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Vorurteil

Der Kampf mit den Vorurteilen

Weingarten / Lesedauer: 3 min

Die Ausstellung „Volk auf dem Weg“ im Schlössle zeigt die wechselvolle Geschichte der Deutschen aus Russland
Veröffentlicht:26.09.2013, 12:01

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Hin- und hergerissen zwischen alter und neuer Heimat ist es für Aussiedler oft nicht einfach, hier in der Gesellschaft wirklich anzukommen. Vorurteile, wie „das sind doch keine Deutschen, die können kaum Deutsch“ oder „die nehmen unsere Jobs weg, kapseln sich ab und wollen sich nicht integrieren“ tun ihr Übriges, dass man sich fremd bleibt. Ressentiments abbauen und die leidvolle Vergangenheit dieser Bevölkerungsgruppe kennen zu lernen, ist Ziel der Wanderausstellung „Geschichte der Deutschen in Russland und ihre Integration in Deutschland“ im Weingartener Schlössle. Gefördert wird sie vom Bundesinnenministerium .

Anlass ist der 250. Jahrestag des Manifests der Zarin Katharina II. Damit lockte die Monarchin 1763 Fachkräfte aus Europa zur Besiedelung und Kultivierung nach Russland. Versprach ihnen Land, Steuerfreiheit und Autonomie. So sind auch 100000 Deutsche, die Vorfahren der Spätaussiedler, in das Zarenreich ausgewandert, um sich dort eine bessere Zukunft aufzubauen.

Auf 25 Bildtafeln dokumentiert die Ausstellung ihr wechselvolles Schicksal von den Anfängen dieser Völkerwanderung bis zur gelungenen Integration hier und heute. Mit einer Powerpoint-Präsentation illustrierte Projektleiter Jakob Fischer, Spätaussiedler aus Kasachstan, am Dienstag bei der Vernissage das Leben seiner Vorfahren in den über 3500 Siedlungen im Wolgagebiet und in Südrussland. Wo nur 100 Jahre die wirtschaftliche und kulturelle Blüte dauerte, bis Unterdrückung, Verschleppung und Repressalien ihren Anfang nahmen.

Ganz schlimm kam es für die heimisch gewordenen Russlanddeutschen 1941, nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion. Als Kollaborateure verdächtigt, verloren Zigtausende ihr Leben durch Deportation, Ermordung, Zwangsarbeit in sibirischen Gulags. Heimatvertrieben kehrten Hunderttausende in den Neunzigerjahren dann nach Deutschland zurück. Seit 1950 kamen 2,8 Millionen Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR. Vorurteile und Ablehnung schlugen ihnen auch hier entgegen. „In Russland waren sie die Deutschen, und hier sind sie die Russen“, resümierte ein Besucher. Zur Pflege des Brauchtums gründeten sich Landsmannschaften. Sie bieten bis heute auch Hilfestellung für Neuankömmlinge aus den einstigen Sowjet-Republiken, um schneller hier Fuß zu fassen. 157 Familien mit drei Generationen umfasst die hiesige Ortsgruppe. Ida Jobe ist seit 30 Jahren Vorsitzende. Ihr ist die Integration ein Anliegen, Sprachförderung und Aufklärung durch die Ausstellung.

Oberbürgermeister Markus Ewald würdigte die Leistungs- und Hilfsbereitschaft der Russlanddeutschen über ihre eigenen Anliegen hinaus. Wie sehr sie in ihrer leidvollen Geschichte ihre Kultur und ihre Religion getragen haben, davon gab der Chor samt Kindern berührende Kostproben. Vom Akkordeon begleitete Lieder, die auch die alte Heimat Russland besangen.

Die Wanderausstellung über die Geschichte der Russlanddeutschen läuft im Schlössle noch bis zum 13. Oktober. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr.