StartseiteRegionalOberschwabenWeingartenEin 16-Jähriger kennt jede Orgelpfeife in der Weingartener Basilika

Feuchtigkeit in der Chororgel

Ein 16-Jähriger kennt jede Orgelpfeife in der Weingartener Basilika

Weingarten / Lesedauer: 6 min

Johannes Paul Weiß hat Ideen, wie man gegen die Feuchtigkeit in der Chororgel ankämpfen könnte. Für das Land hingegen ist das Problem neu. Ein Video zeigt alles.
Veröffentlicht:01.10.2023, 18:00

Artikel teilen:

Kaum jemand kennt die beiden Orgeln in der Basilika in Weingarten so gut wie Johannes Paul Weiß. Der erst 16-jährige Messner-Sohn eilt dem Organisten Stephan Debeur zu Hilfe, wenn wieder ein Ton an der Chororgel hängt und das passiert derzeit besonders häufig ‐ denn die Feuchtigkeit in der Basilika macht dem Instrument zu schaffen. Weiß hätte einige Ideen, wie man dem Problem entgegnen könnte.


Stephan Debeur bestätigt auf Anfrage, dass größere Reparaturen an der Chororgel anstehen. Unter anderem die Elektronikteilchen funktionierten aufgrund der Feuchtigkeit nicht mehr so, wie sie sollen.

Das merkt Debeur zur Zeit häufig, denn da die Gablerorgel wegen der Basilika-Sanierung von einem Gehäuse geschützt wird und zwei Jahre nicht genutzt werden kann, muss der Organist auf die Chororgel im Nordflügel der Basilika ausweichen. Die Chororgel wurde ebenfalls von Joseph Gabler gebaut, im Gegensatz zur Gablerorgel aber mehrfach völlig neu überarbeitet.

Sanierung hätte länger halten können

Zuständig für die Sanierung der Basilika und auch für den Zustand der beiden Orgeln ist Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Ravensburg. Thomas Pehle ist dort Abteilungsleiter und sagt, dass er das erste Mal von neuerlichen Schäden an der Chororgel hört. Pehle: „Ich bin da echt erschrocken, denn die Orgel wurde von 2010 bis 2012 saniert. Wir sind davon ausgegangen, dass das zwischen 25 und 30 Jahren hält.“ Die Sanierung hatte 466.000 Euro gekostet, im Vorhinein hatten verschiedene Gutachter festgelegt, was zu tun ist. 60 Prozent der Kosten übernahm damals Vermögen und Bau, der Verein Freunde und Förderer der Musik in der Basilika Weingarten steuerte 40 Prozent der Summe bei.

Pehle hat vor, sich zeitnah vor Ort ein Bild zu machen. Je nach Ergebnis werde sich Vermögen und Bau erneut an die Gutachter wenden und sie mit dem Fall konfrontieren. Wenn etwas getan werden muss, komme es auf die Finanzierung an. „Alles ab einem Aufwand von 150.000 Euro müssten wir anmelden und klären. Darunter können wir das oft mit einfachen Mitteln und recht schnell bewerkstelligen“, sagt Pehle.

Ein aktueller Kostenvoranschlag für die Reparaturen liegt bei rund 30.000 Euro. Das sagt Getrud Heine, Vorsitzende des Vereins Freunde und Förderer der Musik in der Basilika Weingarten mit rund 150 Mitgliedern. Heine: „Es gab schon bei der Sanierung vor zehn Jahren die Überlegung, ob die Chororgel ausreichend saniert wurde. Jetzt zeigt sich, dass das nicht der Fall war“. Die Schwellensteuerung sei damals nur unzureichend saniert worden, weshalb der Ton der Orgel am Anfang eines Liedes viel zu leise sei. Erst mit der Zeit komme das Schwellenwerk richtig in Gang. Von der Spendensammelaktion für die Sanierung vor zehn Jahren sei noch genug Geld übrig, um die neuen Reparaturen zu zahlen, dennoch hofft Getrud Heine auf Unterstützung vom Land.

Seit Kindheitstagen in der Basilika

Die Feuchtigkeitsprobleme gebe es schon seit dem Orgelbau vor 300 Jahren, so Stephan Debeur. Das liege ganz einfach am Standort der Orgel, denn im Nordbereich des Gebäudes falle keine Sonne ein. „Da quillt das Holz der Orgel schon mal auf, und die kleinen Blasebälgchen, die tausendfach verbaut sind, sind ebenfalls sehr feuchtigkeitsempfindlich“, sagt er. Für schnelle Reparaturen hat er seinen Messner Klaus Weiß an der Hand und vor allem dessen 16-jährigen Sohn Johannes Paul Weiß, der die Orgel ständig ehrenamtlich wartet.

Ihn ruft Debeur, wenn wieder mal ein Ton hängen bleibt. Johannes Paul, der nach dem gleichnamigen Papst benannt ist, kann mit zwei Schraubenmuttern als Gewicht das Problem lösen. „Die Elektromagnete, die den Ton auslösen, hängen fest. Mit einem kleinen Gegengewicht lösen sich die Magnete wieder“, sagt Johannes Paul Weiß. Wo beim einen ein Fragzeichen erscheint, hat der junge Mann den vollen Durchblick. Seit Kindheitstagen ist er mit seinem Vater in der Basilika unterwegs, spielt Orgel, kann sie sogar stimmen und in Teilen reparieren, denn er liebt alles Technische. Bei Arbeiten von Orgelbaufirmen an den beiden Instrumenten in der Basilika sei er stets dabei gewesen und durfte helfen. Das hat ihm bereits jetzt einen Ausbildungsplatz bei einer Orgelbaufirma in der Schweiz gesichert.

Feuchtigkeit zieht von der Gruft in die Orgel

Mit seinem Vater versucht er, mit kleinen Mitteln gegen die Feuchtigkeit in der Chororgel vorzugehen. „Unter dem Chorraum ist die Gruft mit mehreren Belüftungsschächten, die geschlossen wurden. Dadurch ist die ganze Feuchtigkeit durch die verbliebene Öffnung von der Gruft in die Orgel gezogen“, sagt Johannes Paul Weiß. Mittlerweile seien einige Schächte wieder geöffnet worden. Besser sei es aber, wenn alle Schachtöffnungen mit Gittern versehen werden würden, sodass die Luft zirkulieren könne.

Um die hängenblebenden Töne an der Chororgel wieder zu lösen, hängt Johannes Paul Weiß kurzerhand Schraubenmuttern an die Elektromagnete.
Um die hängenblebenden Töne an der Chororgel wieder zu lösen, hängt Johannes Paul Weiß kurzerhand Schraubenmuttern an die Elektromagnete. (Foto: Stefanie Rebhan)

Was dieses Thema angeht, wolle sich Thomas Pehle lieber auf seine Gutachter verlassen. „Nicht, dass die Feuchtigkeit zwar aus diesem Bereich entfernt wird, dafür aber in einen anderen strömt. Also von einem Innenraum in den nächsten. Das wäre nicht sinnvoll“, sagt er.

Ein Dorn im Auge sind Johannes Paul Weiß auch die Glasscheiben, die zum Schutz der Chororgel-Pfeifen installiert wurden. Er sagt: „Da staut sich die Feuchtigkeit noch mehr. Man sieht schon die leichte Schimmelbildung am Glas“. Mindestens Luftschlitze sollten eingebaut werden.

Auf die Orgelpfeifen rieselt Dreck

Sorgen macht ihm außerdem der Holzwurm, den man seiner Meinung nach einmal grundlegend mit Gas behandeln müsste, denn er knabbert an den Orgelpfeifen, die noch von Joseph Gabler selbst stammen. Problematisch findet Johannes Paul auch die Holzdecken über den Orgelpfeifen, die bei der letzten Sanierung gebaut wurden. Ursprünglich konnte man nur die Holzbretter an den Wänden seitlich aufklappen, damit die Luft besser zirkuliert und der Ton der Orgel lauter wird. Wenn die Orgel nicht gespielt wird, sind die Klappen jetzt jedoch oben auf, wodurch Dreck von der Basilikadecke auf die Pfeifen rieselt. Johannes Paul Weiß: „Ein Netz unter den Brettern würde schon viel helfen.“

Wenn der Schüler nicht gerade mit der Orgel beschäftigt ist, kümmert er sich um einige der elf Glocken in der Basilika. Einige läutet er ab und zu von Hand oder tüftelt, wenn die Glockentechnik gerade nicht kooperativ ist. Das große Interesse an der Weingartener Basilika zeigt sich auch am Klingelton seines Smartphones: da läutet die berühmte Hosianna-Glocke. Auch privat beschäftigt er sich mit Orgeltechnik. „Ich habe angefangen, mir eine kleine Orgel zu bauen“, erzählt Johannes Paul Weiß. Wenn er das gerade nicht macht, verbringt er seine Freizeit mit seinem zweiten Hobby, der Eisenbahntechnik. Das teilt er auf seinem Youtube-Kanal „Glocken und Eisenbahn Freunde“ mit Gleichgesinnten.