StartseiteRegionalOberschwabenWeingartenWie ein katholischer Orden seine Patres mit „weißen Westen“ ausstattete

Gefährliche Systemfehler

Wie ein katholischer Orden seine Patres mit „weißen Westen“ ausstattete

Weingarten / Lesedauer: 6 min

Bischof Gebhard Fürst ist sich sicher: Die sexuelle Belästigung in Weingarten hätte man verhindern können. Grund ist wohl eine umstrittene Versetzungspraxis bei Patern.
Veröffentlicht:15.08.2023, 12:00

Artikel teilen:

Welche Konsequenzen ziehen der Pallottiner–Orden und die Diözese Rottenburg–Stuttgart, nachdem ein Pater im Weingartener Hochschulumfeld einer Frau an den Po gefasst hat? Beide kirchlichen Institutionen betonen, man wolle das eigene Vorgehen hinterfragen. Der Rottenburger Bischof macht in Richtung des Ordens allerdings unmissverständlich klar: Er will keine Pater mehr bekommen, denen trotz einschlägiger Vorwürfe „Unbedenklichkeit“ attestiert wird. Mit dieser fragwürdigen Praxis hatte der Pallottiner-Orden schon in der Vergangenheit Schlagzeilen gemacht. Eine Analyse.

SZ-Redakteur Paul Martin bescheinigt der Katholische Kirche in seinem Kommentar einen krassen Systemfehler:

Strafbefehl gegen Priester erlassen

Wie am Montag bekannt wurde, gibt es inzwischen einen Strafbefehl gegen den Priester, der eine junge Frau Anfang des Jahres unangemessen berührt hatte. Wird der rechtskräftig, muss der Pater 900 Euro in die Staatskasse zahlen. Ein parallel zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufendes kirchliches Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Vorwürfe schon vor Jahren in Kanada

Wie die „Schwäbische Zeitung“schon im Juni berichtete, gab es gegen den beschuldigten Pater aus Oberschwaben schon vor Jahren Missbrauchsvorwürfe, als er stellvertretender Pfarrer in Kanada war. Die Vorwürfe wurden damals von der Kirche nicht untersucht. Stattdessen wurde der Mann von Kanada nach Indien versetzt. Auch ein weltliches Urteil zu den Vorwürfen gibt es nicht.

Orden attestierte seinem Mitglied „Unbedenklichkeit“

Das Prekäre daran: Als der Pater im Januar in den Dienst der Diözese Rottenburg–Stuttgart gestellt wurde, hat der Pallottiner–Orden diese Vor–Geschichte verschwiegen. Der Orden hat sein Mitglied gar mit einer „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ ausgestattet nach Rottenburg geschickt. Diese „weiße Weste“ geht weit über ein bloßes Führungszeugnis hinaus und soll bestätigen, dass den Ordensoberen „keinerlei einschlägige Vorwürfe“ bekannt sind.

Schon vor Jahren Kritik an „Unbedenklichkeitsbescheinigungen“

Diese fragwürdige Praxis der Unbedenklichkeitsbescheinigungen machte erst vor wenigen Jahren bundesweit Schlagzeilen. Dabei ging es um Taten, die weit gravierender sind als der diesjährige Vorfall in Weingarten: Ein Pallottiner soll in den 90er–Jahren während seines Noviziats — also während der Vorbereitungszeit auf die Priesterweihe — eine Frau zum Sex gedrängt haben.

Anderer Bischof sah „hohes Gefährdungspotenzial für Personen im Umfeld“

Auch wenn der Bischof von Dresden–Meißen, Heinrich Timmerevers, ein „hohes Gefährdungspotenzial für Personen im Umfeld“ dieses Mannes sieht und die Pallottiner darüber informiert hat, haben diese ihn in einer anderen Diözese in der Seelsorge eingesetzt. Er bietet inzwischen als Priester am Bodensee in einer Art Gebetshaus Exerzitien an. „Jeder und jede ist hier willkommen“ mitzubeten und auch für mehrere Tage mitzuleben, heißt es auf der entsprechenden Homepage.

Dieses Angebot richte sich nicht nur an Pallottiner und Schwestern und Brüder anderer Ordensgemeinschaften, sondern ausdrücklich an „Menschen von nebenan.“ Ein Unding in den Augen des Dresdner Bischofs. Er ist inzwischen aber nicht mehr zuständig, sondern der Erzbischof von Freiburg, zu dessen Bistum das östliche Bodenseeufer gehört.

Die Parallele zur württembergischen Diözese

Hier kommt die Parallele zu den aktuellen Vorgängen in der Diözese Rottenburg–Stuttgart. Zur Versetzung ins Badische hatten die Pallottiner–Chefs eben diesen Mann mit einer Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestattet.

Die Begründung: Er habe zu dem Zeitpunkt der Tat noch kein geweihtes Amt innegehabt und die Frau sei volljährig gewesen. Diesen Umgang mit Anhaltspunkten auf sexuellen Missbrauch kritisierte Bischof Timmerevers. Er hatte sich deshalb an den Vatikan gewandt — auch, um sich nicht mitschuldig an einer Vertuschung zu machen.

Im August 2021 hat Timmerevers der vatikanischen „Kongregation für die Glaubenslehre“ in Rom eine Überprüfung des Umgangs mit Hinweisen auf Anhaltspunkte für sexuellen Missbrauch in der Herz–Jesu–Provinz, also der deutsch-österreichischen Niederlassung, der Pallottiner empfohlen.

Bischof von Dresden hatte konkrete Sorge

Was sperrig klingt, hat der Bischof mit einer konkreten Sorge begründet:

Die ausschließliche Bewertung sexueller Handlungen nach den Kriterien der Weihe des Beschuldigten und des Alters der Betroffenen durch die hiesige Provinz der Pallottiner lässt ein hohes Gefährdungspotential für Personen im Umfeld der Pallottiner befürchten.

Bischof Timmerevers

Und weiter stellte der ostdeutsche Oberhirte fest: „Grundsätzliche Vorbehalte bei Verstößen gegen die katholische Moral– und Sittenlehre haben die Verantwortlichen des Pallottinerordens nicht erkennen lassen.“ Es gebe, so Bischof Timmerevers im Sommer 2021, keine Anzeichen dafür, dass sich die grundsätzliche Haltung der Verantwortlichen im Pallottinerorden geändert haben könnte.

Mancher Oberhirte will Warnungen scheinbar nicht hören

Doch andere Oberhirten sind für solche warnenden Worte eines Bischofskollegen offenbar taub. Die zuständige Erzdiözese Freiburg hat den fraglichen Pallottiner gerne genommen. Und wenn es um seine Vergangenheit geht, verweist das Bistum auf die „Unbedenklichkeitsbescheinigung“, die sein Orden ihm ausgestellt hat. Damit seien die Präventionsvorschriften erfüllt, so ein Sprecher der badischen Erzdiözese gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“.

Rottenburger Bischof hat genug

Nun zurück in die Diözese Rottenburg–Stuttgart. Auch der hiesige Bischof hat wohl genug von den „Unbedenklichkeitsbeschinigungen“ und deutet an, dass die Pallottiner die sexuelle Belästigung in Weingarten hätten verhindern können. „Bischof Gebhard Fürst legt Wert auf folgende Feststellung, dass durch eine aufrichtige Kommunikation im Vorfeld der Besetzung dieser Stelle durch den Pallottinerorden es erst gar nicht zu diesem außerordentlich bedauernswerten Vorfall durch einen Pallottinerpater hätte kommen können“, so ein Bistumssprecher.

Bistum will eigene Vorgehensweise „gegebenenfalls verschärfen“

Doch ganz aus der Verantwortung nimmt sich die württembergische Diözese nicht. „Die Diözese nimmt den Vorfall in Weingarten zum Anlass, ihr ohnehin strenges Vorabverfahren bei Ordenspriestern aus dem In– und Ausland mit der Unbedenklichkeitsbescheinigung des Ordens, dem erweiterten Führungszeugnis und einer Ehrenerklärung nochmals zu überprüfen und gegebenenfalls zu verschärfen“, kündigt die Diözesanverwaltung an.

Die Pallottiner ihrerseits wiesen solche Vorwürfe schon im Zusammenhang mit den Vorfällen im Bistum Dresden–Meißen zurück. „Es gab und gibt keine sachliche und rechtliche Basis für den Verdacht einer Vertuschung“, antwortet der Orden auf eine entsprechende Anfrage.

Pallottiner–Orden will breitere Basis

Jedoch hat der Vorfall in Weingarten scheinbar auch die Pallottiner zum Nachdenken über die Unbedenklichkeitsbescheinigungen gebracht. Der Orden teilte nach dem ergangenen Strafbefehl mit: „Die Provinzleitung wird sich überlegen, wie sie künftige Prüfungen in Bezug auf Unbedenklichkeitserklärungen auf eine breitere Basis stellen kann und eine größere Klarheit darüber erlangt, wo welcher Mitbruder eingesetzt werden kann.“