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Aalen

Erwachsen werden in schwierigen Zeiten

Aalen / Lesedauer: 3 min

Mit der Bühnenadaption von Robert Seethalers „Der Trafikant“ ist das Staatstheaater Karlsruhe bei den Baden–Württembergischen Theatertagen in Aalen vertreten gewesen. Prädikat: eindrucksvoll.
Veröffentlicht:23.05.2023, 18:00

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„Theater ist tot“, brüllt der Gestapo–Mann ins Publikum, „der Jud hat ausgespielt.“ Hier müssen wir — wie in vielen anderen Punkten auch — widersprechen. Das Theater lebt, mehr denn je. Das hat die Bühnenadaption von Robert Seethalers „Der Trafikant“, mit dem das Staatstheaater Karlsruhe bei den 26. Baden–Württembergischen Theatertagen in Aalen vertreten war, eindrücklich bewiesen. Mal war es absolut still in der Stadthalle, mal brandete Applaus auf von den Zuschauerrängen, die allerdings nicht ganz gefüllt waren. Obwohl die Karlsruher Inszenierung sicher einer der Höhepunkte der Theatertage war.

Mit nur fünf Darstellern und einem sparsamen, aber eindrucksvollen Bühnenbild von Philip Rubner erzählt Regisseur Matin Kindervater die Geschichte des 17–jährigen Franz Huchel (Hadeer Hando), der hineingerät ins Vorkriegs–Wien, ja quasi ins Leben stolpert. Aufkommender Faschismus, Bräsigkeit, Judenhass, Ignoranz, aber auch Heimweh, Liebe und Lebensweisheit stürmen auf den jungen Mann ein und verändern ihn.

Er landet beim Trafikanten Otto Tresnjek (Nico Herzig), einem kurz angebundenen, kantigen, aber klugen Nonkonformisten, der das Spiel der Nazis nicht mitspielen will. Der ganze Schrecken eingedampft auf eine Trafik, also einen Kiosk, an dem’s Zeitungen, Zigarren und Kleinwwaren gibt. Es sind harte Zeiten: „Das ist nicht der Kanal, was hier stinkt. Das sind die Zeiten“, lernt der Lehrbub, der „Burschi“.

Und er lernt den Psychoanalytiker Sigmund Freud (sehr professoral, aber doch nahbar: Christina Niessen) kennen, den Mann, „der den Leuten den Schädel wieder gerade biegen kann“. Im Gespräch mit Freud lernt Franzl fürs Leben, wie man Träume deutet, wie man mit Herzensdingen umgeht („Von der Liebe versteht niemand irgendwas“) und taucht aus dieses „Coming–of–Age“-Geschichte vor historischem Hintergrund — gespickt mit vielen klugen Sätzen — als selbstbewusster junger Mann wieder auf. Nicht, ohne die misslungene Liaison mit Varietétänzerin Anezka (Alisa Kunina) verarbeitet zu haben. So viel zum Inhalt, Seethalers „Der Trafikant“ ist schließlich mittlerweile Schullektüre, ja sogar Prüfungslektüre im Deutschunterricht.

Hadeer Hando bekommt von Regisseur Kindervater alle Freiheiten. Hando Huchel purzelt geradezu auf die Bühne und nimmt sie in Beschlag: Quicklebendig, neugierig, lebenshungrig, naiv sürmt er durch ungestüme Zeiten. Zwischen die Szenen setzt Kindervater Franzl Briefwechsel mit der Mama zuhause. Mit großformatigen Videoeinspielern meldet sich Mama (Cindy Weinhold, auch für die Musik der Produktion verantwortlich) immer wieder aus der österreichischen Provinz und hilft ihrem Sohn durch Irrungen und Wirrungen. Überhaupt ist Kindervaters Inszenierung angelegt wie ein Spielfilm. Zuschauerinnen und Zuschauer wähnen sich hin und wieder im Kino, aber auch das passt zum Stück, das ansonsten herrlich schnörkellos daherkommt. Das Bühnenbild: eine Wand mit vier großen Jalousien, Straßenlaterne, Mülltonne, Ruhebank — so einfach geht Wien. Wie gesagt: Das Theater ist nicht tot.