StartseiteRegionalOberschwabenWeingartenBrauchtum oder Belästigung? Ritualisierte Grenzüberschreitung in der Fasnet

Sexuelle Andeutung kein Zufall

Brauchtum oder Belästigung? Ritualisierte Grenzüberschreitung in der Fasnet

Ravensburg / Lesedauer: 5 min

Narren packen junge Mädchen und drücken sie in ein Fass voller Konfetti. Mitunter gibt es dabei Andeutungen sexueller Handlungen. Dafür gibt es scharfe Kritik.
Veröffentlicht:28.01.2024, 18:00

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Szenen wie diese spielen sich immer wieder bei Fasnetsumzügen ab: Mehrere Narren packen ein junges Mädchen in der vordersten Reihe am Straßenrand, reiben ihm Konfetti ins Haar oder drücken es in ein Fass voller Heu. Das gehört eben zur Fasnet dazu, mag einer sagen. Andere hinterfragen diese Praxis kritisch.

Der Weingartener Fasnets-Historiker Jürgen Hohl erklärt, warum die Verbindung zur Sexualität kein Zufall ist.

Das Patriarchat wirkt in die Fasnet

„Fasnetsbräuche sind oft ein ritualisiertes Grenzübertreten. Es ist gut, dass es dafür vorgesehene Zeiten und Orte gibt. Nur leider wirkt das Patriarchat auch in die Fasnet hinein“, schreibt der „feministische Salon“ auf Anfage der Redaktion zu diesem Thema. Die Szenen bei Narrensprüngen würden oftmals wie eine Nachahmung einer Vergewaltigung wirken. „Das verabscheuen wir.“ Der „feministische Salon“ wurde 2019 von drei Frauen aus Ravensburg gegründet. Sie veranstalten mehrmals im Jahr einen Abend zu feministischen Diskursen.

Florian Angele, Zunftmeister der Aulendorfer Eckhexen, sagt: „Das ist bei uns schon immer so, dass Mädels mit in den Hexenwagen geholt werden. Wenn sie mögen, bekommen sie ein Schnäpsle und dann dürfen sie wieder davon springen.“

Zu sexuell gespielten Handlungen komme es dabei aber nicht. Das hält der Zunftmeister für sehr grenzwertig. Er sagt: „Ich kenne das von jüngeren Gruppen. Da fehlt vielleicht die Erfahrung von älteren Generationen, die die Jungen in ihre Schranken weisen.“

Immer dieselben Narren begleiten den Hexenwagen

Der „feministische Salon“ schreibt: „Die Frage ist auch, warum es immer die eine sehr junge Frau ist, die da von mehreren, körperlich klar überlegenen Personen mitgenommen wird. Einvernehmen sieht anders aus.“

Zwischen necken und stupfen und brutal Frauen niederdrücken, gibt es schon einen Unterschied.

Fasnets-Historiker Jürgen Hohl

Bei den Aulendorfer Hexen gebe es eine extra Gruppe von rund 40 Hexen, die den Wagen begleiten und Mädchen vom Straßenrand mitnehmen. „Andere sind daran nicht beteiligt“, sagt Zunftmeister Angele. „Wenn da jemand nicht mit will, dann wird er auch nicht mitgenommen.“ Zudem dürfe man nicht vergessen, dass das Necken zwischen Mann und Frau im Ursprung der Fasnet liege.

Das kann der Weingartener Jürgen Hohl bestätigen. Er hat sich lange und intensiv mit der Historie der Fasnet beschäftigt. Der 79-Jährige gestaltete auch das Fasnetsmuseum der Plätzlerzunft in Weingarten. Er nennt ein Beispiel, das zeigt, wie lange die Fasnet schon sexualisiert wird. Die alten Narrenzünfte in Donaueschingen und Rottweil, die teilweise im 17. Jahrhundert entstanden seien, trugen lange Würste aus Leder mit sich, um die jungen Frauen damit zu stupfen.

Das Stupfen ist eine versteckte Form von, ,ich möchte mit dir näher zusammenkommen’,

erklärt Hohl.

Aber: „Zwischen necken und stupfen und brutal Frauen niederdrücken, gibt es schon einen Unterschied.“

Andeutung sexueller Handlungen auf der Straße: Narren haben sich beim Umzug in Wangen ein junges Mädchen aus der Menge gezogen (Archiv 2023).
Andeutung sexueller Handlungen auf der Straße: Narren haben sich beim Umzug in Wangen ein junges Mädchen aus der Menge gezogen (Archiv 2023). (Foto: privat)

Die Fasnet bräuchte es heute eigentlich nicht mehr

Die Fasnet war lange die einzige Zeit im Jahr, in der die Geschlechter zusammenfanden, wie Hohl betont. Sexualität sei schließlich von der katholischen Kirche reglementiert. Heute aber würden die Menschen selber über ihren Körper und ihre Art zu leben bestimmen. In diesem Zusammenhang sagt Hohl: „Grundsätzlich bräuchte man heute keine Fasnet mehr.“

Viele Mädchen würden sich aber regelrecht anpreisen bei Narrensprüngen. „Auf gut Schwäbisch würde man sagen, sie laufen ,halbe nacket’ rum“, sagt Hohl. Er verurteilt das nicht, im Gegenteil: „Warum sollte die Frau nicht einen Mann aufreißen, wenn er ihr gefällt?“ Wenn ein Mann das mache, habe man lange immer gesagt: „Der muss sich seine Hörner abstoßen.“ Was viele vergessen: Das geschehe auf Kosten der Frau.

„Im närrischen Kostüm wird vieles akzeptiert und toleriert“, schreibt Eva-Maria Komprecht, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ravensburg. Das sei meist auch lustig und gelebtes Brauchtum. „Ein Outfit, ein Kostüm ist jedoch keine Einladung zu sexuellen Übergriffen. Gerade junge Frauen oder Mädchen können die Absicht oft nicht im Vorhinein erkennen und realisieren erst spät, auf was sie sich eingelassen haben.“

„Wir verteilen Bonbons und nehmen keine Mädchen mit“, sagt die Zunftmeisterin der Plätzler in Weingarten, Susanne Frankenhauser. „Das ist nicht Teil unseres Brauchtums. Doch wo zieht man da die Grenze?“, fragt Frankenhauser. Manche Menschen störe es bereits, wenn Konfetti in ihren langen Haaren landet.

Nummern lassen Maskenträger identifizieren

Zunftzusammenschlüsse wie die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), in der auch die Eckhexen und die Plätzler Mitglieder sind, haben in der Regel ein Leitbild. Darin legen sie für sich - zusätzlich zu den geltenden Gesetzen in Deutschland - ihre Grenzen fest. Die VSAN ist eine von Deutschlands ältesten Narrenvereinigungen, ein Zusammenschluss von 68 Zünften. In ihrem Leitbild steht: „(...) keine Grobheiten, keine körperlichen Attacken, keine sexuellen Belästigungen, keine Alkoholexzesse.“

Das Polizeipräsidium Ravensburg kann keine Auskunft darüber geben, ob und wie viele Hästräger wegen sexueller Belästigung angezeigt werden. Denn in ihrer Statistik unterscheiden sie nicht zwischen Maskenträgern und sonstigen Fällen, wie ein Sprecher mitteilt.

Wenn doch mal ein Hästräger (oder Hästrägerin) die Grenze überschreitet, kann dieser in der Regel anhand seiner Nummer identifiziert werden. „Das haben wir immer mal wieder, dass sich jemand meldet, und beschwert, weil sich eine Hexe falsch verhalten haben soll“, sagt Florian Angele von den Aulendorfer Eckhexen. Da sei es bislang aber um öffentliches Urinieren gegangen, nicht um eine Belästigung.

„Ich will keiner Zunft etwas vorschreiben“, sagt Angele. Aber ein alter Leitspruch drücke aus, wie es in der Fasnet sein sollte: „Jedem zur Freud, niemand zum Leid.“