an den Armeniern“ geladen hatte, der sogar den türkischen Generalkonsul Ahmet Akinti zu einer Intervention veranlasst hatte (wir berichteten).

Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter (CDU) hatte als Vorsitzender der Volkshochschule seinerzeit gekontert, er erwarte von der Türkei und ihrer Zivilgesellschaft, dass sie endlich anerkenne, dass es sich bei der massenhaften Ermordung von Armeniern um Genozid gehandelt habe. Eine Wanderausstellung zu diesen Geschehnissen ist übrigens noch einige Wochen in den VHS-Räumen im Torhaus zu sehen.

Hamm: Aus Ereignissen lernen

Roland Hamm spricht zwar auch von Genozid. Für ihn ist aber letztendlich nicht die Wortwahl ausschlaggebend. Wichtig ist ihm, aus den Ereignissen von damals zu lernen, damit Geschichte sich nicht wiederholt. Und momentan geschieht genau dies nach Auffassung des Stadtrats und Ersten Bevollmächtigten der IG Metall, wenn man sehe, wie der türkische Staat mit den Kurden umgehe. Vor über 100 Jahren waren davon die Armenier und andere christliche Minderheiten betroffen.

Hamm beschäftigt sich, wie er erzählt, seit Mitte der 90er Jahre mit dem Thema, seit ihn ein türkischstämmiger IG-Metall-Kollege auf das Buch von Franz Werfel „Die 40 Tage des Musa Dagh“ aufmerksam gemacht hat und damit auf den Bezug der Ereignisse zur Aalener Partnerstadt Antakya . Zum Meer hin schließt der Musa Dagh, der Mosesberg, die Gebirgskette ab, die das biblische Antiochien und heutige Antakya vom Hochland Anatoliens trennt. Vor 1915 hatten die Armenier in Antakya ein eigenes Stadtviertel und am Musa Dagh gab es sieben armenische Dörfer. Heute gibt es dort nur noch eins.

Es ist immer eine feste Station auf den Reisen Hamms in die Partnerstadt, dort liest er seinen Begleitern aus Werfels Buch vor. Denn dieser hat in dem historischen Roman den Völkermord an den Armeniern und den armenischen Widerstand auf dem Musa Dag literarisch verarbeitet. Todesmärsche der Armenier in Richtung Aleppo führten auch durch Antakya.

Türkische Menschenrechtler, mit denen er ins Gespräch komme, sprächen von einem Völkermord, der türkische Staat wolle dies jedoch nicht wahrhaben, sagt Hamm . Gewerkschaftskollegen versuchten die Geschehnisse entweder zu verharmlosen oder fühlten sich sogar angegriffen. Ihnen versuche er klarzumachen, dass keiner eine persönliche Schuld trage, dass man aber nichts verdrängen dürfe, sondern die Geschehnisse aufarbeiten müsse, um zu verhindern, dass sie sich wiederholen. Hamm: „Die aktuellen Ereignisse in der Türkei zeigen, dass sie nichts daraus gelernt haben.“

Dündar: Schaden für Beziehungen

Ob es vor 100 Jahren tatsächlich zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts gekommen ist, das soll eine internationale Historikerkommission klären, fordert dagegen Turgay Dündar vom Verein zur Erhaltung des Gedankenguts von Kemal Atatürk und ehemaliger Vorsitzender der türkischen Gemeinde in Aalen. Die Türkei sei bereit, ihre Archive zu öffnen, die Armenier verweigerten dies jedoch. Dass es Massaker gegeben habe und dass Menschen schrecklich zu Tode gekommen sind, bestreitet Dündar nicht, schiebt aber nach: „Durch die Kriegsumstände sind auf beiden Seiten viele Menschen ums Leben gekommen, auch Türken. Aber darüber redet niemand.“

Sollte der Bundestag die Resolution, was gar nicht seine Sache sei, beschließen, werde sich dies negativ auf die Beziehungen zur Türkei auswirken, ist Dündar überzeugt. Die Resolution gehe aber auch gegen die 3,5 Millionen türkischen Migranten, die in Deutschland leben. „Wir werden immer aufs Korn genommen, auch unsere Religion spielt eine Rolle.“

Der Leiter der Aalener VHS, Dr. Jürgen Wasella, sagt dagegen, der Völkermord sei vielfach belegt durch die Dokumente des deutschen Auswärtigen Amtes und solche aus Skandinavien, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Selbst türkische Forscher, die Osmanisch könnten, ein altertümliches Türkisch in arabischen Buchstaben, und Fachhistoriker stellten den Genozid an den Armeniern nicht in Frage. Dazu bedürfe es keiner in den vergangenen 100 Jahren bereinigten türkischen oder armenischen Archive, die überdies erst in der Sowjetzeit entstanden seien, also viele Jahre nach den Ereignissen. Selbst die Sowjetunion habe den Völkermord anerkannt, indem sie in den 60er Jahren, nach massiven Protesten, eine Gedenkstätte in der armenischen Hauptstadt Eriwan habe errichten lassen. Diese war übrigens eine der Stationen einer Studienreise der Aalener VHS vor zwei Jahren.