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Pilotprojekt

Wenn das Handy Menschen krank macht

Ravensburg / Lesedauer: 3 min

Statistisch sind 1000 Ravensburger infolge von Elektrosmog erkrankt. Die Symptome sind vielfältig. Gemeinsam mit der Stadt suchen sie strahlungsgeschützte Wohnungen.
Veröffentlicht:07.02.2023, 05:00

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In Zeiten von Mobilfunk und WLAN kann der Mensch den damit einhergehenden Strahlungen kaum noch entgehen. Ravensburg hat daher vor vier Jahren beschlossen, für elektrosensible Menschen geschützte Zonen und Wohnbereiche zu schaffen. Umgesetzt wurde der Gemeinderatsbeschluss bisher nicht.

Experten schätzen, dass rund zwei Prozent der deutschen Bevölkerung an sogenannter Elektrohypersensibilität leiden – das wären in Ravensburg 1000 Betroffene. Ihnen macht hoch- oder niederfrequenzige Strahlung derart zu schaffen, dass sie daran erkranken. Oftmals werden die Ursachen dafür zunächst nicht erkannt, weil die Symptome sehr unterschiedlich sein können. Sie reichen von Schlafstörungen über chronische Schmerzen und Erschöpfungszustände bis hin zu Herzrhythmusstörungen.

Die Sozialpädagogin Anke Bay hat vor elf Jahren in Ravensburg eine Selbsthilfegruppe für Umwelterkrankte gegründet. Im vergangenen Jahr wurde daraus ein gemeinnütziger Verein mit rund 50 Mitgliedern. Er dient dem Austausch von Betroffenen jeglicher Umwelterkrankungen. Elektrosensible Personen sind ein Teil davon.

Elektrosmog ist fast überall

„Das größte Problem ist für Elektrosensible, dass sie sich einer Strahlung praktisch nicht entziehen können“, sagt Anke Bay. Vielerorts nicht einmal in den eigenen vier Wänden. Die Selbsthilfegruppe begrüßte es daher, dass die Stadt Ravensburg im Februar 2019 beschloss, Schutzzonen und Schutzräume zu schaffen. Umgesetzt wurde der Beschluss seither nicht.

Das heißt nicht, dass nichts passiert ist. Doch einfache Lösungen gibt es bei diesem Problem nicht. 

Ein Hauptprojekt war die Suche einer städtischen Pilot-Wohnung, in der strahlenschützende Maßnahmen für elektrosensible Bewohner umgesetzt werden sollten,

sagt Timo Hartmann, der Sprecher der Stadtverwaltung.

Ein Objekt im Saumweg in Weingartshof fiel aus dem Rennen, weil im näheren Umfeld eine Hochspannungsleitung verläuft. Ein anderes in der Schussensiedlung kam nicht infrage, weil dorthin nicht nur die elektrifizierte Bahnlinie strahlte, sondern auch umliegende Sendemasten und das Drahtlos-LAN der Nachbarn.

Verzweifelt ist Anke Bay dennoch nicht: „Wir müssen einfach einen Anfang machen. Dass wir nicht sofort für alle Betroffenen eine neue Wohnung finden, ist klar.“

Betroffene leben sehr eingeschränkt

Wie eingeschränkt Betroffene leben, berichtet die Sozialpädagogin anhand von Beispielen aus ihrem Verein. Manche verbringen den halben Tag im Wald, auch bei Kälte, schlafen in Autos oder Wohnwagen an funkarmen Plätzen. Andere buchen sich in WLAN-freie Gasthäuser ein.

Der Druck ist hoch. Denn es geht nicht allein um die Wohnstätte. Viele Betroffene werden zunehmend gesellschaftlich isoliert, da sie am öffentlichen oder kulturellen Leben kaum mehr teilnehmen können. Manche sind so krank, dass sie nicht mehr arbeiten können. Finanzielle Sorgen kommen hinzu.

Wohnplätze im Außenbereich wären am besten

„Die Betroffenengruppe konzentriert ihre Suche auf den Bereich der Ortschaften, in denen die Strahlenbelastung grundsätzlich geringer ausfällt. Es wurden zahlreiche Gespräche mit Ortschaftsverwaltung und privaten Immobilieneigentümern im Außenbereich geführt“, sagt Timo Hartmann.

Doch auch hier bisher: Fehlanzeige. Denn die Erkrankten benötigen nicht nur strahlungsarme Bereiche, sondern auch Abstand zu Nachbarn (und deren Handys und WLANs) sowie die Rechtssicherheit, dass dort nicht in naher Zukunft Sendemasten entstehen. Zumindest Letzteres könnte die Stadt über das Baurecht verhindern.

Neben strahlungsfreiem Wohnraum wünschen sich die Umwelterkankten auch Schutzräume in der Stadt, um zumindest in einem gewissen Maß am öffentlichen Leben teilzunehmen. Zum Beispiel in der Stadtbücherei, in einigen Bereichen von Schulen, Kitas und Krankenhäusern sowie in einzelnen Abteilen in Bus und Bahn.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg unterstützt die Schaffung von mobilfunkfreien Zonen und schließt Gefahren für die menschliche Gesundheit durch die Mobilfunktechnologie nicht aus. Ein eindeutiger Zusammenhang verschiedener Erkrankungen sei bisher aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen.


Der Verein für Umwelterkrankungen ist offen für Betroffene, ehrenamtliche Mitarbeiter, aber auch interessiert an Kontakt mit möglichen Investoren für Wohnprojekte. Infos gibt es unter www.selbsthilfe-rv.de, Stichwort „Umwelt‟. Bei Fragen bitte E-Mail an [email protected].