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50 Jahre lang durchgängig beim Autmobilzulieferer SHW: Ein Mitarbeiter berichtet

Aalen / Lesedauer: 7 min

Lothar Ladel arbeitete mehr als 50 Jahre lang am immer gleichen Standort beim Automobilzulieferer SHW – Was sich in dieser Zeit alles verändert hat
Veröffentlicht:29.06.2022, 18:00
Aktualisiert:29.06.2022, 18:28

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Als Lothar Ladel anfing bei dem Automobilzulieferer SHW zu arbeiten, zeigte der Kalender den Monat September im Jahr 1971 an. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg hieß damals Hans Filbinger . In der DDR wurde Erich Honecker gerade zum neuen SED-Chef gewählt, und es sollte nicht mehr so lange dauern, bis die Ölkrise den Industrienationen des Westens ihre Abhängigkeit von Ölimporten schmerzhaft vor Augen führen würde.

Ladel, gerade 15 Jahre alt, allerdings hatte damals ganz andere Dinge im Kopf. Er hatte die Hauptschule hinter sich gebracht und war froh drum. „Für die Schule hatte ich immer wenig Interesse“, sagt er. Da war ihm das Arbeitsleben schon lieber. Er fragte seinen Bruder um Rat, welcher Beruf zu ihm passen könnte. Der empfahl ihm, Elektriker zu werden. Sein Vater wiederum kannte das Unternehmen SHW in Aalen-Wasseralfingen und schlug vor, sich dort vorzustellen. „Ich hatte mein Schulzeugnis dabei und sonst gar nichts“, sagt Ladel. Er kann sich noch genau daran erinnern, dass ihn die Leute von SHW fragten, ob er denn den Satz des Pythagoras kenne. „Da muss ich wohl gefehlt haben in der Schule“, antwortete Ladel damals.

50 Jahre ohne Unterbrechung bei einem Unternehmen

Heute kann er darüber lachen, denn zum großen Problem wurden die fehlenden Kenntnisse über die Geometrie-Formel für ihn nicht. Ladel bekam trotzdem den Ausbildungsplatz zum Elektroinstallateur. Und für SHW lohnte sich die Einstellung allemal. Denn Ladel blieb ganze 50 Jahre lang bei dem Unternehmen in Aalen-Wasseralfingen – von der Lehre bis zur Rente. In der heutigen Zeit, in der viele Menschen häufig ihren Job wechseln, ist das fast eine Sensation. Seit Mai nun ist der 65-Jährige im Ruhestand.

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Mit der Lehre zum Elektroinstallateur fing Ladel zwar damals an, aber er wechselte schon nach kurzer Zeit zur Ausbildung zum Maschinenschlosser auf Wunsch seines Lehrmeisters. „Der scheint ein Talent dafür in mir gesehen zu haben“, sagt Ladel. Über sich selbst sagt er, dass er Disziplin gehabt habe, und kräftig sei er, als einer der immer viel Sport gemacht habe, auch gewesen. Also bekam es Ladel mit den ganz großen Maschinen zu tun.

Anfänge reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück

SHW produziert Pumpen und Motorkomponenten, Sinterteile und Bremsscheiben für Autos, Lastwagen und Agrar- und Baumaschinen. Die Anfänge des Unternehmens reichen bis in das 14. Jahrhundert zurück, als die Verhüttung von Eisenerz auf der Schwäbischen Alb begann. Lange konzentrierte sich die Tätigkeit der Schwäbischen Hüttenwerke GmbH auf den Bergbau, den Betrieb von Hüttenwerken und den Handel mit Rohstoffen.

Etwa ab den 1970er-Jahren begann SHW sich verstärkt auf das Automobilzuliefergeschäft zu konzentrieren. Seit 2005 firmierten die Kfz-Geschäftsbereiche unter Schwäbische Hüttenwerke Automotive GmbH. Als SHW AG ging das Unternehmen später an die Börse. Seit 2018 gehört es zur neu formierten Pankl AG , die gleichzeitig Mehrheitsaktionär ist. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Umsatz von 427 Millionen Euro.

Viel Schmutz und Presskraft

Lothar Ladel kann sich noch genau an die Anfangszeit bei SHW erinnern, vor allem eben an die riesigen Maschinen, die er bedienen musste. Denn die Sinterteile, die in Motor-, Getriebe- und Chassis-Applikationen von Fahrzeugen zum Einsatz kommen, werden aus Metallpulver hergestellt. Hierzu wird für große Bauteile eine riesige Presse mit bis zu 800 Tonnen Presskraft benötigt. Das Metallpulver „ist wie Graphit, da hast du ausgesehen wie ein Kaminfeger“, sagt er und erzählt, dass die Waschmaschine bei den Ladels daheim eigentlich ständig lief.

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Teilweise sei das Metallpulver von den Arbeitskräften sogar selbst angemischt worden. Per Hand hätten die Mitarbeiter damals auch noch die fertigen Teile aus der Presse entnommen, keine ungefährliche Sache. „Heute geht das mit Robotern oder Handlingsystemen“, sagt Ladel. Damals, als er bei SHW angefangen an, seien Änderungen oder Anweisungen noch mit der Rohrpost durch das Werk geschickt worden. Heute laufen die Besprechungen über das Konferenztool Teams.

Fehler suchen wie ein Detektiv

Nach dem Abschluss seiner Lehre im Jahr 1975 wurde Ladel so genannter Maschineneinrichter, war für das Kalibrieren und Nachjustieren der Pressen verantwortlich. Bei Störungen legte er selber mit Werkzeug Hand an. „Da hast du wie ein Detektiv den Fehler gesucht. Heute kommt man an eine laufende Maschine gar nicht mehr ran“, sagt Ladel. Oft greift man digital auf die Maschinen zu.

Die Digitalisierung und Automatisierung habe alles bei dem Automobilzulieferer in rasantem Tempo verändert. Besonders seit 2018 habe die Pankl AG noch einmal massiv in die Automatisierung investiert. „Jemand der vor fünf Jahren in Rente gegangen ist, würde sich im Werk heute schon nicht mehr zurechtfinden“, sagt Ladel.

Mit der Automatisierung sei alles viel sicherer geworden, sauberer und einfacher. Gleichzeitig aber auch komplexer und durchgetakteter. Einfach mal Pause zwischendrin machen, ist nicht mehr drin. Dafür gibt es Vorgaben. Auch „für jeden Handgriff gibt es eine Anweisung“, sagt Ladel. Auf diesem Wege wurde seit den 70er-Jahren alles deutlich effizienter. „Mit der gleichen Zahl an Mitarbeitern machst du heute 70 Millionen Euro Umsatz, während es zu meiner Anfangszeit vielleicht 20 Millionen Euro waren.“

Nachts arbeiten, tagsüber Haus bauen

Aber für Ladel waren genau diese Veränderungen auch immer spannend. „Es ist nie langweilig geworden in den 50 Jahren“, sagt er. Daheim baute der zweifache Familienvater tagsüber ein Haus inklusive Fitnessstudio, um dann nachts im Werk durchzuarbeiten und das Geld dafür reinzuholen. Im Jahr 1996 wurde er zum Produktionsmeister ernannt, bis er 1999 als Ansprechpartner zur Qualifizierung der Anlageneinrichter berufen wurde und zugleich als Entwicklungstechniker tätig war.

Ruhestand

Nach über 50 Jahren im Ruhestand

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Dabei habe er immer den „Riesenvorteil“ gehabt, dass er aus der Praxis kam. Er kannte alle Vorgänge und Maschinen bis ins kleinste Detail. „Junge Leute, die heute von der Schule kommen, tun sich da etwas schwerer“, sagt Ladel, „weil die Praxis an den Maschinen fehlt.“

Zusätzlich steht den Mitarbeitern jetzt die wohl größte Umstrukturierung im Automobilbereich bevor, nämlich die hin zur Elektromobilität. SHW ist beim Umsatz noch zu 90 Prozent vom Verbrennungsmotor abhängig, was sich aber ändern soll. Gerade hat SHW ein Elektromobilitätszentrum eingerichtet. „Damit ist der Prozess zur Produktionsumstellung am Laufen“, sagte SHW-Chef Wolfgang Plasser Mitte Juni im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“.

Die riesige Transformation

Ladel sieht die Transformation als riesige Herausforderung. In Elektroautos kommen zum Beispiel auch Pumpen zum Einsatz, aber es sind eben andere Pumpen als die, die beim Verbrenner gebraucht werden. Die Konkurenz für solche Kleinteile in Europa sei recht groß, sagt Ladel. „Und wir sind mehr auf komplexe Teile spezialisiert. Das benötigt Großpressen.

Für die E-Mobilität sind hauptsächlich Kleinpressen unter 50 Tonnen nötig, die wir zwar auch haben, die aber nicht so spezialisiert sind, wie bei mancher Konkurrenz-Firma in Europa.“ Auf das Werk in Aalen-Wasseralfingen kommt also einiges an Umstellung zu. Einerseits scheint Lothar Ladel froh zu sein, dass er diese Transformation nicht mitbewältigen muss. Gleichzeitig merkt man dem 65-Jährigen an, dass eine weitere Herausforderung für ihn auch kein Problem wäre.

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