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Zelt als Notunterkunft im Winter schockiert Flüchtlinge

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

In Ravensburg leben rund 190 Männer in einem Zelt - damit hatten sie in Deutschland nicht gerechnet. Der Hallenleiter versucht, den Frust einzudämmen.
Veröffentlicht:03.12.2023, 12:00

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Bis zum Frühsommer waren in Ravensburg Flüchtlinge in der Burachhalle untergebracht - seit Oktober nutzt der Landkreis stattdessen ein Zelt als Notunterkunft. Dass sie im deutschen Winter in ein Zelt ziehen zu müssen, habe die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft schockiert, berichtet der Leiter der Unterkunft Christian Neusch. Doch er und sein Team berichten, wie der Betrieb nach den ersten Wochen läuft. Und wie sie versuchen, die Stimmung positiv zu beeinflussen.

Fordernde Haltung, von falschen Versprechungen geprägt

Christian Neusch leitet fürs Deutsche Rote Kreuz im Auftrag des Landratsamtes die Unterkunft für bis zu 300 Menschen. Das Zusammenlebens in so einer Notunterkunft ist alles andere als einfach: Die Männer leben in nach oben offenen Sechserzimmer-Abteilen, unterliegen mindestens für die ersten drei Monate in Deutschland einem Arbeitsverbot, haben keine Möglichkeit, selbst zu kochen. Die aktuell rund 190 Bewohner aus Syrien, der Türkei, Afghanistan und Tunesien müssen auf alles mögliche warten, zum Beispiel auf Termine beim Arzt oder einer Bank. „Die Ärzte haben kaum Kapazitäten, wir müssen um jeden Termin kämpfen“, sagt Neusch.

Er beobachtet: „Die Menschen müssen sich in Geduld üben, das ist eine Tugend, die wir kaum feststellen. Einige sind schon sehr fordernd. Sie kommen mit falschen Vorstellungen hier an, ihnen wird im Vorfeld viel versprochen.“ Neusch kann nur mutmaßen, wer diese Versprechungen macht - vielleicht seien es Schleuser, vielleicht Mythen aus den sozialen Medien. Inwiefern die Unterbringungs-Realität auch zurück in die Heimat kommuniziert wird, kann er nicht einschätzen.

Matschiger Untergrund wird zum Problem

Ausgerechnet vor dem Winterhalbjahr die Unterkunft in der Burachhalle zu schließen und Flüchtlinge in einem Zelt unterzubringen - wie kam es dazu? „Wir hatten im Frühjahr die Zusage gemacht, dass die Halle wieder freigeräumt wird“, erklärt Selina Nußbaumer. Daran habe man sich aus Rücksicht auf Schul- und Vereinssport unbedingt halten wollen. Bei der Entscheidung habe man nicht gewusst, wie lange noch große Gruppen von Flüchtlingen in die Region kommen.

Es ist das erste Mal, dass der Landkreis Ravensburg nun ein Zelt als Notunterkunft nutzt - mit entsprechenden Anlaufschwierigkeiten. Aufbau und Betrieb zahlt das Land Baden-Württemberg. Rund um das Zelt war im regenreichen November zunächst der Untergrund zum Problem geworden: ein Sportplatz. Die Bewohner traten beim Verlassen ihrer Unterkunft zu den Seitenausgängen in den Schlamm. Nachträglich angelegte Wassergräben hätten Abhilfe geschaffen, erklärt der Wohnheimverwalter des Landratsamtes, Peter Maier. Auch die Ölheizung habe nicht gleich richtig funktioniert.

Sicherheitskräfte wollen freundlich rüberkommen

Viel schlimmer sei es für die Bewohner, als einmal das WLAN in der Halle ausgefallen sei, sagt Neusch. Viele Männer sitzen in der Halle vor langen Steckdosenleisten, wo sie ihre Handys laden können. Manche telefonieren, einer spielt Musik ab. Irgendwo hört man jemanden singen. Die Stimmung ist gelassen.

Gökhan Gür vom Sicherheitsdienst CMS ist mit seinen Kollegen dafür verantwortlich, dass es so bleibt. „Die Atmosphäre hier ist gut, das liegt auch daran, wie wir mit den Leuten umgehen“, beschreibt Gür seine Arbeitsphilosophie. „Wir begegnen hier niemandem mit Aggressivität, sondern geben den Leuten das Gefühl, dass wir Freunde sind.“ 2015 habe er für einen anderen Arbeitgeber in der Burachhalle miterlebt, dass es konfliktreicher zugeht, wenn Männer mit Frauen und Kindern oder Menschen von unterschiedlichen Kontinenten zusammenleben müssen.

Zur Zeit des Schulbeginns schlafen viele Bewohner noch

Um Befürchtungen der Anwohner zu begegnen, Schulkinder könnten morgens gefährdet sein, stellt Gür einen Sicherheitsmann an die Auffahrt zum Zelt. Die meisten Bewohner schliefen aber morgens zur Zeit des Schulbeginns noch. In der Halle gehe erst um 8 Uhr das Licht an. Viele Männer verließen die Halle ohnehin kaum, weil sie sich in der Gegend nicht auskennen, sagt er.

Der Leiter des benachbarten Bildungszentrums St. Konrad, Gerd Hruza, hat bisher noch keinerlei Beschwerden über die Sicherheit von Schulkindern erhalten, seit die Unterkunft eröffnet wurde. Man überlege an der Schule jetzt auch, wie man Kooperationsprojekte anstoßen könnte, kündigt er an.

Mit Fußball zeigen, was es außerhalb des Zeltes gibt

Um bei den Bewohnern den Frust über das Leben im Zelt zu mildern, legt sich Unterkunftsleiter Neusch ins Zeug. Er organisiert zum Beispiel Sammeltermine bei der Bank für Kontoeröffnungen. „So erkennen sie, dass der Standard der Unterkunft nicht alles ist, sondern, dass sich hier jemand um sie kümmert.“ Und einmal hat er schon 40 Freikarten für ein Ravensburger Fußballspiel organisieren können und eine Gruppe von Bewohnern in seiner Freizeit ins Stadion begleitet, wo sie mit Kaffee und Kuchen verpflegt worden seien und zum Abschluss für ein Gruppenbild in die Kamera gelacht hätten. „Es geht mir darum, die Leute hier rauszubringen, sie an die Gesellschaft heranzuführen und zu zeigen, dass es mehr gibt als dieses Zelt.“