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Streit ums Moor

Reicher Moos: Umweltschützer fordern sofortige Renaturierung

Vogt / Lesedauer: 4 min

Das Torfabbaugebiet zwischen Vogt und Waldburg bleibt ein Zankapfel. Der Verein „Pro Natur Vogt-Waldburg“ sammelt jetzt Spenden für eine juristische Prüfung.
Veröffentlicht:23.01.2024, 12:00

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Es erinnert an den aussichtslos erscheinenden Kampf des Hirtenjungen David gegen den mächtigen Krieger Goliath. Bloß, dass die Protagonisten im Altdorfer Wald, anders als in der biblischen Sage, nicht zur Steinschleuder greifen. Stattdessen strebt David, also der Naturschutzverein „Pro Natur Vogt-Waldburg“, die zivilisierte Form des Streits an, nämlich die juristische. Ziel ist es, die zwei Hauptforderungen durchzusetzen: die sofortige Renaturierung, sprich Wiedervernässung, des Torfabbaugebiets Reicher Moos und das Ende des Torfabbaus nach 2030.

Profit schlägt Klimaschutz

Profit schlägt Klimaschutz

Die Renaturierung des Reicher’ Moos sollte dringend geplant werden, findet Redakteurin Verena Jäger.

Umweltschützer klagt: „Niemand will zuständig sein“

„Wir kommen alleine nicht weiter“, sagt der Vorsitzende des Vereins, Manfred Scheurenbrand. „Niemand will zuständig sein für die Renaturierung und jeder schiebt die Verantwortung weiter.“ Deshalb sammelt der Verein jetzt Spenden, um einen Anwalt beauftragen zu können. 5000 Euro sind das Ziel, 2000 Euro fehlen noch.

Ein Überblick: Das Reicher Moos zwischen Waldburg und Vogt ist ein etwa 120 Hektar großes Hochmoor - und das letzte Torfabbaugebiet in Baden-Württemberg. Seit 1920 wird dort Torf abgebaut: früher für Brennstoff und Torf für den Gartenbau, heute - und das vom Land offiziell genehmigt - geht der Torf für Mooranwendungen in die oberschwäbischen Kurbäder Bad Wurzach, Bad Waldsee und Bad Buchau.

Abbau von Torf steht in der Kritik

Verantwortlich für den Torfabbau ist der Zweckverband „Moorgewinnung Reicher Moos“, bestehend aus den drei genannten Gemeinden. Der Zweckverband hat im Reicher Moos etwa 20 Hektar vom Land gepachtet und bezahlt dafür jährlich rund 9000 Euro Pacht. In der Zeit vor der Pandemie wurden pro Jahr etwa 3000 Kubikmeter Torf abgebaut. 2023 waren es laut Zweckverband etwas weniger als 2000 Kubikmeter. Von dieser Menge wird auch für 2024 ausgegangen.

Doch der Abbau von Torf steht in der Kritik und wird gleichgesetzt mit der Zerstörung intakter Moore. Moore haben eine wichtige Funktion beim Klimaschutz, da sie riesige Mengen Kohlendioxid speichern. Aus Protest gegen den Torfabbau gründete sich vor einem Jahr die Bürgerinitiative „Rettet das Reicher Moos“, aus der inzwischen der Verein „Pro Natur Vogt-Waldburg“ hervorgegangen ist. Dieser kämpft zum einen dafür, dass das Land keine weitere Genehmigung zum Torfabbau nach 2030 erteilt - was jedoch politisch gewollt und im Regionalplan für weitere 40 Jahre vorgesehen ist. Und zum zweiten fordern die Naturschützer die sofortige Wiedervernässung des Moorgebiets.

Zweckverband erteilt Moor-Schützern eine Absage

Dies lehnt der Zweckverband jedoch ab. Schriftlich teilt er mit: „Als Zeitraum für die Rekultivierung sind die Jahre 2031 bis 2036 festgelegt.“ Aufgrund der „wirtschaftlich sehr schwierigen Gesamtsituation“ sei es „nicht zumutbar, ein über die rechtliche Verpflichtung hinausgehendes Engagement zu erbringen“. Die für die Renaturierung zurückgestellte Summe liege derzeit bei rund 36.000 Euro. Weiter heißt es, man habe vor einigen Jahren „ohne jede rechtliche Verpflichtung“ 5000 Euro in die Schaffung von größeren Wasserflächen investiert, um für Tiere und Pflanzen neue Lebensräume zu schaffen.

„Das ist ja ehrenwert, aber letztlich eine Placebo-Veranstaltung“, sagt Naturschützer Scheurenbrand. „Mit einer Gesamt-Renaturierung hat es nichts zu tun.“ 

Es zählt nur Profit und dass die Marketingblase ,Oberschwäbische Moorbäder’ am Leben gehalten werden kann. Klima- und Naturschutz interessiert nicht!

klagt auch Scheurenbrands Vereinskollege Hubert Wegele aus Waldburg.

Kurbetriebe: Stopp der Moorbehandlungen kostet Arbeitsplätze

Die Gegenseite - die Kurbetriebe Bad Wurzach, Bad Waldsee und Bad Buchau - betonen, dass sie auf den Badetorf für ihre Heilanwendungen angewiesen seien. Ein Stopp der Moorbehandlungen würde Arbeitsplätze kosten, sagt der Geschäftsführer des Kurbetriebs Bad Wurzach, Markus Beck. Naturschützer Wegele hingegen ist sich sicher, dass die oberschwäbische Wirtschaft „nicht zusammenbrechen“ werde, wenn auf alternative und umweltfreundliche Heilanwendungen wie beispielsweise auf Heubäder umgestellt werden würde.

Aber ist das Reicher Moos überhaupt noch zu retten, nachdem dort seit Jahrzehnten Torf abgebaut wird? „Ja, ein Teil sicher“, sagt Markus Röhl, Professor für Naturschutz und Vegetationskunde an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen. Zwar habe das Reicher Moos durch den Torfabbau viele Moorarten bereits verloren, aber eben nicht alle. „Der entscheidende Faktor ist, den Wasserhaushalt wiederherzustellen, indem die Gräben verschlossen werden“, erklärt Röhl das Prinzip der Renaturierung. Der gesamte Prozess inklusive Planung dauere etwa vier Jahre, schätzt Röhl und empfiehlt daher, „zügig“ in die Umsetzung zu gehen, weil sich andernfalls wichtige Torfe weiter zersetzen. „Nochmal zwölf Jahre zu warten, also bis 2036, wäre wirklich nicht sinnvoll.“

Regierungspräsidium: Sind nicht zuständig für ein Gesamtkonzept

Aus Sicht des Moorschutzfachmanns fehlt ein Gesamtkonzept für das Moor, welches das Land als Besitzerin erstellen müsste. Nachfrage beim Regierungspräsidium, Referat 56 für Naturschutz- und Landschaftspflege: Arbeitet das Regierungspräsidium womöglich aktuell an einem solchen Konzept? „Gegenwärtig nicht“, heißt es, und man sei auch nicht zuständig, sondern der Zweckverband.