Albaufstieg

Neue Zukunft für die Härtsfeldbahn?

Aalen / Lesedauer: 6 min

Reaktivierung des Eisenbahnbetriebs könnte gewünschte „umweltfreundliche Mobilität“ darstellen
Veröffentlicht:10.08.2022, 05:00
Aktualisiert:10.08.2022, 05:01

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Gesucht wird eine neue Trasse für einen Albaufstieg von der Aalener Tallage hinauf aufs Härtsfeld, zur A7 bei Ebnat. Weil die Unterkochener den jahrelang dafür favorisierten Ausbau der Ebnater Steige nicht mitmachen, denn sie fürchten, dadurch vollends im Verkehr zu ersticken. Mit der Findung einer neuen Trasse soll auch noch gleich geklärt werden, wie viel Verkehr man bei diesem Albaufstieg von der Straße auf die „umweltfreundliche Mobilität“ verlagern könnte. Moment mal, werden jetzt so manche denken, so was gab’s doch schon, zumindest bis vor 50 Jahren – in Form der einstigen Härtsfeldbahn. Doch wie realistisch wäre es, die Härtsfeldbahn von Aalen bis aufs vordere Härtsfeld wieder neu entstehen zu lassen?

In seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause hat der Aalener Gemeinderat den Auftrag zur externen Begleitung des Prozesses zur Findung einer alternativen Albaufstiegstrasse vergeben. Verbunden mit einer Untersuchung „zum Verlagerungspotenzial hin zur umweltfreundlichen Mobilität“, wie es im Beschluss des Gemeinderats heißt.

Bis genau vor 50 Jahren, bis 1972, hat es eine solche „umweltfreundliche Mobilität“ von Aalen hinauf aufs Härtsfeld gegeben. Die im Oktober 1901 in Betrieb genommene, meterspurige und genau 55,49 Kilometer lange Härtsfeldbahn – im Volksmund auch Schättere genannt – führte von Aalen aus über die jüngst umkämpfte Schättere-Trasse und das Unterkochener Viadukt nach Ebnat und über Elchingen weiter nach Neresheim . Von dort aus ging es schließlich über Dischingen bis ins bayerische Dillingen an der Donau, dem Endpunkt der schmalspurigen Nebenbahn.

Als die Fahrgastzahlen und das Güteraufkommen immer mehr zurückgingen und der Betrieb dadurch immer unrentabler wurde, legte die Württembergische Nebenbahnen GmbH als letzte Betreiberin der „Schättere“ die Härtsfeldbahn 1972 schließlich still. Der Personenverkehr endete am 30. September, der Güterverkehr für die landwirtschaftlichen Betriebe wurde noch bis zum 30. November fortgeführt. Von 1973 bis 1976 wurde die gesamte Schienenstrecke dann demontiert. Worauf schon damals nicht wenige Menschen verärgert und verständnislos reagierten und der festen Überzeugung waren, eines Tages werde man es noch bedauern, dass von der Härtsfeldbahn nicht mehr übrig sei.

Dieser Zustand währte allerdings nicht lange. Schon 1985 wurde in Unterkochen der Verein Härtsfeld-Museumsbahn gegründet, der sich zum Ziel gesetzt hatte, die Schmalspurbahn wenigstens abschnittweise zu reaktivieren. Nach jahrelanger Arbeit war es soweit: Am 20. Oktober 2010 wurde zum 100. Jubiläum der Härtsfeldbahn der Museumsbetrieb zwischen Neresheim und der Sägmühle aufgenommen. 2021 folgte der Abschnitt bis nach Katzenstein.

Für den Vorsitzenden des Vereins Härtsfeld-Museumsbahn, Werner Kuhn , ist die Wiederaufnahme eines Bahnbetriebs auf dem Albaufstieg von Aalen über Unterkochen aufs Härtsfeld absolut vorstellbar. „Es ist doch alles da“, sagt er – von der Trasse über den Bahnkörper bis hin zum Tunnel und dem Viadukt in Unterkochen. Und Fledermäuse habe es in dem Tunnel schon gegeben, als die Härtsfeldbahn einst noch gefahren sei. Eine Meterspurbahn, so erklärt Kuhn weiter, könne man heute mit hoch modernen Fahrzeugen befahren, angetrieben durch Wasserstoff oder elektrisch über Akkumulatoren. Wie’s geht, zeigten die Schmalspur-Klassiker in der Schweiz mit ihrem weltweiten Ruf.

Die Härtsfeldbahn könnte, so ist Kuhn überzeugt, damit nicht nur wieder ein wichtiger Bestandteil des ÖPNV werden, sondern auch eine touristische Attraktion für Aalen und darüber hinaus. Denn vor allem an den Wochenenden, so meint er, könnte man auf der Albaufstieg-Strecke, die ja eine echte, hoch attraktive Gebirgsbahn sei, auch mit den noch vorhandenen historischen Original-Fahrzeugen bis hin zur Dampflok fahren. Einen Erfahrungswert, dass so etwas ankommt, hat Kuhn: Seit der Verein die Museumsstrecke wieder durchgängig von Neresheim bis Katzenstein befahre, hätten sich an den Betriebstagen die Fahrgastzahlen verdoppelt.

Während dem Verein Härtsfeld-Museumsbahn die Infrastruktur und die Fahrzeuge gehören, ist die Härtsfeldbahn-Betriebs-GmbH das für den Betrieb verantwortliche Eisenbahnunternehmen. „Das könnte eines Tages auch auf dem Albaufstieg den Betrieb übernehmen“, ist Kuhn überzeugt.

Das Land Baden-Württemberg hat nach eigenem Bekunden ein großes Interesse, im Rahmen der Mobilitätswende Verkehre auf die Schiene zu verlagern. Bis 2030 soll die Nachfrage im Schienenverkehr verdoppelt werden. „Damit dies erreicht werden kann, sollen auch stillgelegte Bahnstrecken hinsichtlich einer möglichen Reaktivierung untersucht werden“, heißt es in einer Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Anfrage der „Aalener Nachrichten/Ipf- und Jagst-Zeitung“. Für eine Reaktivierung müsse vor allem die Wirtschaftlichkeit beziehungsweise der volkswirtschaftliche Nutzen nachgewiesen werden. Ergebe sich aus der Berechnung ein volkswirtschaftlicher Nutzen, so könne etwa durch die Kommune oder den Landkreis beim Land ein Antrag auf Förderung der Investitionskosten zur Wiederherstellung der Infrastruktur nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz gestellt werden. Das Gesetz sieht für Reaktivierungen eine Förderung von bis zu 90 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten vor.

Zur Härtsfeldbahn schreibt das Ministerium konkret weiter: „Wenn seitens des Landkreises beziehungsweise der Kommunen Interesse an einer Reaktivierung der Härtsfeldbahn besteht, so sollte eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden, die vereinfacht untersucht, inwieweit eine Reaktivierung der Strecke wirtschaftlich machbar ist und zudem die Belange des Radverkehrs und Fußverkehrs auf der ehemaligen Trasse ausreichend berücksichtigt. Sollte im Rahmen der Machbarkeitsstudie das Potenzial beziehungsweise der volkswirtschaftliche Nutzen einer Reaktivierung der Schienenstrecke nachgewiesen werden, kann in den Gremien der Kommunalpolitik beschlossen werden, eine detaillierte Untersuchung (...) in Auftrag zu geben. Wichtig ist aus Sicht des Landes, dass seitens der Lokalpolitik ein klarer Wille für diese Untersuchungen und eine potenzielle Reaktivierung der Strecke besteht.“

Aalens OB Frederick Brütting, der den Stein für eine neue Straßentrassenfindung am Albaufstieg erst ins Rollen gebracht hatte, sagt auf Nachfrage, die Stadt wolle in die jetzt beschlossene Moderation und die Untersuchung „ganz offen reingehen“. Dass es am Albaufstieg von Unterkochen nach Ebnat allerdings jemals wieder eine Bahn geben werde, halte er eher für unwahrscheinlich. Die Stadt wolle das Naturschutzgebiet entlang der einstigen Trasse noch ausweiten, von der alten Infrastruktur sei nichts mehr vorhanden und die Wegebeziehungen seien heute ganz andere als damals und reichten vor allem in der Kochertalachse weit über Oberkochen hinaus. Was würde es da nützen, so Brütting, mit dem Zug vom Härtsfeld in Aalen anzukommen. Der gleichzeitig betont, man wolle selbstverständlich keine Mobilitätsart am Albaufstieg für die Zukunft ausschließen. „Ich bin für jede kreative Idee offen.“