Ehrenmord

Islam: Aalenerin schlägt Unverständnis entgegen

Aalen / Lesedauer: 7 min

Als 17-Jährige ist Katja Börner zum Islam konvertiert – Seither schlagen ihr Intoleranz und Unverständnis entgegen
Veröffentlicht:19.08.2015, 09:40
Aktualisiert:24.10.2019, 00:00

Von:
Artikel teilen:

„Terrorismus, Zwang, Ehrenmord. Die Vorurteile über den Islam sind heftig ausgeprägt. Dabei dachte ich, dass Deutschland ein tolerantes Land ist“, sagt Katja Börner.

Die 19-Jährige ist vor zwei Jahren zum Islam konvertiert. Sie trägt auch die so genannte Hijab – einen Schleier, der über Kopf, Hals und Brust gebunden wird. Seit ihrer Entscheidung, den muslimischen Glauben auszuleben, schlagen ihr fast täglich Intoleranz und Unverständnis entgegen. Auch ihre Familie und Freunde waren anfangs von ihrem Schritt keineswegs begeistert.

Vor zwei Jahren hat sich die damals 17-Jährige, die in Dewangen aufgewachsen ist und mittlerweile in Schwäbisch Gmünd lebt, dazu entschlossen, zum Islam zu konvertieren. Es war allerdings keine Entscheidung von jetzt auf nachher, sondern ein langer Prozess, sagt Katja, die im Juni am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium an der Justus-von-Liebig-Schule in Aalen ihr Abitur gemacht hat. Hier lernte sie auch ihren jetzigen Freund, einen praktizierenden Moslem kennen. Damals war er allerdings nur ein Schulkamerad. „Eines Tages ist er in der Mittagspause aus dem Klassenzimmer hinausgegangen und hat gebetet. Das hat mich fasziniert und ich habe mich gefragt, was einen Menschen dazu treibt, seinen Alltag so zu gestalten, dass er mitten am Tag seinen Glauben praktiziert und ich war neugierig darauf zu erfahren, was der Islam wirklich ist.“

Es kommt auf die Auslegung an

Auf der Suche nach der Antwort hat die Schülerin viele Bücher gewälzt, recherchiert und schließlich auch den Koran gelesen und zwar mehrmals. Mit Farbstiften hat sie verschiedene Stellen unterstrichen – „mit Grün diejenigen Aussagen, die ich gut fand, mit Rot diejenigen, die ich nicht akzeptieren konnte, weil sie für mich den Anschein hatten, menschenverachtend zu sein“, sagt Katja und denkt etwa an die Passage, dass der Mann höher steht als die Frau. In Gesprächen mit ihrem Klassenkameraden habe er ihr allerdings deutlich gemacht, dass man solche Aussagen immer mit der „Sunna“ vergleichen muss, mit der Lebensweise des Propheten Mohammed oder damit, wie dieser den Koran ausgelegt hat. Und danach werde ganz klar, „dass Frauen im Islam gleichgestellt sind und die Frau einen hohen Stellenwert genießt“.

„Es war meine freie Entscheidung, zum Islam zu konvertieren“, sagt die 19-Jährige. „Und ich habe das aus fester Überzeugung heraus getan. Die Religion gibt mir Zufriedenheit und zeigt mir andere Blickwinkel.“ Mit einer Gehirnwäsche, mit Zwang und Manipulation hatte das Ganze nichts zu tun. Auch wenn einige ihrer Freunde das behauptet haben. Als sie von Katjas Schritt erfuhren, reagierten die meisten von ihnen mit Unverständnis. „Die hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Gehörst Du jetzt auch zu den Kopftuchträgern?“, erinnert sich die aus Aalen stammende junge Frau an die damaligen Reaktionen ihres Freundeskreises, der sich aufgrund ihres Schrittes sehr minimiert habe. „Dabei wollte ich gar nicht, dass sie mich verstehen, sie sollten mich einfach akzeptieren. Ich bin die Gleiche geblieben auch wenn ich fünf Mal am Tag bete, keinen Alkohol trinke, kein Schweinefleisch esse und an Ramadan faste.“

Dass Katja zum Islam übergetreten ist, war auch für ihre Familie ein Schock. „Zuerst dachten sie, es sei eine Art Trotzreaktion, verstanden haben sie meine Entscheidung nicht.“ Anfangs habe es auch oft Streit gegeben, vor allem deshalb, weil sie sich auch äußerlich verändert hat. „Statt kurze Hosen und T-Shirts mussten sie lernen damit umzugehen, dass ich Kopftuch, Oberteile mit langen Ärmeln und schließlich die Hijab trage, mich nicht mehr schminke, und Schmuck und Parfum tabu sind.“ Für die männlichen Mitglieder ihrer Familie war es auch eine Umstellung, dass Katja sie nicht mehr so innig begrüßen darf. Ihre Cousins und angeheirateten Onkels darf sie nicht umarmen. „Ich darf nur diejenigen männlichen Verwandten berühren, die ich nicht heiraten darf, also meinen Vater beispielsweise.“

Das Verhältnis zu ihren Eltern sei heute besser als vor zwei Jahren. Auch wenn ihnen die islamische Bekleidung nach wie vor ein Dorn im Auge sei. Darüber hinaus machen sie sich Sorgen über die berufliche Zukunft von Katja, die an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd Grundschullehramt studieren möchte. Wie sie den Beruf einmal mit Kopftuch ausüben möchte, sei ihnen ein Rätsel. Doch Katja baut diesbezüglich ganz auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, nach dem die Schule entscheiden darf, ob an ihr mit Kopftuch unterrichtet werden darf oder nicht, und auf deren Basis jetzt das Land Baden-Württemberg aufgefordert ist, das Schulgesetz zu ändern. Darüber hinaus hat die 19-Jährige die ganz große Hoffnung, dass sich während ihres fünfjährigen Studiums noch viel in dieser Richtung tut und das Unterrichten mit Kopftuch zur Normalität wird. „Andernfalls bin ich auch gerne die Vorreiterin und kämpfe darum.“

Verhalten grenzt an Rassismus

Es gehöre viel Mut dazu, sich auch äußerlich zum Islam zu bekennen, sagt Katja. Dadurch ecke sie auch in ihrem Alltag an. Die 19-Jährige erzählt von vielen unschönen Erlebnissen. Unverschämt sei etwa eine Frau im Bus gewesen. „Als sich ihre Tochter auf den Platz neben mich setzen wollte, hat sie ihr Kind weggezogen und sich woanders hingesetzt. Ich war sprachlos darüber, mit welchem Verständnis die nächste Generation aufwachsen muss.“ An Rassismus grenzte auch das Verhalten einer älteren Dame an der Bushaltestelle. „Als der Bus heranfuhr, ist mir meine Fahrkarte auf den Boden gefallen. Als ich sie aufheben wollte, hat mich die Frau von hinten geschubst und gemeint ,in Deutschland steigt man ein, wenn der Bus anhält‘. Auf mein ,Wie bitte‘? hat sie mich gefragt, ob ich kein Deutsch spreche. Als ich ihr dann gesagt habe, dass ich Deutsche bin, hat sie gemeint, ,ja, auf dem Papier vielleicht’.“ Bei einem so diskriminierenden Verhalten ihr gegenüber fragt sich die 19-Jährige schon, wie sich dann erst Nichtdeutsche in unserem Land integrieren sollen.

„Terrorist.“ Dieses Wort habe ihr auch schon der eine oder andere Passant hinterher gerufen. Der 19-Jährigen stößt es sauer auf, dass der Islam immer mit Terror in Verbindung gebracht wird. „Von einem christlichen Bankräuber oder einem buddhistischen Attentäter spricht niemand.“ Sicherlich gebe es Radikale, die mit ihren Taten ein schlechtes Bild auf alle Muslime werfen, sagt Katja. Das habe aber nichts mit dem Islam zu tun. Denn: Der Terrorismus kennt keine Religion.

Für jeden Moslem gibt es fünf tragende Säulen

Wer zum Islam konvertieren will, muss das Glaubensbekenntnis auf Arabisch aussprechen. Manche machen das im Beisein von zwei muslimischen Zeugen. Katja Börner hat das Bekenntnis am Telefon gegenüber einer muslimischen Freundin ausgesprochen. In diesem hat sie bezeugt, dass es nur einen einzigen Gott (Allah) gibt und der Prophet Mohammed der Gesandte Gottes ist. Für jeden Moslem gibt es fünf tragende Säulen im Islam. Die erste Säule ist das Glaubensbekenntnis, die zweite das Gebet, das Muslime fünf Mal am Tag verrichten. Die dritte Säule ist die Armen- oder Almosensteuer. „Diese besagt, dass derjenige Moslem, der vermögend ist, im Jahr ein Vierzigstel seines Einkommens an Bedürftige spenden muss“, sagt Katja Börner. Die vierte Säule ist das Fasten im Monat Ramadan und die fünfte Säule ist eine Pilgerfahrt nach Mekka. „Ein Moslem ist jemand, der diese fünf Dinge befolgt und sich aus Liebe zu seinen Mitmenschen als barmherziger Mensch erweist“, sagt die 19-Jährige.