StartseiteRegionalRegion OstalbAalen-DewangenDewangen hat eine neue Hausärztin - Andernorts ist die Versorgung schlecht

Zu wenig Hausärzte

Dewangen hat eine neue Hausärztin - Andernorts ist die Versorgung schlecht

Aalen-Dewangen / Lesedauer: 6 min

Dr. Sandra Esber-Schimmel eröffnet am 8. Januar ihre Praxis in Dewangen. Hier ist die Versorgung gesichert. Sorge bereitet der Stadt die Situation in Wasseralfingen.
Veröffentlicht:08.12.2023, 05:00

Artikel teilen:

Das Sterben der Hausarztpraxen bereitet vielen Bürgern Sorge. In der Vergangenheit haben etliche Arztpraxen mangels Nachfolge geschlossen. Aufatmen kann indes Dewangen. Nach über acht Jahren ohne Hausarzt eröffnet hier Dr. Sandra Esber-Schimmel zum 8. Januar eine Zweigstelle der Essinger Gemeinschaftspraxis in den Räumlichkeiten des ehemaligen Getränke-und Schreibwarenmarkts Bäuerle in der Ortsmitte gegenüber der Kirche.

Bereits am Donnerstagnachmittag wurde sie von OB Frederick Brütting, der Ortsvorsteherin von Dewangen, Andrea Zeißler, und dem Geschäftsführer der Aalener Wohnungsbau, Michael Schäfer, willkommen geheißen.

Elf Jahre lang ist Dr. Jürgen Mardo für seine Patienten in Dewangen da gewesen. Dann kam die Hiobsbotschaft, dass er in der Wellandgemeinde seine Zelte abbricht. Fortan mussten sich die Dewanger eine andere Hausarztpraxis suchen. Viele sind in Fachsenfeld oder in Abtsgmünd untergekommen.

Die Lage verschärfte sich allerdings, als die dortigen Ärzte Dr. Bernd Musold und Dr. Wolfgang Schlipf altersbedingt ihre Praxis schlossen. Die Suche nach einem Hausarzt fing von vorne an. Einige Welland-Bürger sind in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Sandra Esber und Dr. Siad Esber in Essingen untergekommen.

Wasseralfingen und Hofen sind unterversorgt

Nicht besser erging es Patienten in Wasseralfingen mit dem Aus der Praxis des Allgemeinmediziners Dr. Holger Grasselt in der Bismarkstraße 38 vor einem Jahr, der ebenfalls keinen Nachfolger fand. Noch gibt es im größten Aalener Stadtbezirk zwar noch drei Praxen, doch auch deren Aufnahmekapazität ist begrenzt.

Und angesichts des Alters der dort praktizierenden Mediziner wird sich auch hier künftig die Frage nach einer Nachfolge stellen. Ein Grund, warum die Stadt Aalen Wasseralfingen und Hofen als „unterversorgt“ auf die Agenda genommen hat, um dort künftig ein Konzept zur hausärztlichen Versorgung zu erstellen.

Dass in jedem Ort ein Hausarzt praktiziert, ist nicht mehr selbstverständlich. Groß ist deshalb die Freude im Welland. Am 8. Januar wird Dr. Sandra Esber-Schimmel ihre Praxis in der Leintalstraße 21 eröffnen. Bereits am 3. Januar gibt es von 14 bis 17 Uhr einen Tag der offenen Tür.

Dass Dewangen wieder einen Hausarzt bekommt, ist dem Engagement der Ortsvorsteherin Andrea Zeißler und der Stadt Aalen zu verdanken, die mit einer Kampagne unter anderem unter dem Motto „Dorf, leider Single, sucht Hausarzt/Hausärztin fürs Leben“ eifrig die Werbetrommel rührte. Überdies wird die Allgemeinärztin mit 30.000 Euro aus dem Förderprogramm zur Ansiedlung von Hausärztinnen und Hausärzten unterstützt. Für die medizinische Ausstattung der Praxis habe sie eine Zusage über Fördermittel aus dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) erhalten.

Knapp über eine Million investiert

Die Räumlichkeiten mietet Dr. Esber-Schimmel für vorerst zehn Jahre mit Option auf Verlängerung von der Aalener Wohnungsbau an. Diese hat das Erdgeschoss des Gebäudes erworben und inklusive Umbau knapp über eine Million Euro in den Standort investiert. Anders als im ehemaligen Getränke Bäuerle befindet sich der Eingang nicht vorne, sondern an der Seite.

Im bisherigen Eingangsbereich hat die Rezeption ihren Platz. Daran schließen sich auf rund 180 Quadratmetern ein Wartezimmer, vier Sprechzimmer und drei Räume für EKG, Sonografie sowie Infusionen und Blutentnahme an.

Fünf Medizinische Fachangestellte (MFA) aus der jetzigen Gemeinschaftspraxis in Essingen werden hier beschäftigt sein, plus drei neue MFA, aus denen zwei aus Dewangen kommen, sagt Dr. Esber-Schimmel. Eine Terminvereinbarung sei nicht erforderlich.

Durch die Kombination der Praxis in Dewangen und der Essinger Gemeinschaftspraxis sei es möglich, Patienten dauerhaft zu behandeln und ihnen eine Garantie zu geben, immer einen Ansprechpartner vor Ort zu haben. „Wenn die eine Praxis geschlossen hat, hat die andere auf“, sagt die Allgemeinmedizinerin, der es wichtig ist zu betonen, dass sich mit dem Standort in Dewangen nichts für die Essinger Patienten zum Nachteil ändern wird.

Praxen sind heillos überfordert

Dass sich eine Ärztin für den Standort Dewangen gefunden hat, freut auch Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Laut Versorgungsgrad, der Stand 18. Oktober bei 97,5 Prozent im Altkreis Aalen betragen habe, sei die hausärztliche Versorgung ausreichend.

Sieben Hausärzte könnten sich nach dem Schlüssel hier noch niederlassen. Trotz dieser „guten“ Versorgungssituation sei es allerdings immer schwieriger, einen Termin zu bekommen, räumt Sonntag ein. Die Praxen seien heillos überlastet. Überdies stünden weitere Schließungen von Praxen an, für die kein Nachfolger gefunden werde.

Die Gründe dafür seien vielschichtig. Unter anderem seien viele Ärzte nicht mehr bereit dazu, freiberuflich zu arbeiten. Die meisten würden lieber eine Stelle in einem Krankenhaus oder als angestellter Arzt in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) antreten.

Das treffe vor allem auf Frauen zu, die mittlerweile den größten Anteil an Ärzten stellen und die angesichts von Familie nur noch bereit seien, in Teilzeit zu arbeiten. Überdies sei die Bereitschaft gering, sich in einer eigenständigen Praxis mit der ausufernden Bürokratie auseinanderzusetzen.

Trend geht hin zu Medizinischen Versorgungszentren

Der Trend geht laut Sonntag von kleineren Praxen hin zu Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) oder großen Gemeinschaftspraxen. Über kurz oder lang müssten sich die Patienten auch auf telemedizinische Angebote einstellen oder darauf, weitere Wege zum Hausarzt zurückzulegen, prophezeit Sonntag. Dieser Entwicklung blickt Dr. Esber-Schimmel mit Sorge entgegen.

„Patienten brauchen einen Ansprechpartner vor Ort, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis haben.“ Ziel müsse es sein, jede Praxis auf dem Land mit jungen Medizinern neu zu besetzen. Um diese für ihre ärztliche und unternehmerische Aufgabe fit zu machen, könnten sie in bereits vorhandenen Praxen mitarbeiten.

Großartig findet Kai Sonntag das Engagement der Stadt Aalen. Diese sei nicht in der Pflicht, die hausärztliche Versorgung zu gewährleisten. Dennoch sei es lobenswert, dass sie alles dafür tue, um diese in ihrem Bereich aufrechtzuerhalten.

Nicht nur mit Förderprogrammen, sondern auch, indem sie ein attraktives Wohn- und Arbeitsumfeld schaffe. Auch überlege die Stadt, mit Ausbildungsstandorten der Unikliniken zu kooperieren, um angehende Ärzte für Praktika in die Region Aalen zu holen. Und sie habe bei der „Wohnraumfindung“ für künftige Standorte ihre Unterstützung angeboten.

Kreis nimmt Hausärztemangel ernst

Der Ostalbkreis ist für den Hausarztbereich in fünf Mittelbereiche aufgeteilt. Laut aktuellem Bedarfsplan liegt der Versorgungsgrad im hausärztlichen Bereich in Aalen bei 97,5 Prozent, in Schwäbisch Gmünd bei 106,6 Prozent, im Schwäbischen Wald, zu dem etwa die Gemeinde Abtsgmünd zählt, bei 68 Prozent, in Ellwangen bei 82,5 Prozent und auf dem Härtsfeld bei 94,4 Prozent, gibt die Pressesprecherin des Landratsamts, Susanne Dietterle, einen Einblick in die Zahlen.

Mit Förderangeboten versuche das Landratsamt Fachkräfte für die Region zu gewinnen. Etwa mit einem Stipendium für Medizinstudenten oder der Gründung von medizinischen Genossenschaften wie der hausärztlichen Genossenschaft „Medwald“, bei der sich zwölf Kommunen des Schwäbischen Walds und die dort ansässigen Mediziner zu einem Verbund zusammengeschlossen haben, um die künftige hausärztliche Versorgung zu sichern.

Zwei neue Hausärzte im neuen Jahr in Abtsgmünd

Einen neuen Arzt, besser gesagt gleich zwei Hausärzte, bekommt auch die Gemeinde Abtsgmünd. Ab Januar werden Özlem Akcay und Ahmet Gönen im ersten Stock des Gebäudes am Rathausplatz 3 ihre Praxis eröffnen. Allerdings nur vorübergehend.

Langfristig soll auf dem Areal Angstenberger eine neue Praxis entstehen. Nachdem Dr. Wolfgang Klein in Untergröningen 2020 in den Ruhestand gegangen ist und Dr. Wolfgang Schlipf Ende März 2022 seine Praxis in der Hauptstraße geschlossen hat, gab es in Abtsgmünd nur noch die Allgemeinarztpraxis von Matthias Eh und Dr. Stefanie Rozsnoki.