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Weltuntergang? So gefährlich ist der gigantische Thwaites-Gletscher wirklich

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Manche bezeichnen den Eiskoloss als „Weltuntergangsgletscher“. Tatsächlich bringt eine neue Studie Beunruhigendes ans Licht. Ein Ravensburger Glaziologe klärt auf.
Veröffentlicht:09.09.2022, 11:00

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Der Thwaites-Gletscher , der etwa doppelt so groß ist, wie die Landfläche Österreichs, liegt im westantarktischen Marie-Byrd-Land und steht seit Jahren unter Dauerbeobachtung. Hebt sich der 192.000-Quadratkilometer-Koloss vom Untergrund ab und schmilzt, drohen wegen des steigenden Meeresspiegels ganze Küstengebiete überschwemmt zu werden.

In den Medien ist häufig vom "Doomsday Glacier" die Rede, also vom "Weltuntergangsgletscher". Eine sprachliche Übertreibung, die von der Wissenschaft nicht mitgetragen wird.

Allerdings gilt der Gletscher durchaus als einer der „Klima-Kipppunkte“ für die Menschheit. Thwaites verliert im Jahr 50 Milliarden Tonnen Eis mehr, als er durch Schneefall zurückerhält.

Ein internationales Forscherteam um den Marine-Geophysiker Alastair Graham von der University of South Florida hatte es sich in Zusammenarbeit mit der "International Thwaites Glacier Collaboration" (ITGC) und dem Alfred-Wegener-Institut zur Aufgabe gemacht, den jahrhundertelangen Rückzug des Eisriesen zu kartieren.

Mit dem Ziel, aus den Ergebnissen für die Zukunft zu lernen. Die Resultate der im Fachjournal „Nature Geoscience“ veröffentlichten Studie geben Grund zur Sorge.

Meeresspiegel könnte global extrem ansteigen

Wie das Team herausfand, haben sich vordere Teile des Gletschers in den vergangenen zwei Jahrhunderten innerhalb von weniger als sechs Monaten vom Meeresboden abgelöst und dann mit einer Geschwindigkeit von 2,1 Kilometern pro Jahr zurückgezogen. Dies ist etwa zweimal schneller, als der Rückzug der vergangenen Jahre.

Thwaites hält sich heute wirklich nur noch mit den Fingernägeln fest.

Co-Autor Robert Larte

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es am Thwaites-Gletscher in den letzten zwei Jahrhunderten und möglicherweise auch Mitte des 20. Jahrhunderts zu Impulsen mit sehr schnellem Rückzug gekommen ist“, sagte Marine-Geophysiker Graham. Sein Co-Autor Robert Larter vom britischen Polarinstitut (British Antarctic Survey) warnte: „Thwaites hält sich heute wirklich nur noch mit den Fingernägeln fest.“

Zur Erklärung: Anders als in der Arktis, wo große Teile von gefrierendem Meerwasser (Meereis) im Wasser schwimmen und ständig dessen Erwärmung ausgesetzt sind, liegt das Gletschereis in der Antarktis auf dem Festland auf.

Im Osten der Antarktis liegt das Festland unterhalb des Gletscher-Eises im Mittel mehrere hundert Meter über dem Meeresspiegel. Das Eis ist so vor der Erwärmung des Ozeanwassers geschützt. Im Westen, wo sich der Thwaites-Gletscher befindet, liegt das Festland allerdings unterhalb des Meeresspiegels.

Die Folge: Warmwasser-Strömungen unterspülen das Schelfeis, jene Eismasse, die schwimmt und vor dem eigentlichen Gletscher liegt. Das Wasser „frisst“ sich somit immer weiter unter den Gletscher und verstärkt sein Abschmelzen.

Würde das Festland in Richtung Inland ansteigen, würde der Vorgang irgendwann enden. In der Westantarktis allerdings fällt das Festland bis zu 1,5 Kilometer ab. Das Meerwasser gelangt so immer weiter unter den Gletscher und kann diesen kontinuierlich destabilisieren. Der Vorgang wird "Marine Eisschild-Instabilität" (MISI) genannt.

Katastrophale Projektionen könnten früher zum Tragen kommen

Die potenziellen Auswirkungen des Thwaites-Rückzugs seien erschreckend, heißt in einer Pressemitteilung zur Studie. Küstenstädte rund um die Welt könnten teilweise überflutet werden.

Dr. Olaf Eisen , aufgewachsen in Ravensburg und Forscher am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und Professor an der Universität Bremen, sieht die Studienergebnisse zwar mit Sorge, aber auch als Bestätigung dessen, was Forscher bereits seit längerem vermutet hatten.

"Für uns Glaziologen ist das nicht überraschend. Wir wissen kaum etwas über das Eis. Und es war uns über viele Jahre klar, dass die Prognosen darüber, wie schnell die Gletscher schmelzen und der Meeresspiegel ansteigt, möglicherweise hinter dem zurückbleiben, was uns bevorstehen könnte", sagt er im Gespräch mit Schwäbische.de.

Da der Rückzug des Thwaites etwa doppelt so schnell stattfinden könne als bisher angenommen, müssten die bisherigen Forschungsmodelle um diese Erkenntnis angepasst werden. "Wir müssen davon ausgehen, dass katastrophale Projektionen für die Zukunft früher als gedacht zum Tragen kommen könnten", sagt Eisen.

Experten seien bislang davon ausgegangen, dass der Meeresspiegel bis ins Jahr 2100 um etwa 80 Zentimeter ansteigen könnte. Diese Mittelprojektion des Weltklimarats könnte in Eisens Augen im Licht der neuen Forschungsergebnisse allerdings deutlich überschritten werden.

"Eine ebenfalls kürzlich veröffentlichte Studie hat ergeben, dass allein die Schmelze des grönländischen Eisschilds den Meeresspiegel in diesem Jahrhundert um 27 Zentimeter steigen lässt", sagt Eisen.

Dabei handelt es sich um eine Minimalannahme. Das Forscherteam aus Kopenhagen verweist darauf, dass im schlimmsten Fall gar 78 Zentimeter hinzukämen. "Schmilzt der Thwaites, hätte das weitere 60 Zentimeter zur Folge", addiert, der Wissenschaftler hinzu - wenngleich die Schmelze des westarktischen Kolosses mehrere hundert Jahre dauern könnte.

Folgen treffen auch Deutschland und Europa

Der entscheidende Faktor dabei sei aber nicht die Gletscher-Schmelze an sich, sondern Thwaites Rolle im Westantarktischen Eisschild. "Wenn sich Thwaites zurückzieht, destabilisiert er durch seine besondere Geometrie die anderen Gletscher um ihn herum", erklärt Eisen.

Der Wegfall der übrigen Gletscher könnte in Summe einen Anstieg des Meeresspiegels von drei bis fünf Metern zur Folge haben. "Global leben etwa 700 Millionen Menschen in den Küstengebieten. Wenn wir also nicht mehr daran setzen, die Pariser Klimaziele von 1,5 beziehungsweise 2 Grad Erwärmung zu erreichen, werden Migrationsbewegungen von mehreren 100 Millionen Menschen auf uns zukommen", prognostiziert Eisen.

Das Ziel dieser Menschen wären dann Länder, die von den Wassermassen nicht so stark betroffen sind, oder dieser noch Herr werden.

Mitteleuropa werde von den Folgen des steigenden Meeresspiegels nicht verschont bleiben. Schon heute prognostiziert man deutschen Städten wie Hamburg, Bremen, Wilhelmshaven und Sankt Peter-Ording, dass sie selbst beim Einhalten des 1,5-Grad-Ziels dauerhaft unter Überschwemmungen leiden werden.

Wir werden nicht ganz Deutschland beliebig hoch eindeichen können.

Dr. Olaf Eisen

"Dabei ist nicht unbedingt der mittlere Anstieg des Meeresspiegels das Problem, sondern die stärkeren Sturmfluten, die mit dem Klimawandel einhergehen werden", sagt Eisen.

Diesen könne man auch an den Gletscherschmelzen in den Alpen beobachten. Deutschland und die meisten Länder Europas befinden sich laut dem Forscher noch in einer guten finanziellen Lage und können das steigende Wasser technisch mit Dämmen und Deichen abfangen. "Aber was passiert in 150 oder 200 Jahren? Wir werden nicht ganz Deutschland beliebig hoch eindeichen können."

Besserung brächte letztendlich nur der Abschied von den fossilen Energien. "Wenn wir den Ausstoß durch fossile Energien bis zum Jahr 2035 auf null bringen, reicht das eventuell, um die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Das wäre ein Ziel, dessen Folgen wir auch abschätzen können. Darüber könnte es zu Kettenreaktionen kommen, deren Ausmaß wir nicht sicher vorhersagen können", mahnt der Forscher.

Die Reaktionen der Politik auf den Ukraine-Krieg und den daraus entstehenden Gasmangel gehen daher in seinen Augen in die falsche Richtung. Über die Energiekrise neige man dazu, die Klimakrise zu vergessen. "So schlimm der Krieg in der Ukraine ist, müssen wir uns darüber im Klaren sein: Wenn unser Klimasystem nicht mehr funktioniert, brauchen wir uns um den Rest keine Gedanken mehr zu machen."