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Schon früher Vorwürfe

Missbrauchsvorwürfe: Orden schickt Pater trotz Vorgeschichte an Hochschule

Oberschwaben / Lesedauer: 5 min

In Oberschwaben soll ein Pater übergriffig geworden sein, gegen den es vor Jahren in Kanada Missbrauchsvorwürfe gab. Sein Orden hatte ihm „Unbedenklichkeit“ attestiert.
Veröffentlicht:19.06.2023, 19:00

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Ein Priester in Oberschwaben soll eine Frau unangemessen berührt haben: Seit die Diözese Rottenburg–Stuttgart das im Frühjahr vermeldet und den Mann beurlaubt hatte, kursieren verschiedene Gerüchte. Jetzt ist klar: Der Pater hat den Übergriff in Oberschwaben zwischenzeitlich zugegeben, dies dann aber wieder zurückgezogen. Und: Schon vor Jahren wurde der Priester wegen noch schwerwiegenderen Vorwürfe von Kanada nach Indien versetzt. Damals gab es weder ein staatliches Urteil noch eine kirchliche Untersuchung.

Frauen haben sich vor Angst eingeschlossen

Der sexuelle Übergriff, weswegen der Pallottiner–Pater von Bischof Gebhard Fürst beurlaubt wurde, hat im Hochschulmilieu stattgefunden. Den Vorwürfen zufolge habe der Ordenspriester zwei jungen Frauen zunächst beim Billardspiel zugeschaut und dann einer der beiden plötzlich an den Po gefasst. Nach dem Übergriff haben sich die beiden Frauen aus Angst eingeschlossen.

Bischof weiß Bescheid

Nach Informationen der „Schwäbischen Zeitung“ liegt dem Diözesangericht die Aufzeichnung eines Gesprächs der betroffenen Frauen mit den beiden in Oberschwaben stationierten Pallottiner–Patres vor. In diesem Gespräch hat der beschuldigte Priester den sexuellen Übergriff zugegeben. Anschließend habe er dies jedoch widerrufen. SZ–Informationen belegen, dass auch Bischof Gebhard Fürst weiß, dass es die Aufzeichnung gibt und dass sich die beiden jungen Frauen vor Angst eingeschlossen haben.

Deshalb laufen die Ermittlungen noch

Verschiedene Stellen untersuchen den Vorfall inzwischen. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg ermittelt nach einer entsprechenden Klage gegen den Pater. Beziehungsweise: „Eine Stellungnahme der Verteidigung steht noch aus“, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Angster auf SZ–Nachfrage. Wenn die Stellungnahme bei der Staatsanwaltschaft eingeht, wird entschieden, ob weitere Ermittlungen notwendig sind oder ob das Verfahren in einer Einstellung, einem Strafbefehlsantrag oder einer Anklage mündet.

Auch die Kirche ermittelt. Der Sprecher der Diözese Rottenburg–Stuttgart, Gregor Moser, teilt mit: „Auf Vorschlag der Kommission sexueller Missbrauch der Diözese läuft derzeit ein kirchenrechtliches Verfahren gegen den Mann.“

Unabhängig von den Ermittlungen stellt sich die Frage, wieso die Kirchenoberen den Mann überhaupt an der Hochschule eingesetzt haben. Denn: Der Pater musste Kanada 2016 wegen ähnlichen Vorwürfen verlassen. Verurteilt wurde er damals nicht.

Das berichten Medien über die Vorwürfe in Kanada

Wie asiatische und kanadische Medien übereinstimmend berichteten, wurde der Mann damals von Kanada nach Indien zurückgeschickt, nicht jedoch vom Priesteramt suspendiert. Im kanadischen Fort Saskatchewan war er stellvertretender Pfarrer, bis es zu einer Beschwerde kam.

Gegen den Priester wurde wegen Vorwürfen des nicht offengelegten Missbrauchs ermittelt. Da gegen ihn keine Anklage erhoben wurde, konnte die Polizei in Kanada die Art der Ermittlungen nicht bekannt geben,

schrieb im April 2016 das Portal „Union of catholic asian news‟.

Der Nachrichtenplattform gegenüber bestätigte eine Sprecherin der Erzdiözese Edmonton, dass der Pater aus dem priesterlichen Dienst in der Erzdiözese entfernt worden sei und dass diese Weisung weiterhin in Kraft bleibe. Eine kirchliche Untersuchung gab es in Kanada offenbar nicht, sodass die Vorwürfe undefiniert im Raum stehen.

Pallottinerorden wurde informiert

Mehr Details liefert ein Artikel der Seite „Western Catholic Reporter“, der ebenfalls 2016 erschienen ist. Darin ist von Vorwürfen von einem Kind und einem Erwachsenen gegenüber dem Pater die Rede. Auch, wenn es zu keinem Urteil kam, wurde dem „Western Catholic Reporter“ zufolge den Gläubigen in der kanadischen Gemeinde gesagt: „Der Erzbischof hat festgestellt, dass der von allen liturgischen Mitarbeitern erwartete Verhaltenskodex nicht vollständig eingehalten wurde.“ Der Vorgang führte zu dem Ausschluss aus der Erzdiözese. Das habe der kanadische Oberhirte auch den Verantwortlichen im Pallottinerorden mitgeteilt.

Bistum wusste von nichts

Bei der Diözese Rottenburg–Stuttgart habe man von den Vorwürfen in Kanada nichts gewusst, als man den Pater in der Hochschulseelsorge eingesetzt hat. „Wir haben das nach dem Vorfall in Oberschwaben recherchiert“, teilt Bistumssprecher Gregor Moser auf Anfrage mit. Vorher sei den Verantwortlichen in Rottenburg nichts darüber bekannt gewesen, so Moser, weil der Pallottiner–Orden das hiesige Bistum nicht über die entsprechende Vor–Geschichte des Mannes informiert habe.

„Wir haben uns auf die Bescheinigungen des Ordens und des Mitarbeiters verlassen“, sagt Moser. Diese Bescheinigungen frage die württembergische Diözese standardmäßig in einem „Vorab–Verfahren“ bei Ordenspriestern aus dem In– und Ausland ab. Dazu gehört auch eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ des Ordens, „dass keinerlei einschlägige Vorwürfe bekannt sind“. Außerdem verlangt die Diözese ein erweitertes Führungszeugnis. In diesem Fall sei es „erwartbar sauber“ gewesen, so Gregor Moser. Zusätzlich musste der Pater eine „Ehrenerklärung im Rahmen der Prävention von sexuellem Missbrauch“ abgeben.

Orden hält sich bedeckt

„Der Vorschlag, den Priester in der Hochschularbeit einzusetzen, kam von Seiten des Ordens“, erklärt der Bistumssprecher. Die Dekanatsleitung habe diesen Vorschlag unterstützt.

Die „Schwäbische Zeitung“ hat den Pallottiner–Orden mit Fragen rund um die Vorwürfe in Kanada und Oberschwaben gegen das Ordensmitglied konfrontiert. Deren Provinzial in Deutschland und Österreich, Pater Markus Hau, teilt daraufhin mit: „Die Pallottiner stellen fest, dass sie jegliche Aufklärungsarbeit der Diözese sowie der Staatsanwaltschaft ausdrücklich und vollumfänglich unterstützen und zur schnellstmöglichen Aufklärung des Falles beitragen wollen.“ Hau stellt sich außerdem schützend vor seinen Mitbruder.

Nachfragen, ob es ein Fehler war, dem Pater „Unbedenklichkeit“ zu attestieren, blieben unbeantwortet. Der beschuldigte Pater selbst möchte sich zu der Sache nicht äußern, bevor die Untersuchungen abgeschlossen sind.