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Zu hohe Kosten

„Sehr bitter“: Evangelische Kirchengemeinde muss Gemeindehaus verkaufen

Aalen-Dewangen / Lesedauer: 5 min

Pfarrer Kevin Stier-Simon erklärt den „bitteren Schritt“ der evangelischen Kirchengemeinde Fachsenfeld und Dewangen.
Veröffentlicht:26.11.2023, 05:00

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Das evangelische Gemeindehaus in der Dorfmitte von Dewangen wird verkauft. „Das ist sehr bitter“, bedauert Pfarrer Kevin Stier-Simon. Schweren Herzens hätten die Verantwortlichen der evangelischen Kirchengemeinde Fachsenfeld und Dewangen diese Entscheidung jetzt treffen müssen. Ab Mitte nächsten Jahres wird sich das Gemeindeleben dort konzentrieren, wo seit über fünf Jahrhunderten die zweitälteste evangelische Kirche Württembergs steht: in Fachsenfeld. Das betrifft die Gottesdienste und auch die Gruppen, die sich bisher in Dewangen treffen.

Fünf Immobilien besitzt die evangelische Kirchengemeinde Fachsenfeld und Dewangen. Vier davon befinden sich in Fachsenfeld. Da ist natürlich die historische Pfarrkirche, die Reichsritter Hans Siegmund von Woellwart 1591 erbauen ließ, als er in seinem Territorium den evangelischen Glauben einführte. Dazu kommen das Pfarrhaus, das in den 1970ern gleich neben der Kirche gebaut wurde, der evangelische Kindergarten sowie das neue, erst 2004 errichtete Olga-von-Koenig-Haus, wie das Gemeindehaus Fachsenfeld heißt.

In Dewangen dagegen steht das große, alte Schulhaus, das als evangelisches Gemeindehaus genutzt wird. Die evangelische Kirchengemeinde hatte es laut dem Pfarrer 1982 zunächst angemietet und 1986 schließlich gekauft, weil es zu dieser Zeit einen großen Zuzug evangelischer Christen gab, darunter viele Professoren der Hochschule Aalen. Es habe damals ein sehr lebendiges Gemeindeleben gegeben. Bis heute sei das Gemeindehaus für viele Dewanger Teil ihrer Biographie, sie seien dort getauft und konfirmiert und hätten viele schöne Stunden dort verbracht, etwa beim Seniorennachmittag oder beim Ruhepol-Gottesdienst. Es finden hier regelmäßig Gottesdienste statt. Außerdem treffen sich zwei Mutter-Kind-Gruppen, ein Nähkurs, eine Yoga-Gruppe, ein Blockflötenensemble und ein Aquarellmalkurs in den Räumlichkeiten. Im ersten Stock befindet sich zudem eine Einliegerwohnung, in der eine Familie wohnt. Er könne schon verstehen, sagt Stier-Simon, wenn mancher Dewanger damit hadere, wenn die Kirchengemeinde nun ausgerechnet diese einzige Dewanger Immobilie aufgebe. Doch dafür gebe es Gründe.

Es liegt an den Finanzen, natürlich. Das zweistöckige Gebäude mit großem Dachboden und riesigem Keller, mit Gemeindesaal, Küche und mehreren weiteren Räumen, ist in die Jahre gekommen und müsste dringend renoviert werden. „Schon vor sechs Jahren hat eine Architektenschätzung ergeben, dass eine Komplettrenovierung rund eine Million Euro kosten würde“, sagt Pfarrer Stier-Simon. Und das war vor Corona, Energiekrise, Ukrainekrieg und Inflation. Vor allem in die energetische Sanierung müsste enorm viel Geld gesteckt werden. Geld, das die evangelische Kirchengemeinde „nicht ansatzweise“ hat, so der Pfarrer.

Zuschüsse der Landeskirche seien nicht zu erwarten. Denn der Oberkirchenrat als höchstes Gremium der evangelischen Landeskirche Württemberg habe im Frühjahr diesen Jahres ein Baumoratorium verhängt. Seither werde die Verhältnismäßigkeit von Bauprojekten sehr genau geprüft. Was laut Stier-Simon „die allermeisten Bauprojekte in Frage stellt“.

Mit dieser Maßnahme reagiert die Landeskirche auf eine traurige Entwicklung. Es gibt immer mehr Kirchenaustritte und dadurch auch immer weniger Einnahmen aus der Kirchensteuer. „Die Menschen wenden sich zunehmend ab“, bedauert Pfarrer Stier-Simon. Das werde sich auch auf den Pfarrplan auswirken. Ab März 2024 werde er nicht mehr zu 100 Prozent, sondern nur noch zu 50 Prozent für die Kirchengemeinde Fachsenfeld und Dewangen da sein und dafür zu 50 Prozent auch die Seelsorge am Ostalb-Klinikum übernehmen. Der erste Gottesdienst in der Klinik soll am 10. März 2024 stattfinden. Ab dem Jahr 2030 dann sieht der Pfarrplan vor, dass sich die Fachsenfelder und Dewanger ihren evangelischen Pfarrer mit der Gemeinde Abtsgmünd teilen. „Die Menschen, die sich der Kirche zugehörig fühlen, werden weniger. Das Personal wird weniger. Und nun wird auch der Immobilienbestand kleiner“, verdeutlicht Pfarrer Stier-Simon.

Überraschend komme das nicht. Über den Verkauf des Dewanger Gemeindehauses diskutiere man bereits seit sieben Jahren. Seit Stier-Simon vor drei Jahren die Pfarrstelle in der Gemeinde übernahm, ist er mit in der Verantwortung und versichert: „Wir haben es uns nicht leicht gemacht.“ Im Oktober 2022 habe sich der Kirchengemeinderat ein ganzes Wochenende lang in Klausur begeben, um über die Zukunft des alten Schulhauses zu beraten. Schon im Oktober desselben Jahres sei dem Gremium eigentlich klar gewesen, dass es zu einem Verkauf kommen müsse. „Trotzdem haben wir noch ein Jahr lang nach einer anderen Lösung gesucht“, betont der Pfarrer. Aber letztendlich feststellen müssen: „Es ist nicht verhältnismäßig, wenn wir das Gebäude behalten.“ Am 9. Juni 2024 wird Dekan Ralf Drescher es bei einem letzten Gottesdienst entwidmen.

Mit der Entscheidung zum Verkauf geht die Frage einher, wo sich seine Nutzer künftig treffen sollen. Für die meisten ist die Antwort klar. „Der Nähkurs freut sich, mit seinen schweren Nähmaschinen künftig ins barrierefreie Fachsenfelder Gemeindehaus zu kommen“, weiß Pfarrer Stier-Simon. Auch das Blockflötenensemble, das ohnehin regelmäßig eine geistliche Abendmusik in der Fachsenfelder Kirche gestalte, nehme die drei Kilometer zum Olga-von-Koenig-Haus gern in Kauf, ebenso der Aquarellkurs. Nur für die beiden ökumenischen Mutter-Kind-Gruppen sei dies keine Lösung, da sie auch Platz für Spielzeug bräuchten. Der sei in Fachsenfeld, wo der Gemeindesaal auch für Aussegnungen genutzt werde, nicht vorhanden. „Die Mutter-Kind-Gruppen liegen uns am Herzen“, versichert der Pfarrer. Man sei noch auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten und hoffe, dass sich vielleicht bei der katholischen Kirchengemeinde eine Möglichkeit auftue.

Für das alte Schulhaus sei man zwar noch gar nicht auf Käufersuche gegangen. Dennoch habe sich mit der Aalener Wohnungsbau GmbH bereits ein Interessent gemeldet. „Wir sind gespannt, was daraus wird“, sagt der Pfarrer. Seine Kirchengemeinde würde von einem Verkauf zwar nicht reicher werden - der größte Teil des Erlöses würde zur Rückzahlung von Zuschüssen an die Landeskirche gehen. Doch hofft Stier-Simon, dass die Kirchengemeinde beim Käufer des alten Schulhauses wieder „ein Räumle“ anmieten könnte, in dem sich die evangelischen Christen Dewangens in Zukunft versammeln können. „Das wäre ein Traum.“