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Eltern verzweifelt

Wohngruppe entlastet Eltern behinderter Kinder - Jetzt droht die Schließung

Wilhelmsdorf / Lesedauer: 4 min

In der „Schatzinsel“ in Zußdorf werden behinderte Kinder zeitweise betreut. So können die Eltern mal durchschnaufen. Doch nun droht das Aus. Viele sind verzweifelt.
Veröffentlicht:10.12.2023, 09:00

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„Wir sind verzweifelt“, sagt Sandra Eisen. Ihr neunjähriger Sohn Tristan, der mit dem Down-Syndrom lebt, verbringt regelmäßig Wochenenden in der Kurzzeitwohngruppe „Schatzinsel“ in Zußdorf. Dieses Angebot entlastet Eltern von Kindern mit Behinderung. In ganz Baden-Württemberg gibt es nur drei solcher Gruppen. Jetzt aber droht der „Schatzinsel“ die Schließung.

Tristan ist ein sehr aktives Kind, sagt Sandra Eisen. „Er rennt viel herum und möchte alles anfassen.“ Aufgrund seines Down-Syndroms sei der Neunjährige aber emotional und geistig auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkinds. Deshalb könne sie ihn kaum aus den Augen lassen. „Ich kann nicht mal kurz zur Waschmaschine gehen, ich muss immer nach ihm schauen“, schildert die Mutter. Hinzu kommt, dass ihr Sohn nicht sprechen kann.

Familie kommt an Grenzen

„Die Betreuung und Pflege von Tristan hat uns als Familie an unsere Grenzen gebracht“, sagt Sandra Eisen. Auch Tristans Schwester - die ihren Bruder sehr liebe, wie die Mutter versichert - leide darunter, dass der Neunjährige so viel Energie und Aufmerksamkeit der Eltern bindet. Sie müsse oft zurückstecken, weil Tristan viele Aktivitäten einfach nicht mitmachen kann.

Der neunjährige Tristan fühlt sich in der „Schatzinsel“ sehr wohl. Das freut seine Mutter Sandra Eisen. Einen Ersatz für die Einrichtung zu finden, wird für sie schwierig werden.
Der neunjährige Tristan fühlt sich in der „Schatzinsel“ sehr wohl. Das freut seine Mutter Sandra Eisen. Einen Ersatz für die Einrichtung zu finden, wird für sie schwierig werden. (Foto: Peter Hugel )

Seit Januar hat sich die Situation der Ravensburger Familie entspannt. Denn Tristan verbringt jetzt regelmäßig Wochenenden in der Kurzzeitwohngruppe „Schatzinsel“ im Kinderheim St. Johann in Zußdorf. Sie ist an bestimmten Wochenenden und in den Ferien geöffnet. Damit ist sie eines der wenigen Angebote dieser Art landesweit. Entsprechend groß ist ihr Einzugsgebiet.

Angehörige müssen kein schlechtes Gewissen haben

Die Mitarbeiter der „Schatzinsel“ organisieren für die Kinder ein Programm, wie zum Beispiel Bastel- und Backnachmittage oder Ausflüge. „Tristan fühlt sich dort sehr wohl“, sagt Sandra Eisen. Von den Mitarbeitern wisse sie, dass der Neunjährige zum Beispiel begeistert beim Kochen mithelfe. Mit dem Wissen, dass ihr Sohn die Wochenenden in der „Schatzinsel“ genießen kann, sei es für die Eltern und die Schwester möglich, Zeit zu dritt zu verbringen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Die 16-jährige Svenja ist schwerst mehrfach behindert. „Wir brauchen diese Unterstützung unbedingt“, sagt ihre Mutter.
Die 16-jährige Svenja ist schwerst mehrfach behindert. „Wir brauchen diese Unterstützung unbedingt“, sagt ihre Mutter. (Foto: Peter Hugel )

Die „Schatzinsel“ in Zußdorf gibt es seit 14 Jahren. Jetzt aber ist die Einrichtung von der Schließung bedroht. „Nicht etwa, weil das Geld fehlt, sondern weil einfach das Personal fehlt“, sagt Peter Hugel, der im Elternbeirat der Einrichtung ist. „Das ist für alle Betroffenen ein schwerer Schlag, der überhaupt nicht auszugleichen ist“, so Hugel.

Träger findet kein Personal

Derzeit seien in der Kurzzeitwohngruppe drei Stellen offen, sagt Alexander Paul, Geschäftsführer der Theresa-Hecht-Stiftung. Die Stiftung ist Trägerin der „Schatzinsel“. „Wir sind verzweifelt auf der Suche nach Personal“, sagt Alexander Paul. Das Problem sei der allgemeine Fachkräftemangel. Hinzu komme, dass die Arbeitszeiten in der „Schatzinsel“ auf Wochenenden und Ferienzeiten fallen und daher nicht sehr attraktiv seien. „Wir mussten die Öffnungszeiten der Gruppe bereits reduzieren“, sagt der Geschäftsführer. Ende Februar werde dann eine weitere Fachkraft die Einrichtung verlassen. „Spätestens dann können wir das Angebot nicht mehr aufrecht erhalten.“

Für den neunjährigen Tristan und seine Familie bedeutet dies einen schweren Rückschlag. „Wir müssen jetzt wieder vorn vorne anfangen“, sagt seine Mutter Sandra Eisen. Die aufwendige Suche nach einem anderen Angebot koste Zeit, „die wir eigentlich gar nicht nicht haben“. Zudem sei fraglich, ob sich überhaupt eine andere Betreuungsmöglichkeit findet.

Tochter fühlt sich in der Gruppe wohl

Auch für andere Eltern, die ihre Kinder in der „Schatzinsel“ gut aufgehoben wissen, wäre die Schließung der Gruppe ein großer Einschnitt. „Wir brauchen diese Unterstützung unbedingt“, sagt eine Frau, die nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen will. Ihre 16-jährige Tochter Svenja ist schwerst mehrfach behindert, sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen und essen und wird mit Flüssignahrung versorgt. „Ich muss Svenja immer aus dem Rollstuhl heben und habe deshalb Bandscheibenprobleme“, schildert die Mutter. Wenn Svenja in der Kurzzeitwohngruppe ist, können sich die Eltern mal ausruhen und wieder ein wenig Kraft schöpfen.

Aber nicht nur deshalb sind sie froh über diese Einrichtung. Sie freuen sich auch, dass es der 16-Jährigen in der „Schatzinsel“ so gut gefällt. „Sie ist immer so glücklich, wenn wir sie dort hinfahren“, sagt die Mutter. „Das Team ist toll und sehr kompetent.“

Eltern hätten keine Entlastung mehr

Einen Ersatz für die „Schatzinsel“ zu finden, sei nahezu unmöglich. „Wir haben bei der Sozialstation bei uns im Ort angefragt, aber da herrscht auch Personalmangel.“ Viele Angebote der Behindertenhilfe seien für Svenja zudem nicht geeignet, weil ihre Beeinträchtigungen zu schwerwiegend seien. Die Versorgung der Tochter sei ein 24-Stunden-Job, sagt die Mutter. „Da steckt viel Arbeit drin.“ Würde die Kurzzeitwohngruppe in Zußdorf schließen, „hätten wir keinerlei Entlastung mehr“.