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Weißenau

Ravensburg gedenkt der Opfer der NS-Zeit

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Gedenkabend für die Opfer der NS-Zeit im Schwörsaal – Zeitzeuge und Dichter Elazar Benyoetz erzählt
Veröffentlicht:28.01.2020, 18:00

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Morgens sind es wenige gewesen, die am Mahnmal der Grauen Busse in Weißenau der Vernichtung des „unwerten Lebens“ gedachten, wie die 691 Opfer der „Euthanasie“ in der Nazi-Ideologie genannt wurden. Abends füllte sich aber der Ravensburger Schwörsaal bei der Gedenkveranstaltung mit Oberbürgermeister Daniel Rapp.

Es erklangen 691 Glockenschläge, „einer für jeden und schwer zu ertragen“, wie Rapp formulierte. Jeder Ermordete wird durch einen Glockenschlag noch einmal zu einem Individuum. Ohne Worte, ohne Bilder entsteht in einem über diese quälend lange Zeit ein Mensch. Und alle Anwesenden, ob Zeitzeugen oder Nachgeborene, wurden in der gemeinsamen Veranstaltung der Stadt, des Zentrums für Psychiatrie Weißenau und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung als Individuen angesprochen.

„Tu deinen Mund auf für die anderen“

Keine Bilder, keine „Originaltöne“ eines Victor Klemperer etwa oder eines Primo Levi – die meisten Zeitzeugen schwiegen. Dies gebe uns heute nicht das Recht, auch zu schweigen, wenn wir sehen und hören können, „dass der braune Ungeist wieder aus der Flasche kommt“, wie es Werner Wolf von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft formulierte und die Forderung des Koordinationsrates dieser Gesellschaften aussprach: „Tu deinen Mund auf für die anderen, damit Gerechtigkeit sich durchsetzt.“ In diesem Geist waren viele Aphorismen eines der letzten Zeitzeugen zu verstehen. Der Dichter Elazar Benyoetz nahm für das Lesekonzert die Mühe auf sich, von Israel nach Ravensburg zu reisen.

Benyoetz las in Deutsch bedrückend aktuell: „Man sieht das Kommende, aber sieht nicht, wie es kommt.“ Seine Eltern, Wiener Juden, sahen es früh, und so floh der 1937 als Paul Koppel Geborene noch rechtzeitig mit ihnen nach Palästina. Seine Gedichtbände verfasste er in Hebräisch, die meisten Essays und Aphorismen-Bände aber in Deutsch. Und Sprache blieb immer ein zentrales Thema für ihn. Die alles Vorstellbare übersteigende Unmenschlichkeit war auch Teil jener deutschen Kultur, zu der die jüdische Kultur seiner Eltern seit 1700 Jahren beitrug.

„Am Anfang der Geschichte steht die eigene“

Oder über so diffuse Begriffe wie Identität, Heimat und Sprache: „Hat man nichts vor, blickt man zurück“, anders gesagt, hat man keine Idee einer Zukunft, verklärt man das, was war, schließt das Neue, das Fremde aus – und dies ist das Tor zu Nationalismus. Was mit Sprache zu tun hat. In der Verbannung, das mag die innere sein, Benyoetz richtig verstanden, ist Sprache und Heimat rasch „Identität“ und damit etwas anderes.

Es heißt, sagte Benyoetz, man habe im Exil seine Sprache, oder in der Sprache sein Exil? Und es sei hilfreich, wenn wir uns fragen, wie Gedenken funktionieren kann, mit ganz unterschiedlichen Menschen. So essentielle Sätze wie „Am Anfang der Geschichte steht die eigene“. Der Opfer wie der Verbrechen des Deutschen Faschismus zu gedenken, ist hochkompliziert. Dass man noch an das Positive von Kultur zu glauben mag, an die Kraft des Kleinen, statt sich an Kollektive zu klammern mit den neuen oder den alten Propheten?

Abend mit besonderer Atmosphäre

Dieser Abend hatte eine besondere Atmosphäre aufgrund der Beziehung von Elazar Benyoetz mit Kolja Lessing, Musikwissenschaftler und praktizierender Violinist und Pianist. Er interpretierte die zeitgenössischen jüdischen Komponisten Paul Ben-Haim und Tzvi Avni, wie auch Max Reger und Johann Sebastian Bach wie Atmungen vieler Individuen, die viele Geschichten erzählt haben. Wie Hoffnungszeichen, dass das Kleine, das Fragile, das Leise, nach Auschwitz und somit auch heute angesichts neuer zerstörerischer Mächte weltweit nicht zertrampelt wurde.

Kolja Lessing spielte ohne die oft steril perfekte und damit beruhigende „Klassik-Ästhetik“. Er interpretierte einen Aphorismus seines Wort-Partners seit 2011, Elazar Benyoetz, „Es gibt für uns keine Wirklichkeit, die sich nicht träumen lässt“. Und damit Leid und Schmerzen, wie das humanistische Erbe und jenes beispiellose, zu dem es nur eine Forderung gibt: „Nie wieder.“ Es war ein Abend des Gedenkens, der mit leisem Applaus bedacht wurde.