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Umweltbilanz verbessern

Vetter versüßt seinen Mitarbeitern nicht nur das Radeln in die Firma

Ravensburg / Lesedauer: 5 min

Der Pharma–Dienstleister lässt stolze Summen für Zugtickets oder Jobräder springen. Doch nachhaltige Mobilität funktioniert noch längst nicht überall.
Veröffentlicht:28.07.2023, 15:00

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Der Pharmadienstleister Vetter verdient nicht nur einen Haufen Geld — das größte Unternehmen der Stadt gibt auch eine Menge aus. Unter anderem dafür, seinen Mitarbeitern Umweltfreundlichkeit schmackhaft zu machen. Nachhaltige Mobilität nennt sich das. Und es wirkt: Immer mehr Beschäftigte kommen mittlerweile mit Rad oder Zug zur Arbeit. Doch es gibt auch noch Baustellen.

Seit zwölf Jahren ist Klaus Edele Umweltbeauftragter bei Vetter. Und das nicht nur auf dem Papier: Der 59–Jährige geht mit gutem Beispiel voran und radelt wann immer möglich die 25 Kilometer von seinem Zuhause in Kißlegg in die Unternehmenszentrale im Ravensburger Kammerbrühl. Dass er dabei schon mal ins Schwitzen kommt, ist nicht weiter tragisch, denn in dem 2020 fertig gestellten Gebäude gibt es sechs Duschen. Abends setzt sich Edele dann oft in den Zug und fährt über Aulendorf heim nach Kißlegg.

Das Jobrad ist begehrt

Immer mehr Kollegen machen es ihm nach und kommen ebenfalls mit dem Fahrrad zur Arbeit: In den vergangenen vier Jahren haben insgesamt 2080 Mitarbeiter einen Leasingvertrag für ein Jobrad abgeschlossen. „Das ist eine erstaunliche Entwicklung“, sagt Edele. Und freut sich, dass die 300 überdachten und eingezäunten Radstellplätze am Hauptsitz inzwischen selbst im Winter gut belegt sind. Dort kann man sein Gefährt nicht nur parken — es gibt auch zwölf E–Bike–Ladestationen, eine Reparaturstation und Schließfächer. Bisher ließ Vetter insgesamt 5,5 Millionen Euro für das Jobrad–Angebot springen.

Auch das Zugfahren wird kräftig gefördert: Das Unternehmen übernimmt die Kosten für das 49–Euro–Ticket komplett. Bis Ende Juli haben 770 Mitarbeiter zugegriffen. Außerdem gehe, sofern die Tätigkeit mobiles Arbeiten zulässt, im Zug keine Arbeitszeit flöten, wirbt Edele: Während der Bahnfahrt könne man Remote arbeiten und selbst bei zerstückelten Netz Mails vorbereiten oder andere Dinge offline erledigen. Im Übrigen sei die Zug–Taktung zwischen Ulm und Friedrichshafen seit der Elektrifizierung verlässlicher.

Wer am Ravensburger Bahnhof ankommt, kann sich dort ein TWS–Rad greifen und damit ins Kammerbrühl radeln. An seinem Standort im Ravensburger Gewerbegebiet Mariatal hat der Pharmadienstleister gerade erst eine weitere TWS–Verleihstation in Betrieb genommen. Bald soll auch noch eine Ladestation für die TWS–Räder am Standort Erlen entstehen. Vetter übernimmt die Hälfte der Kosten für Bau und Betrieb. Weitere Stationen gibt es bereits direkt oder nahe den Vetter–Standorten in der Schützenstraße, Im Wiesental und der Eissporthalle in Ravensburg.

Schichten und Busfahren gehen schlecht zusammen

Schwieriger gestaltet sich das Thema ÖPNV. „Da war ich optimistischer“, gesteht Edele. Zwar liegt etwa der Standort Erlen an der Schnellbusstrecke nach Konstanz. Doch haben die Schichtarbeiter, von denen es in Ravensburg 3000 gibt, meist zu anderen Zeiten Feierabend. Wer nach 22 Uhr fertig sei, „möchte nicht noch eine halbe Stunde auf den Bus warten müssen“, erläutert Edele. In Mariatal ist das Problem ähnlich gelagert. Seine Gespräche mit der RAB über eine bessere ÖPNV–Anbindung dieser Vetter–Standorte zum Bahnhof Ravensburg seien bislang jedoch weitgehend ins Leere gelaufen, bedauert der Umweltbeauftragte.

Bei all dem gibt es natürlich nach wie vor eine Menge Mitarbeiter, die auf dem Land wohnen und mit dem Auto zur Arbeit kommen (müssen) — da macht sich auch Henryk Badack, Senior Vice President Technischer Service & Internes Projektmanagement beim Pharma–Dienstleister, nichts vor: „Das Thema bleibt; daher machen wir uns auch Gedanken über eine Erweiterung der Parkflächen.“

Neubau „schluckt“ 330 Autostellplätze

Durch den Bau des neuen Produktionsgebäudes, das gerade hochgezogen wird, sind nämlich 330 Autostellplätze am Standort Kammerbrühl/Schützenstraße weggefallen. Um den Engpass zu überbrücken, hat Vetter momentan nicht nur für Teile des Oberschwabenhallen–Parkplatzes ein temporäres Belegungsrecht mit der Stadt Ravensburg ausgehandelt. Die Mitarbeiter dürfen zudem neben dem Bauhaus an der Ecke Ulmer Straße/Bleicherstraße einen Parkplatz nutzen, wie Pressesprecher Markus Kirchner sagt.

Zudem rüstet sich Vetter für den Umstieg auf E–Mobilität: Aktuell kann die Belegschaft an 26 Ladesäulen für 15 Cent pro Kilowattstunde tanken. Seit 2020 wurden mehr als 80.000 Kilowattstunden getankt. Laut Badack sollen noch mehr Ladesäulen eingerichtet werden.

So sollen Pendler zusammenfinden

Damit weniger Autos Parkplätze brauchen, forciert das Unternehmen die Vernetzung der zahlreichen Pendler: Edele erstellt momentan eine anonymisierte Übersicht von den Wohnorten sämtlicher Mitarbeiter. Noch 2023 soll dann eine betriebsinterne Landkarte stehen, die den Beschäftigten „Appetit auf Fahrgemeinschaften macht“, so Edele. Schließlich sei klar, dass bei mehr als 5000 Mitarbeitern an den Ravensburger Standorten „nicht jeder jeden kennt“. Im Herbst will er detailliert abfragen, was jeder einzelne Beschäftigte sich in Sachen Mobilität wünscht.

1,2 Millionen Euro an Zuschüssen für Fahrtkosten

Generell gilt:

Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht, etwas zu verbieten — vielmehr wollen wir unseren Mitarbeitern Impulse zum Umdenken geben und entsprechende Anreize setzen,

umreißt Henryk Badack den Ansatz des Unternehmens.

Da kann es auch mal passieren, dass etwas nicht funktioniert — Beispiel Klapprad–Leasing. Ein solches Bike kann man zwar gut mit in Zug oder Bus nehmen — für Frauen sei es aber letztlich zu schwer zum Umhertragen gewesen.

Mit welcher Summe greift Vetter seinen Mitarbeitern denn nun unter die Arme, damit diese umweltfreundlicher zur Arbeit kommen? 2022 habe Vetter seinen Mitarbeitern insgesamt 1,2 Millionen Euro an Zuschüssen für Fahrtkosten zwischen Wohnort und Arbeitsplatz bezahlt, so Kirchner. Und er rechnet vor: Ein Mitarbeiter, der von der betrieblichen Altersvorsorge über Rabatte bei Kinderbetreuung oder Mittagessen bis hin zum 49–Euro–Ticket sämtliche Zusatzleistungen in Anspruch nimmt, käme insgesamt auf 10.000 geschenkte Euro pro Jahr.