StartseiteRegionalOberschwabenRavensburgWie „20 Fräuleins“ Ravensburger Sportgeschichte schrieben

50 Jahre TSB-Fusion

Wie „20 Fräuleins“ Ravensburger Sportgeschichte schrieben

Ravensburg / Lesedauer: 5 min

Vor 50 Jahren entstand aus den bis dato verfeindeten Vereinen TSV 1847 und TB 1909 der TSB Ravensburg. Was heute selbstverständlich ist war damals heftig umstritten.
Veröffentlicht:29.11.2023, 12:00

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175 Jahre TSB Ravensburg. Das feierte der zweitgrößte Ravensburger Sportverein im vergangenen Jahr. Genau genommen gibt es den Verein in seiner heutigen Form aber erst seit 50 Jahren. Wieso das so ist, und was ein Faschingsball aus dem Jahr 1909 damit zu tun hat, zeigt ein Blick in die Chronik des Vereins.

Der TSB, das ist für viele Ravensburger die Institution, was den Breitensport angeht. Mit 24 Abteilungen und mehr als 3500 Mitgliedern zählt der Verein heute zu den bedeutendsten im Schussental. Möglich gemacht hat das ein Ereignis, das sich dieser Tage zum 50. Mal jährt. Am 29. November 1973 fusionierten die beiden Turnvereine TSV 1847 und TB 1909. Allerdings nicht ganz freiwillig, wie Ulrich Feßler, Vorstandsmitglied und Teil des Arbeitskreises zur TSB-Vereinsgeschichte erzählt:

Den Zusammenschluss der beiden Turnvereine verdanken wir vor allem dem damaligen Oberbürgermeister Karl Wäschle. Seine Vision war ein gemeinsames Sportzentrum im, wie es damals hieß, Wiesental (heute: Rechenwies).

Ulrich Feßler

Fusionsbestreben der Stadt war nicht ganz uneigennützig

Die Mitglieder beider Vereine teilten diese Vision anfangs jedoch keineswegs. Zumal sie aus Sicht der Stadtverwaltung auch nicht ganz uneigennützig war: „In der Jahnstraße war damals das Stadion des TSV. Nebenan, wie auch heute noch, das Autohaus von Mercedes-Benz. Weil dieses am Ravensburger Standort expandieren wollte und es außer dem Sportplatz des TSV keine freien Flächen mehr gab, suchte die Stadtverwaltung nach einer Möglichkeit, den TSV dort loszuwerden“, so Feßler.

Die Bürgerlichen waren im TSV ‐ die Arbeiter im TB

Dazu kommt, dass die beiden Vereine, was die Mentalität angeht, unterschiedlicher nicht hätten sein können. „Der TSV war der Verein für die Bürgerschaft, hier gab es ganze Familiendynastien im Vorstand, und im Fokus standen die klassisch leichtathletischen Disziplinen.“

Lange Zeit war der TSV eine reine Männerveranstaltung. Wie hier die 4x100 Meter Staffel im Jahr der Olympischen Spiele von Berlin 1936.
Lange Zeit war der TSV eine reine Männerveranstaltung. Wie hier die 4x100 Meter Staffel im Jahr der Olympischen Spiele von Berlin 1936. (Foto: Arbeitskreis TSB-Vereinsgeschichte )

Demgegenüber der TB: „Der Verein für die Arbeiter und einfachen Leute“, so Feßler. „Hier wurde Kraftsport großgeschrieben, die Vorstände wechselten schneller als die Trainer mancher Fußballvereine, und beim Geld fehlte es an allen Ecken und Enden.“

Der TSV hatte Geld ‐ Der TB war quasi mittellos

Ganz im Gegensatz zum bürgerlichen TSV. Der Verkauf der Stadionfläche an Mercedes-Benz spülte dem, ohnehin finanziell bessergestellten, Verein nochmals 2,5 Millionen Mark in die Kassen. Entsprechend groß waren die Vorbehalte, mit dem quasi mittellosen TB zukünftig zu teilen.

Das Wappen der Turnergemeinde Ravensburg.
Das Wappen der Turnergemeinde Ravensburg. (Foto: TSB)

Dieser wiederum konnte sich nur schwer von seinem liebgewonnenen Vereinsheim im Schwarzwäldle trennen. Der Sportplatz dort war seinerzeit von der Firma Leibinger zur Verfügung gestellt worden. Einzige Bedingung: Die Mitglieder verpflichteten sich, ihren Durst ausschließlich mit dem Bier der Ravensburger Brauerei zu stillen.

Wir-Ihr-Denken noch immer bei den Älteren Vereinsmitgliedern

„Emotional gesehen ist die Heimat der ehemaligen TB-Mitglieder nach wie vor das Schwarzwäldle“, erzählt Peter Blank, ebenfalls TSB-Vorstand und Teil der Arbeitskreises. Als ehemaliges TB-Mitglied erkennt er bis heute gewisse „Mentalitätsdifferenzen“ zwischen den Sportlern der beiden Vereine: „Unter den Älteren gibt es nach wie vor ein gewisses Wir-Ihr-Denken“, so Blank. Glücklicherweise ist das bei den Jüngeren überhaupt kein Thema mehr. Die wissen meistens gar nicht, dass das mal zwei Vereine waren.“

Ausschluss von „20 Fräuleins“ beim Faschingsball führte 1909 zum Bruch mit dem traditionsreichen TSV

Dass es überhaupt zwei Ravensburger Turnvereine gab, liegt an einem Ereignis, das sich im Jahr 1909 zugetragen hat. Auf einer Mitgliederversammlung, traditionell im Vereinslokal Humpis abgehalten, verkündeten 30 vorwiegend junge Turner ihren Austritt aus der damals bereits etablierten Ravensburger Sportinstitution.

Das Vereinslokal Humpis. Hier fand die berüchtigte Versammlung statt, an der 30 Mitglieder ihren Austritt aus dem TSV verkündeten, um wenige Tage später mit dem TB 1909 ihren eigenen Verein zu gründen.
Das Vereinslokal Humpis. Hier fand die berüchtigte Versammlung statt, an der 30 Mitglieder ihren Austritt aus dem TSV verkündeten, um wenige Tage später mit dem TB 1909 ihren eigenen Verein zu gründen. (Foto: TSB)

Stein des Anstoßes damals: 20 jungen „Fräuleins“ wurde die Teilnahme am Faschingsball des Vereins verwehrt. Sie waren nicht verheiratet und eine Teilnahme junger, unverheirateter Frauen an einer Tanzveranstaltung in Gegenwart zahlreicher „Jünglinge“ grenzte, den damaligen Moralvorstellungen folgend, geradezu an Kuppelei. So zumindest heißt es im aufwendig recherchierten Jubiläumsheft des Arbeitskreises zur TSB-Geschichte.

Tatsächlich gab es schon länger Differenzen zwischen den jungen aktiven Mitgliedern im Verein, vorwiegend aus der Arbeiterschicht kommend, und den „großkopferten“, Vereinsälteren.

Fortan waren die „Kopfwerker“ im TSV und die „Handwerker“ im TB

Wenige Tage später gründeten die jungen Revolutionäre den Turnerbund 1909. Die Zugehörigkeit zu den beiden Vereinen richtete sich fortan streng nach den sozialen Schichten ihrer Mitglieder. Hier die Bürgerlichen „Kopfwerker“, wie es in einer frühen Mitgliederauflistung des TSV heißt. Dort die einfachen „Handwerker“.

Auch an der Kuppelnau wurde geturnt. Im Sommer auf dem Platz vor und im Winter in der Halle.
Auch an der Kuppelnau wurde geturnt. Im Sommer auf dem Platz vor und im Winter in der Halle. (Foto: TSB)

Aus heutiger Sicht lässt sich nur erahnen, was es für die Mitglieder der beiden Vereine vor 50 Jahren bedeutet haben muss, den Schritt in die Gemeinsamkeit zu gehen. Letztendlich überzeugten wohl die nüchternen Fakten. Mit dem neu geschaffenen Sportzentrum Rechenwies verbesserte man nicht nur die Infrastruktur beider Vereine. Auch sportpolitisch schuf man eine gewichtige Stimme. Heute ist der Verein aus der Ravensburger Sportlandschaft nicht mehr wegzudenken.