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Alle Fakten zum „Problem Talschule“ in Weingarten auf einen Blick

Weingarten / Lesedauer: 8 min

Es ist ein Versuch wert, die umliegenden Gemeinden um Geld für das Projekt zu bitten. Vom Regierungspräsidium bekommt die Stadt inzwischen richtig Druck.
Veröffentlicht:09.08.2023, 15:00

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Die Talschule ist der Grund, weshalb Weingarten sparen muss? Nein, das Problem liegt mittlerweile am notwendigen Ersatz für die Altbauspange Talschule. Dafür muss ein Ersatzbau her, der parallel zum Bau der Talschule beim Schulzentrum errichtet werden soll. Viele Gemeinderäte pochen deshalb darauf, dass sich die Umlandgemeinden an den Kosten für Neubau und Sanierung beteiligen. Doch das ist nicht so einfach. Währenddessen macht das Regierungspräsidium (RP) Tübingen immer mehr Druck, spricht in einem Brief an die Stadt sogar von „Gefahr für Leib und Leben“, wenn die drei Pavillons neben der Talschule länger als bis Ende 2027 genutzt werden. Die „Schwäbische Zeitung“ beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wie lautet der Plan der Stadt in Sachen Talschule und dem davon etwa 500 Meter entfernten Schulzentrum?

Die Schulen in Weingarten sind in den 60er– und 70er–Jahren gebaut worden, weshalb die Gebäude samt Technik veraltet sind. Der Bereich der Talschule wurde damals so entwickelt, dass die Gebäude A bis I als Campus zusammenhängen. Eine Machbarkeitsstudie der Stadt im Jahr 2019 hat ergeben, dass die Gebäude E (Sonderpädagogisches Bildungs– und Beratungszentrum SBBZ) und C (Grundschule) abgerissen werden müssen. Dafür sollte ein Neubau anstelle E sowie ein Ersatzneubau beim Schulzentrum entstehen. Zu ihm gehören die Realschule und das Gymnasium, die auf ihre Sanierung warten. Die Stadt möchte künftig im Bereich Talschule nur noch die Schüler der Primarstufen unterbringen und im Schulzentrum die Sekundarschüler.

Wo liegt das Problem?

An den Finanzen und der Zeit. Eigentlich hätten die Sekundarschüler des SBBZ im Gebäude E während dessen Abriss und Neubau in die danebenliegenden Pavillons G, H, I (auch Altbauspange genannt) umziehen sollen. Eine erneute Prüfung des PRs hat jedoch ergeben, dass die Pavillons in einem schlechteren Zustand sind, als gedacht. Das liegt vor allem am Brandschutz. Nach Ende 2027 dürfen deshalb dort keine Schüler mehr unterrichtet werden. Da die Schüler aber Räume brauchen, möchte die Stadt den Ersatzneubau beim Schulzentrum realisieren.

Das RP hatte den Plan zunächst abgelehnt, weil Weingarten das Geld dafür fehlt. Man solle sich erst einmal nur auf den Neubau der Grundschule konzentrieren. Jetzt aber haben sich die Dinge geändert. Rainer Beck, Fachbereichsleiter Schulen der Stadt, sagt:

„Zeitlich wird es sehr sportlich, weil die Finanzierbarkeit Grenzen hat. Uns fehlt aber schlichtweg die Alternative, um die Schüler unterzubringen. Wir brauchen den Ersatzneubau.“

Rainer Beck

Hinzu komme der gesetzliche Betreuungsanspruch von Grundschulkindern, der ab 2026 schrittweise eingeführt wird und noch mehr Räume füllen wird. Überhaupt werden die Schülerzahlen durch starke Jahrgänge, die ins schulpflichtige Alter kommen, steigen.

Wie war das mit dem Infrastrukturtunnel?

Da der Bereich Talschule als Campus angelegt wurde, hat ein Infrastrukturtunnel unter der Erde alle Gebäude auf dem Campus Talschule  plus zwei Sporthallen energetisch versorgt. Die Stadt stellte erst im Laufe der genaueren Planungen fest, dass der Tunnel für die Zukunft nicht mehr viel taugt. „Wir haben uns auf die Neubauten konzentriert und den Tunnel bis dahin nicht näher untersucht“, sagt Jens Herbst, Fachbereichsleiter Bauen bei der Stadt. Da so viele Gebäude vom Tunnel abhängen, kann das Haus E auch nicht einfach abgerissen werden. Alle anderen Gebäude wären dann von der Infrastruktur abgeschnitten. Die Stadt wird daher Erdleitungen neben dem Tunnel verlegen und die Gebäude darüber versorgen. Erst dann lässt sie den Tunnel abreißen.

Wie hoch sind die Kosten für was?

Für den Neubau der Talschule sind mittlerweile rund 32 Millionen Euro angesetzt, 2,3 Millionen davon fließen in die Infrastruktur als Tunnelersatz. „Das Geld dafür haben wir, schwierig wird aber die Finanzierung des Ersatzneubaus und die Sanierung des Schulzentrums“, so Beck. Nimmt man die geplanten Kosten inklusive Sanierung von dort dazu, steht die Stadt Weingarten vor einer Investition von mehr als 90 Millionen Euro. Ende 2022 war noch die Rede von 52 Millionen Euro.

Daher ist die Stadt fest entschlossen, durch den kürzlich entwickelten Sparplan 2 Millionen Euro pro Jahr einzusparen. Die Neubauten sollen unter anderem über Kommunalkredite finanziert werden. Die bekommt die Stadt aber nur genehmigt, wenn absehbar ist, dass sie das Geld auch irgendwann zurückzahlen kann.

Warum wird das Projekt so viel teurer als geplant?

Dafür gibt es mehrere Gründe, sagt Jens Herbst. Zum einen sind da die generell gestiegenen Kosten auf dem Bausektor, zum anderen die zu Beginn wagen Planungen der Architekten. Da ein so großes Projekt ausgeschrieben werden muss, haben Architekten nur drei Monate lang Zeit, um einen Bauplan zu erstellen. Dann entscheidet die Stadt, welcher der Beste ist. „Wenn der Sieger feststeht, muss er alles noch einmal detailliert planen. Erst dann weiß er zum Beispiel, von welchem Fabrikat die Wasserhähne eingebaut werden“, so Herbst. Bis alles steht, haben die Hersteller häufig wieder ihre Preise erhöht — das führt zu Kostenunsicherheiten. Zudem, sagt Herbst: „Etwas auf der freien Wiese abzureißen und zu bauen, ist immer viel einfacher, als etwas, das Teil eines Campus’ ist“. Das Architekturbüro für das Projekt Talschule heißt Raum und Bau, die Projektsteuerung  übernimmt Drees & Sommer.

Warum steht die Stadt jetzt vor einem Sanierungsstau?

„Sanierungsstau“ bedeutet: Gebäude befinden sich nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Technik, weil man sie zu lange nicht saniert hat. Die Stadt habe nie wirklich das Geld gehabt, große Modernisierungen umzusetzen, so Beck. In den zurückliegenden Jahren habe Weingarten immer wieder Sanierungen vorgenommen, wie beispielsweise die Erneuerung des Sporthallen–Dachs. Aber, sagt Jens Herbst: „Wir mussten auch viel liegenlassen. Dass wir nicht genug gemacht haben, holt uns jetzt ein.“

Warum mischt sich das RP ständig ein?

RPs — die es nur in vier Bundesländern gibt — kontrollieren, ob sich die Kommunen an die Gesetze des Landes halten. Nach dem Grundgesetz verantworten nämlich die Länder die staatlichen Aufgaben für die Bildungspolitik. Damit müssen die Länder sich um Sanierung und Bau von Schulen kümmern. Bezahlen müssen das die Kommunen selbst, dafür bietet das Land diverse Förderungen an.

Ende Juni hatte das RP Tübingen Weingartens OB Clemens Moll einen Brief geschrieben, in dem es erneut Druck macht. Es schreibt, dass die Pavillons G, H und I nicht mehr saniert werden können, sondern abgerissen werden müssen. Schon 2017 habe das RP angegeben, dass die Schule die Pavillons nur noch bis 2022 nutzen kann. Eine letzte Verlängerung hat es nun bis Ende 2027 gewährt. „Aufgrund der vorhandenen Mängel und der daraus basierenden Gefahr für Leib und Leben ist die Laufzeit nicht disponibel“, heißt es in dem Brief. Das RP pocht noch einmal darauf, alle Möglichkeiten des Sparens wahrzunehmen. Darüber hinaus empfiehlt es Weingarten, mit den Gemeinden aus dem Schulbezirk einen Schulverband zu gründen, damit diese sich finanziell beteiligen.

Beteiligung umliegender Gemeinden — gibt es eine Chance?

Laut Paragraf 31 Schulgesetz kann die obere Schulaufsichtsbehörde zustimmen, dass Gemeinde, Zweckverbände oder Landkreise die Aufgaben des Schulträgers gemeinsam erfüllen. Das gilt nur für weiterführende Schulen, in Weingartens Fall auch für das SBBZ. Soweit die Theorie, in der Praxis sieht das in den Augen von Beck und Herbst eher schwierig aus. Sie folgen den Ratschlägen des RP und seien gerade in der „freiwilligen Phase“. Mit anderen Worten, Weingarten bittet die Umlandgemeinden zur freiwilligen finanziellen Beteiligung. Ob da jemand ,Hier’ schreit, ist allerdings fraglich. Bis Ende des Jahres soll diese Phase noch dauern.

Danach folgt die Zwangsphase. Die Umlandgemeinden bekämen dann Druck von den oberen Behörden. Das wolle Weingarten aber nur tun, wenn das RP es verlangt, so Beck. Denn in Baden–Württemberg gebe es die Möglichkeit der Beteiligung schon lange, es habe jedoch nur in den seltensten Fällen funktioniert. Der Haken: Jede Gemeinde mit weiterführenden Schulen und Sanierungs– oder Neubau–Aufgaben im Rücken, könnte dann ihrerseits wieder die Hand aufhalten. Die Frage ist, was gewonnen wäre, wenn das Geld von Kommune zu Kommune geschoben wird. Kurzum: Die Stadt Weingarten erhofft sich nicht viel von dieser Option.

Was tut die Stadt im Moment?

Gerade wird, so die beiden Fachbereichsleiter, die Planung des Neubaus der Talschule beendet. Es folgt der Bau- und Finanzierungsbeschluss, wonach das Projekt ausgeschrieben werden kann. Anfang 2024 sollen dann der Infrastrukturtunnel und das Gebäude E abgerissen werden. Nachdem die neue Talschule steht, geht es Gebäude C an den Kragen. Mit dem Start des Neubaus der Talschule rechnen Rainer Beck und Jens Herbst im Frühjahr 2024, mit der Fertigstellung zum Schuljahr 2026/2027. Ende 2027 dürfen dann die Pavillons nicht mehr genutzt und können ebenfalls abgerissen werden.

Zwar nicht direkt mit dem Neubau der Talschule, aber doch recht zügig, soll nach Vorstellungen der Stadtverwaltung auch der Ersatzneubau beim Schulzentrum folgen. Hier gibt’s einen Versatz von eineinhalb Jahren, dennoch würde sich die Bauphase zeitweise überschneiden. Sollte das RP dieses Vorgehen wider Erwarten nicht genehmigen, müsste die Stadt dennoch ihren Bildungsauftrag erfüllen und im schlimmsten Fall Container als Unterrichtsräume aufstellen, so Beck. Wann Realschule und Gymnasium saniert werden, stehe zeitlich nocht nicht fest.