StartseiteRegionalOberschwabenVogt„Scherzachtaler Blasmusik“ hört nach 34 Jahren auf

Tränenreicher Abschied

„Scherzachtaler Blasmusik“ hört nach 34 Jahren auf

Vogt / Lesedauer: 6 min

Musiker und Komponist Norbert Gälle spricht über das Ende der beliebten Kapelle und seinen Welt-Hit „Böhmischer Traum“. Für den hat er jetzt einen Preis bekommen.
Veröffentlicht:28.05.2023, 12:50

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Vor 25 Jahren hat er die Polka „Böhmischer Traum“ komponiert. Das Stück ging weltweit durch die Decke. Jetzt hat Norbert Gälle dafür einen Preis bekommen. Seine neueste Komposition indes heißt „Tränen zum Abschied“. Denn die Scherzachtaler Blasmusik, die er einst mit seinem Bruder gegründet hat, hört im Herbst nach 34 Jahren auf. Ein emotionaler Einschnitt.

Eigentlich wollte der Grünkrauter Bub lieber zum Fußball. Doch sein Vater, selbst Musikant, schickte ihn und seinen Bruder in den Musikverein. So lernte der Zehnjährige Tenorhorn statt Steilpass. Das ist jetzt rund 50 Jahre her. Dass er einmal von seiner Musik leben kann, hätte sich der Junge damals nicht träumen lassen. Doch heute ist Nobert Gälle, der lange in Bodnegg lebte und jetzt in Vogt wohnt, eine Berühmtheit in der Blasmusik–Szene und darüber hinaus.

Früher als Ernst–Mosch–Fan ausgelacht

Seine Komposition „Böhmischer Traum“ ist seit 25 Jahren ein Hit bei Kapellen und auf Konzerten und wird auch als „Nationalhymne der Blasmusik“ bezeichnet. Das meistgesehene Musikvideo des „Böhmischen Traums“ auf Youtube hat 16 Millionen Klicks von Nutzern aus der ganzen Welt und wird immer noch täglich aufgerufen. Und die Polka schaffte auch den Sprung über die Grenzen der Blasmusik hinaus: DJ Ötzi hat unter dem Titel „Der hellste Stern“ daraus einen Party–Schlager mit Gesangstext gemacht, von „Harris & Ford“ gibt es sogar eine Hardstyle-Version.

Früher wurde ich ausgelacht, wenn ich gesagt habe, dass ich Ernst–Mosch–Fan bin — heute ist Blasmusik auch bei jungen Leuten wieder in,

sagt Nobert Gälle.

Mit der Musik von Ernst Mosch habe es damals bei ihm „gezündet“, erinnert sich der heute 59-Jährige: Als sein Vater Anfang der 80er–Jahre im Auto eine Kassette mit den böhmischen Stücken abspielte, habe ihn das gleich berührt, erzählt Gälle. Für den Jungen war damals sofort klar: Diese Musik wollte er live in einem Konzert erleben. Und so fuhr er 1981 mit seiner ganzen Familie zum Auftritt von Ernst Mosch und seinen Egerländern nach Füssen.

Für die Scherzachtaler Blasmusik schrieb er sein erstes Stück

Seither hat ihn diese Leidenschaft nicht mehr losgelassen. 1989 gründete Norbert Gälle zusammen mit seinem Bruder Anton die Scherzachtaler Blasmusik. Für diese Kapelle schrieb er auch sein erstes Stück mit dem Titel „Heimweh“. Dass er komponieren möchte, sei keine bewusste Entscheidung gewesen, sagt er. Vielmehr habe er irgendwann gemerkt, dass ihm eine Melodie im Kopf herumging. „Ich war grad bei der Arbeit, hab mir ein paar Notenlinien auf ein Papier gezeichnet und Noten notiert.“

Seine dritte Komposition war der „Böhmische Traum“, durch den dann auch die Scherzachtaler bekannt wurden. Dass die Polka zum Riesenerfolg wurde, sei nicht absehbar gewesen, sagt Gälle. „Musik ist reine Geschmackssache. Wenn es ein Hit wird, hat man den Geschmack vieler Leute getroffen.“

Auf die Bühne geschubst

Seine bekannte Komposition führte ihn bis nach New York: Dort waren er und seine Frau Alexandra bereits sieben Mal Ehrengäste der Steuben–Parade, die jährlich als Zeichen der deutsch–amerikanischen Freundschaft stattfindet und auf der viel deutsche Volksmusik zu hören ist. Auch zu Oktoberfesten in Brasilien war das Ehepaar Gälle schon eingeladen. „Da durften wir in der Ehrenkutsche mitfahren“, erzählt Alexandra Gälle.

Sie begleitet ihren Mann zu vielen Konzerten und Einladungen und kümmert sich ums Management. Und manchmal schubse sie ihn auch auf die Bühne, berichtet sie mit einem verschmitzten Lächeln. Denn sonst würde ihr Mann sich am liebsten in der hintersten Reihe verstecken. „Ich bin kein großer Redner“, bestätigt Norbert Gälle. Vor Interviews oder Fernsehauftritten sei er immer sehr nervös.

Tenorhornisten der Scherzachtaler Blasmusik anno 1992: Rechts Norbert Gälle.
Tenorhornisten der Scherzachtaler Blasmusik anno 1992: Rechts Norbert Gälle. (Foto: Scherzachtaler Blasmusik)

Unzählige Youtube–Aufrufe, Einladungen nach New York und Fahrten in der Ehrenkutsche: „Ich habe mehr erlebt als ich jemals gedacht hätte“, resümiert Norbert Gälle die vergangenen 25 Jahre. Von den Tantiemen, die sein „Böhmischer Traum“ einspielt, kann der 59–Jährige heute seinen Lebensunterhalt bestreiten. 2007 hat er sich als Musiker und Komponist selbstständig gemacht. Seinen ursprünglichen Beruf als Heizungsbauer hat er aber nie ganz aufgegeben. Immer wieder ist er zwischendurch als Handwerker unterwegs. „Das brauch ich, ich bin ein Schaffer“, sagt er.

Im Herbst kommt ein großer Einschnitt für Norbert Gälle

Vor Kurzem wurde er „für sein Lebenswerk“ geehrt: Er bekam den internationalen Musikpreis „Smago–Award“, Nachfolger der „Goldenen Stimmgabel“. Mit ihm unter den Preisträgern waren dieses Jahr unter anderem Heino und die „Amigos“. Diesen Preis mit einem Blasmusik–Titel erreicht zu haben, mache ihn sehr stolz und glücklich, sagt Gälle.

Doch in die Freude über all diese Anerkennung mischt sich auch Traurigkeit. Denn im Herbst wird es einen großen Einschnitt für Norbert Gälle geben: Die Scherzachtaler Blasmusik, bei der er zusammen mit seinem Bruder seit 34 Jahren aktiv ist, macht Schluss. „Wir werden alle nicht jünger, und die teilweise sehr weiten Fahrten zu den Auftritten und zurück sind schon sehr anstrengend“, sagt Gälle zu den Beweggründen für diesen Entschluss. „Wir haben viel zusammen erlebt und sind in vielen europäischen Ländern aufgetreten, aber es ist einfach auch viel Stress. Vor allem, wenn man dann am Montagmorgen wieder im Beruf steht.“

Das Aus der Scherzachtaler sorgt für große Emotionen

Am 5. und 6. November spielt die „Scherzachtaler Blasmusik“ in der Wetzisreuter Halle ihre beiden letzten Konzerte. Dass diese Ära nun endet, nimmt Norbert Gälle ganz schön mit. „Das war mein Baby“, sagte er. Zum Aus der beliebten Kapelle hat er eine Polka komponiert. Sie trägt den Titel „Tränen zum Abschied“. Und auch im echten Leben sind schon Tränen geflossen, berichtet Ehefrau Alexandra: „Ich habe meinen Mann noch nie so emotional gesehen.“

Nobert Gälle und seine Frau Alexandra sind stolz auf den Musikpreis „Smago-Award‟.
Nobert Gälle und seine Frau Alexandra sind stolz auf den Musikpreis „Smago-Award‟. (Foto: knf)

Das gilt wohl auch für so manchen Fan. So schreibt ein Facebook–Nutzer: „Es darf einfach nicht enden! Ihr seid ein einzigartiges Orchester. Deine Kompositionen suchen ihresgleichen!“ Ein anderer fragt: „Norbert , was machst du nur danach musikalisch?“

Auf diese Frage weiß Norbert Gälle noch keine Antwort. Es seien schon ein paar Anfragen da, vielleicht ergebe sich etwas, sagt er. Eines aber steht für ihn fest: „Ich will keine halben Sachen.“ Und : „So etwas wie die Scherzachtaler werde ich nie mehr kriegen.“