Traumjob

Wirklich ein Traumjob? Was ein Bademeister alles leisten muss

Aalen-Wasseralfingen / Lesedauer: 5 min

Holger Rathgeb vom Spiesel-Freibad in Wasseralfingen über Wasserunfälle, abgelenkte Eltern und Gaffer
Veröffentlicht:01.06.2022, 05:00
Aktualisiert:01.06.2022, 09:45

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Am 20. Mai hat das Spiesel-Freibad für die Sommersaison die Tore geöffnet – eine Zeit des vollen Einsatzes für Holger Rathgeb . Als er im Jahr 1997 von dem ehemaligen Betriebsleiter Walter Teufel als Auszubildender eingestellt wurde, soll sich dieser schon damals sicher gewesen sein, dass Rathgeb sein Nachfolger werden wird. Und er hatte Recht.

Mehr als nur gut aussehen

Holger Rathgeb kümmert sich seit 2007 als Betriebsleiter um das Spieselbad – doch Bademeister ist er schon lange. Die offizielle Berufsbezeichnung lautet eigentlich „Geprüfter Meister für Bäderbetriebe“, Rathgeb selbst bevorzugt den Begriff „Schwimmmeister“.

Es gibt noch einige Vorurteile über den Beruf – das Image des braun gebrannten Mannes mit einer Sonnenbrille im Gesicht und einer Trillerpfeife um den Hals, der nur Frauen im Auge hat, wurde schon durch viele Filme vermittelt. „Die Bademeister – Weiber, saufen, Leben retten“ ist einer davon.

Rettungsschwimmer, Techniker und Gärtner

In der Realität sieht dies aber natürlich ganz anders aus. „Was ich an meinem Beruf liebe, ist die Abwechslung“, erklärt Rathgeb. Ursprünglich kommt der 42-Jährige aus Bopfingen, wo die Freibäder zur Ipf-Messe geschlossen werden. Heute lebt er mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter in Aalen.

Neben der Aufsichtspflicht ist er als Schwimmmeister ebenso für Reinigungsarbeiten, Sicherheitsbegehungen und für die Wasseraufbereitung zuständig. Ab und an wird er auch zum Gärtner, wenn zum Beispiel die Hecken geschnitten werden müssen.

Ertrinken ist leise

In seinen 25 Jahren als Schwimmeister war Rathgeb bei genau vier Reanimationen zur Stelle. Laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft sind im vergangenen Jahr mindestens 299 Menschen in Deutschland ertrunken. „Den meisten ist nicht bewusst, dass das Ertrinken leise stattfindet. Man fuchtelt nicht mit den Händen und schreit nach Hilfe, wie sich das viele vorstellen“, so der Schwimmmeister.

So war es auch im Fall eines 24-Jährigen Mannes, der beim Streckentauchen bewusstlos wurde und unterging. „Später hat er mir erzählt, wie er gemerkt hat, dass es ihm schwarz vor den Augen wurde“, erzählt Rathgeb, der den jungen Mann aus dem Wasser gezogen hat. Es soll lange gedauert haben, bis er reanimiert und stabilisiert werden konnte.

Der Sprung ins kalte Wasser

Obwohl er jung und körperlich fit war, hat der Kreislauf des jungen Mannes beim Streckentauchen versagt. Auch der noch so erlösende Sprung ins kalte Wasser im Hochsommer kann gefährlich werden und einen Kreislaufkollaps auslösen. „Das kann schnell passieren. Deswegen ist es sehr wichtig, sich davor abzukühlen“, so der Schwimmmeister.

Abgelenkte Eltern

Rathgeb muss auch immer wieder Eltern daran erinnern, die Aufsicht über ihre Kinder wahrzunehmen. Die müsse direkt am Beckenrand stattfinden – nicht zehn Meter davon entfernt oder vom Kiosk aus. Im Spiesel findet man auch viele Plakate mit Aufschriften wie „Mama und Papa müssen auf uns aufpassen“.

Was den Schwimmmeister sehr beeindruckt hat, war die Einsicht einer Frau, die sich Wochen nach einem Vorfall bei dem 42-Jährigen entschuldigt hat. „Die Mutter war mit ihrem Handy beschäftigt, während ihr Kind im Wasser war. Nachdem ich zu viel genörgelt hab, ist sie gegangen“, erzählt Rathgeb lachend. Später soll sie ihn in einem Geschäft angesprochen und Einsicht gezeigt haben. Sie habe von einem Kind gehört, das in einem anderen Freibad ertrunken ist.

Zwei Herzinfarkte innerhalb von 24 Stunden

Dass in den 63 Jahren des Spiesels in Wasseralfingen schon jemand im Wasser umgekommen ist, ist laut Rathgeb nicht der Fall. Allerdings musste der Schwimmmeister an einem Wochenende bei zwei Herzinfarkten zur Stelle sein – einer der älteren Männer konnte nicht gerettet werden.

Die Ehefrau des Verstorbenen hat dem Schwimmmeister danach einen langen Brief geschrieben, um sich bei ihm und den anderen Helferinnen und Helfer zu bedanken. Für derartige Vorfälle bieten die Stadtwerke ihren Angestellten Seelsorge an, damit sie besser mit der Situation umgehen können.

Rathgeb erzählt von einer Kollegin, die sich sogar noch genau an die Kleidung des Mannes erinnern konnte. „Ich habe seinen Namen schon vergessen. Ich denke, jeder geht unterschiedlich damit um“, stellt der 42-Jährige fest. Die Seelsorge habe ihm aber auch erheblich geholfen.

Schaulustige am Drei-Meter-Sprungturm

Auf die Frage, ob er schon andere schlimme Erfahrungen als Schwimmmeister machen musste, nennt Rathgeb einen Vorfall, der von anderen Badegästen gefilmt und fotografiert wurde. Ein Unfall am Drei-Meter-Sprungturm zog die Aufmerksamkeit von Gaffern auf sich.

„Ich bin immer noch schockiert darüber, wie die alle mit ihren Handys dastanden“, erzählt der 42-Jährige. Eine Entwicklung, die er absolut nicht nachvollziehen kann. Für sein erstes Smartphone sollen seine Kollegen Geld zusammengelegt haben, weil Rathgeb der Einzige war, der lange keines besaß.

Ausbilder und Vorbild

Als es an der Zeit war, sich für einen Beruf zu entscheiden, absolvierte Rathgeb verschiedene Praktika, unter anderem auch bei den Stadtwerken. Trotz seiner guten Noten soll es damals schwer gewesen sein, einen Ausbildungsplatz zu finden. Aber die Arbeit hat ihm Spaß gemacht, woran auch der ehemalige Betriebsleiter Walter Teufel maßgeblich beteiligt war.

„Mein Ausbilder war schon sehr motivierend, das muss man schon sagen“, so sein Nachfolger. Die Leidenschaft für das Schwimmen soll aber erst durch den Job gekommen sein. Rathgeb hat selbst relativ spät das Schwimmen gelernt – mit elf Jahren.

Mit seinem Ausbilder als Vorbild hat er sich dann verschiedene Schwimmstile angeeignet. Heutzutage kommen allerdings nicht mehr so viele Schwimmmeister nach, in vielen Bundesländern gibt es einen richtigen Mangel. „Ich glaube, es liegt daran, dass sich das Freizeitverhalten sehr verändert hat“, spekuliert der 42-Jährige. Die meisten würden nicht mehr am Wochenende oder an Feiertagen arbeiten wollen und Bäder seien eigentlich immer geöffnet.

Wasser muss immer dabei sein

Für Holger Rathgeb ist der Beruf des Schwimmmeisters dennoch sehr erfüllend. Vor einigen Jahren hat er im Sommer gerne Überstunden gesammelt, um dann im Winter mehrere Wochen mit seiner Frau zu verreisen. „Egal ob Pool oder Meer, ich gehe immer sicher, dass auch im Urlaub das Wasser dabei ist“, so der Schwimmmeister.