Onlinehandel

Kauf per Mausklick ersetzt nicht den Service

Aalen / Lesedauer: 7 min

Einzelhändler spüren die Konkurrenz im Internet – Einige sehen im Onlinehandel eine Gefahr für kleine Läden
Veröffentlicht:31.01.2014, 18:20
Aktualisiert:24.10.2019, 17:00

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Eine große Konkurrenz für den Aalener Einzelhandel sind nicht die Mitbewerber aus den Nachbarstädten Schwäbisch Gmünd, Heidenheim oder Ellwangen, sondern das Internet. „Für das Jahr 2013 wird mit einem Umsatz im deutschen Onlinehandel gerechnet, der die 40-Milliarden-Grenze übersteigen wird“, zitiert Citymanager Reinhard Skusa einige Studien. 2012 waren es noch 29,5 Milliarden Euro. Das vermehrte Geschäft per Mausklick oder via iPhone spüren auch viele der inhabergeführten Betriebe in der Aalener City. Geht diese Entwicklung so weiter, befürchten einige sogar, dass manche Läden schließen.

Zwischen 40 und 60 Prozent aller Spielzeuge werden von Kunden bereits im Internet gekauft. Das merkt auch , Inhaber des gleichnamigen Spielzeugwarengeschäfts. Vor allem die sogenannte Schachtelware, dazu zählen Artikel wie Lego oder Playmobil, würden hier zahlreiche Abnehmer finden.

„Es ist einfach bequem, noch um 22 Uhr vom Sofa aus seine Bestellung abzuschicken“, sagt Wanner. Zudem sei das Angebot im Internet größer als im Handel und die Ware werde dort auch günstiger angeboten. Beim Preisvergleich würden die meisten allerdings vergessen, dass der Inhaber eines Geschäfts auch sein Personal bezahlen muss. Oft komme es vor, dass bei Wanner Ware zwar angeschaut, der Artikel dann aber übers Internet gekauft wird.

Ein Allheilmittel, wie man mit der Konkurrenzsituation am besten umgeht, hat Wanner nicht. Er versucht, mit gutem Service zu punkten. Seiner Ansicht nach wäre es auch mal ganz gut, eine Aktion zu starten, die die Leute wachrüttelt. Wanner denkt dabei an eine acht Tage lang andauernde Protestaktion in einer Stadt im Badischen. „Dort wurden bei allen Geschäften die Schaufenster zugeklebt und mit dem Satz versehen: ,So sieht die Innenstadt aus, wenn Sie weiter online bestellen‘.“

„Wenn das so weitergeht, wird irgendwann jedes zweite Geschäft zumachen“, prophezeit Holger Mallwitz , Inhaber des gleichnamigen Juweliergeschäfts. „Und dann merkt das auch die Stadt, denn dann fließt keine Gewerbesteuer mehr.“ Seiner Ansicht nach seien die Menschen, die im Internet shoppen, einfach zu faul, um in die Stadt zu gehen. Mit ihrer dort gekauften Uhr würden sie aber zu ihm kommen, um das Band kürzen zu lassen. „Bei Internetware ohne Garantieschein weigere ich mich allerdings, das zu tun“, sagt Mallwitz. Der Geschäftsmann hat aber noch dreistere Geschichten auf Lager. So würden beispielsweise Kunden in den Laden kommen und sich die Ringgröße geben lassen. Das Schmuckstück kaufen sie dann allerdings im Internet. Kritik übt er auch an großen Schmuck- oder Uhrenherstellern, die ihre Artikel erst online verkaufen und „wenn Weihnachten vorbei ist, wird der Einzelhandel beliefert“. „Eine Frechheit“, wie Mallwitz findet.

Entwicklung ist kritisch

Davon, dass sich Kunden im Laden stundenlang beraten lassen, dann unter einer Ausrede denselben verlassen und den Artikel aus preislichen Gründen im Internet erwerben, kann Marlies Böhringer von dem Geschäft „Leder Böhringer“ ein Lied singen. Sie habe auch Kunden, die die dort erworbene Ware bei Defekten bei ihr im Laden reparieren lassen. Die Zunahme im Onlinehandel spüre sie mit Blick auf das ganze Sortiment. Aktionen wie der verkaufsoffene Sonntag seien zwar gut, hätten aber schwer nachgelassen. Zu jeder Zeit im Internet shoppen, sei eine tolle Sache. Das In-die-Hand-Nehmen und Kaufen mit allen Sinnen sei aber am emotionslosen Bildschirm nicht möglich. Die Entwicklung im Onlinehandel sieht sie kritisch. Ihrer Ansicht nach würden über kurz oder lang die Läden nach und nach aussterben. Bei all den Kosten, die an einem Geschäft dranhängen würden, könne sich ein kleiner Laden nicht lange über Wasser halten.

Die „lawinenartige Zunahme“ im Onlinehandel spürt auch Michael Völter , Inhaber der gleichnamigen Apotheke, und das mit Blick auf alle Arzneimittel. In der Vergangenheit hätten die Krankenkassen ihre Kunden „angespitzt“, ihre Medikamente über Internetapotheken zu beziehen, damit sie keine Rezeptanteile bezahlen müssen. „Das ist illegal gewesen. Deshalb haben die Kassen richterlich auch eins auf die Nuss bekommen“, formuliert Völter salopp. Nichtsdestotrotz seien dadurch viele Verbraucher auf den Pfad gebracht worden, ihre Arznei online zu erwerben. Dadurch würden den stationären Apotheken Mittel entzogen, die erforderlich seien, um eine ordentliche Leistung zu erbringen. Völter warnt vor Käufen im Internet. Es gebe zwar viele renommierte Apotheken, aber auch zahlreiche schwarze Schafe. Im Netz seien Fälschungen Tür und Tor geöffnet. „Wenn jemand gefälschte Arzneimittel verkauft, macht er einen besseren Schnitt, als wenn er Heroin vertickt“, sagt Völter und erzählt von verunreinigten Rohmaterialien. Darüber hinaus würden andere Stoffe als angegeben vermischt. Unseriös seien auch viele Internetärzte, die ohne Untersuchung ein Rezept ausstellen, das der Verbraucher dann an die Versandapotheke im Internet schicken kann.

Fachhandel vor Ort geht kaputt

Als „gnadenlos“ bezeichnet Armin Abele , Inhaber des Musikgeschäfts Musika, die Konkurrenz im Internet. Diese Entwicklung, die den Fachhandel vor Ort kaputt mache, sei traurig. In der Musikbranche würden seit Jahren immer mehr Geschäfte schließen, weil sie nicht die Größe haben, um überleben zu können. Und dies werde noch weitere Ausmaße annehmen. Seine Hoffnung liegt jedoch in der Gesetzesänderung, die besagt, dass Onlineshops im Falle eines Widerrufs nicht mehr die Rücksendekosten tragen müssen, sondern ihren Kunden in Rechnung stellen können.

Nicht so gravierend spüre Jürgen Mayer , Inhaber von Haushaltswaren Mayer, die Konkurrenz durch den Onlinehandel. „Bereits vor dem Internet haben Kunden Produkte nicht bei uns gekauft, sondern über Quelle oder Neckermann bezogen“, sagt er. Vor der künftigen Entwicklung sei es ihm nicht bange. Er habe gehört, dass die Steigerungsraten im Onlinebereich auch schon abgeflacht seien. „Ich denke, dass auch hier irgendwann das Limit erreicht ist.“ Die Beratung vor Ort und der Service im Nachhinein würden die Einzelhandelsgeschäfte auszeichnen. Da komme das Internet nicht mit.

Dass der Onlinehandel zunimmt, merken auch wir“, sagt die Filialleiterin von Markenschuh Herrmann, Jenny Klaka . „Allerdings sind wir froh, dass wir gute Verkäuferinnen haben, die das abfangen können.“ Die Ware sei im Internet nicht immer günstiger, lediglich bei Restposten, sagt die Filialleiterin. „Wir versuchen mit Hauspreisen vor Ort jedoch gleich bessere Preise weiterzugeben.“ Dadurch, dass Kunden ihre Ware, die sie im Internet bestellt haben, nicht mehr kostenlos zurückschicken können, werde der Onlinehandel wieder zurückgehen, ist Klaka überzeugt.

Mit Emotionen überzeugen

„Für uns ist online kein Thema mehr“, sagt der Junior-Chef vom Modehaus Funk, Tobias Funk . Was früher der Kataloghandel gewesen sei, sei jetzt das Shoppen im Internet. Der Glaube, im Internet Artikel billiger zu bekommen, sei ein Irrglaube. Vielmehr würde der stationäre Handel Marken, die nicht laufen, schneller und stärker reduzieren, da das Internet auf mehr Kundschaft zurückgreifen könne als „wir am Aalener Standort“.

„Der Onlinehandel macht zwar tolle Umsätze, ist aber nicht rentabel“, sagt Citymanager Reinhard Skusa . „Zalando“ stecke beispielsweise immer noch in den roten Zahlen. Zwischen 60 und 80 Prozent der Ware werde auf Lastwagen in Deutschland herumgefahren. Darüber hinaus werde im Versandhandel vielmehr zurückgeschickt als im Einzelhandel umgetauscht wird.

„Wir werden nie verhindern können, dass Aalener im Internet bestellen, aber wir müssen deutlich machen: Das hätte ich auch in Aalen bekommen.“ Dass die Ware im Internet grundsätzlich billiger ist, sei ein Trugschluss. Darüber hinaus würden durch eine gute Beratung vor Ort Fehlkäufe vermieden. Nicht zuletzt sei auch die Kriminalität, die im Internet kursiere, ein Thema.

„Wenn es dem Einzelhandel nicht gelingt, über Emotionen Kunden von seiner Leistung zu überzeugen, wird der anonyme Handel profitieren. Wenn es aber gelingt, sich auf Stärken wie die persönliche Beratung und den direkten Bezug zum Kunden zu besinnen, wird der Onlinehandel nie eine Chance haben“, ist sich Skusa sicher. Der Einzelhandel müsse seine Hausaufgaben machen und Einmal-Kunden als Stammkunden gewinnen.

Laut Skusa müssten Verbraucher auch den Gesamtmix sehen. Aalen sei mit seiner vielfältigen Gastronomie und den inhabergeführten Geschäften so attraktiv, dass Menschen gerne hierher kommen und ihre Einkäufe mit Kaffee trinken, Besuchen des Wochenmarktes oder Besorgungen auf dem Rathaus verbinden. Auch Aktionen des Innenstadtvereins Aalen City aktiv wie etwa „Aalen City blüht“, verkaufsoffene Sonntage oder das Weihnachtsgewinnspiel seien wichtig, um Menschen in die City zu bringen. „Wir können zwar nicht den Umsatz einzelner Geschäfte beeinflussen, aber wir können letztendlich für die Fische sorgen, die der Angler fangen kann“, sagt Skusa.