Pflegeheim

Stimmung in den Aalener Pflegeheimen ist am Nullpunkt

Aalen / Lesedauer: 6 min

Hohe Kosten, Personalmangel und jetzt noch eine neue Maskenpflicht belasten die Senioreneinrichtungen enorm
Veröffentlicht:11.10.2022, 19:00
Aktualisiert:11.10.2022, 19:53

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Die Stimmung in den Alten- und Pflegeheimen ist auf dem Nullpunkt. Neben Corona bereiten die steigenden Energiekosten den Einrichtungen Kopfzerbrechen. Angesichts der hohen Inflation machen sich auch die gestiegenen Lebensmittelpreise bemerkbar. Dazu kommen die hohen Personalkosten und als größtes Problem der Mangel an Pflegekräften. Bewohnern stößt derzeit vor allem die seit 1. Oktober geltende Maskenpflicht sauer auf. Angehörige machen sich indes Sorgen um die Pflege in der Zukunft.

Quo vadis? Diese Frage stellen sich viele mit Blick auf die Situation in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Diese sei derzeit schon so prekär, dass es fast schon ein Privileg sei, einen Heimplatz für seine Angehörigen zu bekommen, sagt Christoph Rohlik , Regionalleiter der Samariterstiftung Ostalb.

Und die Aussichten für die Zukunft seien mit immer älter werdenden pflegebedürftigen Menschen bei immer weniger Personal alles andere als rosig. „Der bereits jetzt schon bestehende Pflegenotstand wird sich weiter verschärfen“, sagt Matthias Wagner , DRK-Kreisgeschäftsführer und Vorsitzender des Aalener Ortsvereins.

Froh, einen der begehrten Heimplätze für ihre Mutter bekommen zu haben, ist eine Leserin der „Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung“, die namentlich nicht genannt werden möchte. Ob dies allerdings der richtige Weg gewesen sei, bezweifelt die 45-Jährige.

Im Nachhinein wäre es besser gewesen, ihre Mutter im Rahmen einer 24-Stunden-Pflege zu Hause betreuen zu lassen. Auch wenn dies ein Vielfaches mehr koste als die stationäre Unterbringung. In den eigenen Wänden wäre ihre Mutter aber immerhin von den Schikanen des Infektionsschutzgesetzes verschont geblieben, findet sie.

Viele Einschränkungen im Zuge der Corona-Verordnung habe ihre Mutter bereits hinnehmen müssen, sagt die Aalenerin und denkt mit Grauen unter anderem an das Besuchsverbot in der Pflegeeinrichtung während des ersten Lockdowns. Darunter habe die 80-Jährige immens gelitten.

Aufgeblüht sei sie schließlich dank der Lockerungen, im Rahmen derer im Heim eine gewisse Normalität eingekehrt sei. Sich ohne Maske hier bewegen zu können, habe die Seniorin aufatmen lassen. Damit ist seit 1. Oktober Schluss. Denn laut Infektionsschutzgesetz muss die Seniorin nun beim Verlassen ihres Zimmers erneut eine FFP2-Maske aufsetzen.

„Die Änderung des Infektionsschutzgesetzes hat für viel Unmut gesorgt. Bei Bewohnern und beim Personal“, bestätigt Christoph Rohlik. In den Einrichtungen der Samariterstiftung werde auf die Maskenpflicht hingewiesen. Dazu gezwungen werde aber kein Bewohner.

Denn mit einer Pflicht würde auch das gesellschaftliche Leben und Beisammensein zum Erliegen kommen, Angebote wie gemeinsame Singstunden, Spielnachmittage oder Gesprächskreise machten dann keinen Sinn mehr. Bei solchen Veranstaltungen eine Maske zu tragen, sei auch im Albstift kein Muss. Allerdings werde Wert darauf gelegt, die Abstände zwischen den Bewohnern zu vergrößern und die bunte Mischung einzelner Hausbereiche zu vermeiden, sagt die Leiterin Andrea Schneider.

Die Maskenpflicht, die die Lebensqualität und persönliche Freiheit der Bewohner einschränke, ist für Rohlik mehr als unverständlich. Im Zimmer brauchen die Bewohner keine Maske, beim Gang zum Essen muss eine solche getragen werden, am Tisch kann diese abgesetzt werden, muss dann aber wieder beim Aufstehen vom Tisch über Mund und Nase gezogen werden. „Wo liegt hier die Logik?“

Auch Wagner kann die Maskenpflicht für Bewohner nicht nachvollziehen. Das Argument, damit vulnerable Gruppen vor einer Corona-Erkrankung zu schützen, sei legitim. Doch dass der Schutz sich nur auf das Leben in den Alten- und Pflegeheimen beschränkt, Bewohner aber beim Besuch ihrer Angehörigen zu Hause keine FFP2-Maske tragen müssten, sei aberwitzig. Diese unterschiedliche Handhabe sei auch den Bewohnern nicht mehr zu vermitteln. Das Ende der Maskenpflicht auf einen bestimmten Tag, den Karfreitag am 7. April 2023, festzusetzen, gehe an der Realität vorbei.

„Ist an diesem Tag die Pandemie vorbei?“, fragt sich Wagner, für den die Corona-Verordnung nur noch ein Ausdruck der Hilflosigkeit ist und fernab jeder Realität liegt. Immer größer würden auch die Aggressionen der Angehörigen, die ihren Frust an den Mitarbeitern ausließen.

Wenig Verständnis für die Maskenpflicht besteht auch in den Einrichtungen der Stiftung Haus Lindenhof. Diese erschwere den Alltag enorm, sagt die Pressesprecherin Katharina Stumpf. Aufgrund der fehlenden Mimik und Gestik werde die Kommunikation beeinflusst, die vor allem für an Demenz erkrankte Bewohner wichtig sei. Auch Bewohner mit Atemwegserkrankungen seien durch die Maske im Alltag eingeschränkt.

Eingeschränkt seien seit Beginn der Corona-Pandemie auch die Mitarbeiter. Insofern sei es kein Wunder, dass Personal aus der Altenpflege in andere Berufe abgewandert sei. Die einrichtungsbezogene Impflicht habe ihr Übriges getan. „Es fehlt an allen Ecken und Enden“, sagt Wagner.

Und wenn es so weitergehe, werde der Pflegenotstand eine ungeahnte Dimension erreichen. Anstatt der Altenpflege weitere Prügel in den Weg zu werfen, sollte sich die Politik endlich besinnen, sagt Rohlik. „Ansonsten haben wir mittelfristig amerikanische Verhältnisse, und der Kampf um einen Schlafplatz unter der Brücke beginnt.“ In der Pflicht seien auch die Bürger. Wenn jeder bereit wäre, mehr in die Pflegekasse einzubezahlen, sähe die Altersversorgung besser aus.

Der Personalmangel ist seit Jahren ein Thema. Unter diesem würde auch die Mutter der 45-jährigen Leserin der „Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung“ täglich leiden. Das Personal habe gerade einmal Zeit für das Nötigste. Beschäftigungsangebote seien mittlerweile ein Luxus.

Selbst auf die Körperpflege müsse mitunter lange gewartet werden, sagt die Aalenerin, die es unabhängig von den Einschränkungen durch Corona bereut, dass sie ihre Mutter nicht zu Hause pflegen lasse. Einen Vorwurf macht sie der Einrichtung nicht. Vielmehr habe die Politik jahrelang versagt.

Die angespannte personelle Situation macht auch den Einrichtungen zu schaffen, die jetzt auch noch durch die Energiekrise gebeutelt sind. Bei der Samariterstiftung sei die zentrale Hausverwaltung derzeit dabei zu schauen, wie bei steigenden Energie- und Lebensmittelkosten sowie bei steigenden Personalkosten das bei gleichbleibendem Pflegesatz bestehende Defizit aufgefangen und refinanziert werden kann, sagt Rohlik.

Dass sich die Energiekrise in den Pflegesätzen bemerkbar machen wird, sagt Katharina Stumpf. Daher sei es zwingend notwendig, hierfür einen Rettungsschirm zu aktivieren und eine weitere Gaspreisbremse zu etablieren.

Auf das Szenario, dass Gas knapp werden könnte, bereiten sich die Alten- und Pflegeheime bereits seit geraumer Zeit vor. In den Einrichtungen der Stiftung Haus Lindenhof, die überwiegend mit Gas beheizt werden, würden Fachkräfte aus dem Bereich Gebäude- und Anlagenmanagement aktuell mit Hochdruck daran arbeiten, alternative und zeitlich abgestufte Lösungsszenarien zu entwickeln.

Unter anderem werde geprüft, ob es Einrichtungen gibt, die auf Öl- oder Flüssiggasversorgung umsteigen können. „Auch die Beschaffung von Notstromaggregaten gehen wir aktuell verstärkt an“, sagt Stumpf. Im Pflegeheim Sankt Elisabeth in Aalen sei beispielsweise ein solches Notstromaggregat vorhanden.

Vorkehrungen trifft auch das DRK . „Unsere Alten- und Pflegeheime sind zum Teil an das Fernwärmenetz angebunden, aber einige Einrichtungen sind auch an Gas angeschlossen“, sagt Wagner. Diesbezüglich seien bereits Heizmobile angemietet und Heizölvorräte angelegt worden.

Auch im Albstift würden verschiedene Möglichkeiten insbesondere in der Energiesteuerung und Heizungssteuerung mit einem Ingenieurbüro abgestimmt, sagt Schneider. „Konkret werden wir unter anderem in den öffentlichen Bereichen die Heizleistung genauer regulieren und alle Bewohner und Mitarbeiter sensibilisieren.“ Angehalten, Gas und Strom einzusparen, sind auch die Mitarbeiter in den Heimen der Stiftung Haus Lindenhof, des DRK und der Samariterstiftung.