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Jugendliche in der digitalen Welt

Weingartener Professor: „30 Prozent der Schüler sind digitale Analphabeten“

Weingarten / Lesedauer: 5 min

Der Weingartener Professor Jörg Stratmann spricht über die digitale Zukunft. Es geht um Chancen, aber auch um die Gefahren, die auf die Gesellschaft lauern.
Veröffentlicht:30.08.2023, 09:00

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Menschen, vor allem Jugendliche, lassen sich stark von sozialen Medien beeinflussen und leiten. Überall hinterlassen die Menschen digitale Spuren, scheinen durchschaubarer zu werden, je mehr sie sich in der virtuellen Welt bewegen.

Jörg Stratmann
Jörg Stratmann (Foto: Manuela Hund-Lihs )

Die erste Frage lautet, ob es überhaupt noch eine andere Wahl gibt, als sich der sogenannten „Digitalen Transformation“ anzupassen. Die zweite ist, ob diese Entwicklung positiv ist. Das hat die „Schwäbische Zeitung“ Jörg Stratmann gefragt. Er ist Professor an der Pädagogischen Hochschule Weingarten und Leiter des Kompetenzzentrums Medien.

Herr Stratmann, Sie haben mal geschrieben: „Besteht nicht eine Gefahr, darin, dass wir nur in digitalen Ablenkungswelten dahin dämmern — digitale Zeitfresser als das neue Opium fürs Volk?“ Heißt das, dass Sie die Entwicklung hin zu einer immer digitaleren Welt eher negativ betrachten?

Diese Frage kann man sich nicht stellen. Alles Digitale bietet genauso viele Potenziale, als dass es Gefahren bereithält. Den Wahlspruch einer Partei „Digital first, Bedenken second“ würde ich allerdings nicht unterschreiben. Man sollte sich vorab schon gut überlegen, was man alles in Gang setzt. Sicher ist aber, dass die Digitalisierung unaufhaltsam voranschreiten wird und nicht aufzuhalten ist.

Wie sehen die Vorteile der digitalen Welt aus?

Informationen können schnell geteilt werden, wodurch sich alle Bereiche schneller entwickeln können — sei es im Gesundheitswesen oder der Wirtschaft. Man erreicht auch viel mehr Menschen. Während der Corona–Pandemie hatten beispielsweise einige Online–Gottesdienste in der Region einen Zulauf von mehr als 100 Gläubigen — in die Kirche kamen im Vergleich nur etwa 30.

Und die Nachteile?

Wir produzieren überall und zu jederzeit Daten und nach wie vor ist nicht klar, wer alles darauf zugreifen kann. Es handelt sich ja nicht nur um Kriminelle, sondern auch um die Möglichkeiten, die der Staat hat. Ein krasses Beispiel wäre China, in der die Überwachung allgegenwärtig ist. Das finde ich schon beängstigend.


Dieses Denkmal erinnert an Friedrich Barbarossa. Doch was hat er mit Weingarten zu tun?

Dieses Denkmal erinnert an Friedrich Barbarossa. Doch was hat er mit Weingarten zu tun?


Negativ können auch die Filterblasen sein, in denen wir uns bewegen. Angenommen ich suche Informationen zu einem Thema, das mich interessiert, dann wird der Algorithmus dafür sorgen, dass mir immer wieder ähnliche Inhalte angeboten werden. Denken Sie an einen großen Onlineversandhandel — der weiß anhand unserer Käufe und Sucheingaben genau, was wir gut finden und bietet uns sofort mehr davon an. Dieses Vorgehen nutzen allerdings viele. Würde ich etwa nach dem Freibad Nessenreben googeln, würde mir vermutlich schnell die Basilika als weiterer Besuchsort angezeigt werden.

Die Filterblase ist vor allem dann ein Problem, wenn der Nutzer sie nicht bemerkt, oder?

Ja natürlich. Ich muss mir immer wieder klarmachen, dass mir das Netz meine eigene Meinung widerspiegelt, wie eine Echokammer. Man darf nicht vergessen, dass es noch viele weitere Sichtweisen und Meinungen gibt. Wer das nicht macht, lässt sich zum Beispiel viel schneller radikalisieren als früher. Leute mit einem anderen Standpunkt werden dann auch häufiger diskreditiert und das verhindert Diskurs und Kommunikation. Nur dadurch können wir die Werte einer Demokratie aber aufrechterhalten.

Wie gehen Jugendliche damit um, die im digitalen Zeitalter aufwachsen?

Genau hier muss die Gesellschaft ansetzen. Laut einer Studie der International Computer and Information Literacy Study 2018 besitzt ein Großteil der Schüler in der 8. Klasse eben keine ausreichenden Kompetenzen im Umgang mit digitalen Informationen. Etwa 30 Prozent sind so etwas wie digitale Analphabeten und 43 Prozent sind nur unter Anleitung dazu in der Lage, Infos zu nutzen, sodass sie ein neutrales Bild abgeben.

Wenn die sich jetzt in ihren Filterblasen in den sozialen Netzwerken informieren – was sie ja tun – verbreiten sich auch Fakenews schneller. Sie können die Richtigkeit der Informationen nicht einschätzen. 58 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen nutzen täglich Instagram, 46 Prozent Tiktok, heißt es in einer Umfrage von 2022 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest.

Wer muss sich darum kümmern, die Kinder das zu lehren?

Heute ist die Medienkompetenz so wichtig, dass sie für das gesellschaftliche Leben erforderlich ist, insofern liegt der Hauptauftrag bei der Schule. In meinen Augen gelingt das allerdings noch nicht optimal. In der 5. und 6. Klasse gibt es einen Grundkurs Medienbildung im Umfang von 35 Stunden, das reicht aber bei Weitem nicht aus.

Alle Lehrer haben natürlich den Auftrag, Medienkompetenz mit ihren Fächern zu vermitteln und einige machen das auch gut, andere gar nicht. Der Auftrag ist nicht verbindlich genug, zudem haben die Lehrkräfte meiner Meinung nach auch keine wirkliche Orientierung an die Hand bekommen.

Im Moment hört sich das noch nicht so rosig an …

Egal, wir müssen das schaffen, sonst verlieren wir Menschen unsere Emanzipation und Mündigkeit. Wir würden in einer Welt leben, die wir nicht mehr durchschauen. Ich habe aber den Glauben daran, dass wir lernen können, verantwortungsvoll mit den Medien umzugehen.

Den Umgang mit Medien müssen sicherlich alle Altersgruppen lernen?

Auf jeden Fall. Menschen jeden Alters müssen sich mit dem Thema beschäftigen, um nicht von der Gesellschaft abgehängt zu werden. Volkshochschulen oder Vereine könnten etwa Kurse für ältere Menschen anbieten. Kinder könnten ihre Eltern unterstützen. Allein schon, wenn wir einen Ticketautomaten am Bahnhof nicht mehr bedienen können, sind wir vom Informationsfluss abgeschnitten.

Oder: Wer kein Whatsapp hat, bekommt heute das meiste gar nicht mehr mit, wenn es um Neuigkeiten von Freunden und Verwandten geht. Allerdings müsste die Politik deutlich mehr Fördermittel zur Verfügung stellen, um wieder alle mit ins Boot zu holen. Ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen sehe ich da Schwierigkeiten auf uns zukommen.