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Fair Trade

Vorkämpfer des Fairen Handels fordert Abschaffung der Kaffeesteuer

Ravensburg / Lesedauer: 5 min

Vorstand der Ravensburger Genossenschaft „Weltpartner“ erklärt, dass der Staat oft mehr kassiert als ein Kleinbauer verdient. Er hat einige Ideen, was sich ändern müsste.
Veröffentlicht:02.01.2024, 19:00

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Der Faire Handel steht unter Druck: Weltweite Krisen und Kriege erschweren auch für die Ravensburger Fairhandelsgenossenschaft „Weltpartner“ die Zusammenarbeit mit Kleinbauern in aller Welt. Zusätzlich kostet die Inflation Kunden. Der Vorstand der Genossenschaft, Thomas Hoyer, hat eine politische Forderung, wie mehr Fairness im weltweiten Handel einziehen könnte.

Kunden wandern zum Discounter ab

Mit dem Import und Handel von Kaffee und Schokolade, Tee, Gewürzen, Trockenfrüchten, Textilien und vielen anderen Produkten verdienen die Weltpartner Geld. Doch die wirtschaftliche Lage der Genossenschaft mit Sitz im Ravensburger Gewerbegebiet Erlen ist schwierig: Der Umsatz ist um 4,2 Prozent auf gut 11 Millionen Euro gesunken im Lauf des letzten Geschäftsjahres, das von 1. Juli 2022 bis 30. Juni 2023 dauerte.

Thomas Hoyer, Vorstand der Fairhandels-Genossenschaft Weltpartner in Ravensburg, im Lager, wo Produkte aus aller Welt ankommen.
Thomas Hoyer, Vorstand der Fairhandels-Genossenschaft Weltpartner in Ravensburg, im Lager, wo Produkte aus aller Welt ankommen. (Foto: Lena Müssigmann)

Grund sei vor allem, dass der Bioläden, wo Weltpartner-Produkte in den Regalen stehen, in der Zeit, in der alles teurer wurde, Kunden verloren hat. Hoyer beobachtet eine Abwanderung zu Discountern. Einige Menschen seien in finanzielle Probleme gekommen, aber andere ließen sich von der Stimmung auch einfach anstecken, findet er.

Verbraucher spielen aber eine wichtige Rolle im weltweiten Warenhandel: „Durch ihre Kaufentscheidungen können sie unmittelbar Einfluss auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in Entwicklungsländern nehmen“, heißt es vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Immerhin: In den ersten Monaten des neuen Geschäftsjahres war bis einschließlich November schon ein Wachstum festzustellen.

Genossenschaft will Jobs im Erzeugerland schaffen

Und die Genossenschaft ist binnen eines guten Jahres um 80 Mitglieder angewachsen auf jetzt 820. „In zwei Jahren wollen wir 1000 Mitglieder haben“, sagt Hoyer. Er will seine Idee vom Fairen Handel verbreiten.

Sie beruht darauf, den Menschen in den Ländern, aus denen der europäische Markt viele Luxusgüter wie Kaffee und Schokolade bezieht, mehr Möglichkeiten zu geben, mit ihren Produkten Geld zu verdienen. Dafür hilft Weltpartner dabei, die Wertschöpfung in den Ursprungsländern zu steigern.

Genossenschaftsverband hilft bei Verbreitung einer Idee

Wenn dort nicht nur der Kakao geerntet und dann ins Ausland verkauft wird, sondern wenn dort die Schokolade hergestellt, die Verpackung gestaltet und produziert, und am Ende das fertige Produkt das Land verlässt, haben mehr Menschen eine Zukunftsperspektive, wie Hoyer erklärt. Aus Ghana kommt neuerdings eine auf diese Art produzierte Schokolade.

Damit solche Modelle funktionieren, setzt Weltpartner auf Genossenschaften. Diesen Gedanken will Hoyer weltweit stärken, was sich dann auf die Zivilgesellschaft auswirkt.

Forderung bezieht sich auf gemeinwohlorientierte Firmen

Doch Hoyer sieht auch Grenzen seines Engagements: „Der Faire Handel kann nicht allein über den Verkauf die Welt verändern.“ Er findet, dass sich politisch etwas ändern müsse.

Zum Beispiel fordert er, dass die Kaffeesteuer abgeschafft wird. „Mit 2,19 Euro pro Kilo kassiert der deutsche Staat oft mehr als der Kleinbauer verdient“, kritisiert er. Die Abschaffung der Steuer für fair gehandelten Kaffee hatten auch schon andere gefordert, unter anderem der frühere Enwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Jahr 2019.

Er könnte sich auch vorstellen, dass Firmen, die etwas fürs Gemeinwohl tun und nicht nur am eigenen Gewinn orientiert sind, ein reduzierten Steuersatz gilt. Außerdem nimmt er lokale Banken wie die Kreissparkasse ins Gebet: Auch sie könnten solchen Unternehmen bessere Zinsbedingungen gewähren, findet Hoyer.

Idee einer gemeinnützigen Genossenschaft entsteht

Das entwicklungspolitische Engagement macht Hoyer Spaß - aber es kostet Geld und Zeit. Und Hoyer fragte sich, in Zeiten sinkender Umsätze, wie sein Team das leisten kann.

Deshalb soll im ersten Quartal 2024 die Entscheidung fallen, ob die Weltpartner zusätzlich eine neue gemeinnützige Genossenschaft gründen. Darin läge die Chance, dass dann Fördergelder und Zuschüsse für die entwicklungspolitische Arbeit an diese gemeinnützige Genossenschaft fließen und abgekoppelt vom Handel verwendet werden könnten. „Damit könnten wir die großen Projekte stemmen, die weit über unseren Handel hinausgehen.“

Bäume brauchen Nutzen, um nicht als Brennholz zu enden

Ein Beispiel dafür ist das seit 2019 laufende Agroforstprojekt in Baden-Württembergs Partnerland Burundi. Es soll dort die Folgen der Klimaerwärmung abmildern. Kaffeebauern haben 515.000 Bäume gepflanzt, die Obstertrag bringen und den Kaffeepflanzen Schatten bieten. Deshalb würden sie auch nicht als Brennholz verwendet, sondern bleiben stehen und hätten einen langfristigen ökologischen Effekt.

Mehrere Tausend Familien hätten mitgemacht. Weltpartner will seien Erfolg nicht am Importvolumen messen, sondern an der Anzahl an Familien, die mit solchen Projekten unterstützt werden.

Sowohl Israelis als auch Palästinenser seien frustriert

Weitere Herausforderung für die Ravensburger Genossenschaft sind Krisen und Kriege - ganz aktuell die Folgen des Krieges in Isreal. Wegen eines Exportverbots für Olivenbauern in den palästinensischen Gebieten sei die letzte Lieferung am 10. Oktober von dort angekommen. Durch die Zuspitzung des Konfliktes würden Olivenbauern im Westjordanland, mit denen Weltpartner zusammenarbeitet, seinen Informationen zufolge außerdem von den Israelis nicht mehr zu ihren Plantagen durchgelassen.

„Die Oliven verfaulen dort an den Bäumen“, sagt Hoyer. Sowohl Isrealis als auch Palästinenser, die in einem Friedensprojekt gemeinsam Seifen herstellen, seien frustriert über die Lage, berichtet er. Das Weltpartnersortiment könnte also bald eine Lücke haben. „Die Olivenprodukte gehen uns im Februar aus“, sagt Hoyer voraus, sollte sich an der Lage nichts ändern.