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Nachruf

Siggi Scharpf ist tot: Familienmensch, Boxer und Menschenfreund

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Einen wie ihn wird es nicht mehr geben. Der Lokalpolitiker aus Ravensburg hatte 10 Kinder, 15 Enkel und noch viel mehr Freunde. Sein Tod überraschte viele.
Veröffentlicht:20.10.2023, 17:43

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Er war kein gewöhnlicher Mensch und er war kein gewöhnlicher Kommunalpolitiker. Er war zuallererst Familienmensch, Vater von 10 Kindern und Großvater von 15 Enkeln. Daneben war er Kaminkehrer von Beruf, Boxer im Schwergewicht, Marathonläufer, Weltverbesserer und Menschenfreund aus Leidenschaft. Und wenn es der Sache diente, ging er auch schon mal in den Hungerstreik. Einen wie Siegfried Scharpf wird es nicht wieder geben. Jetzt ist er im Alter von 67 Jahren überraschend gestorben.

Bis vor wenigen Tagen sei mit Siegfried Scharpf alles noch in Ordnung gewesen, dann plötzlich habe er Herz- und Lungenprobleme bekommen. Das sagte sein Sohn Joseph Scharpf am Freitag Schwäbische.de. Der 67-Jährige kam ins Krankenhaus, doch sein Tod am 19. Oktober in den späten Abendstunden habe alle überrascht. Als die Ärzte der Familie mitteilten, dass es zu Ende gehe, seien innerhalb von einer halben Stunden zehn Kinder um das Bett versammelt gewesen. 

„Er war froh und stolz auf das, was er geschaffen hat, das hat er immer wieder gesagt. Wir sind dankbar dafür, dass wir uns verabschieden konnten, aber er wird eine riesige Lücke hinterlassen“,

so Scharpf.

ÖDP war die letzte politische Heimat

Siegfried Scharpf hat einen politischen Werdegang hinter sich, der zu ihm passt: Er engagierte sich für die Junge Union, gründete die Unabhängige Grüne Liste, war Mitbegründer der Ökologisch-Demokratischen Partei Deutschlands (ÖDP), Fraktionschef der „Bürger für Ravensburg“ im Gemeinderat der Türmestadt. Für die ÖDP trat er bei den baden-württembergischen Landtagswahlen als Direktkandidat im Wahlkreis Ravensburg an. Bei der ÖDP hatte er bis zuletzt auch im Kreistag seine politische Heimat.

Der Bezirksschornsteinfeger war aber auch „fassungslos“ über „unsere politische Kultur“. Der Grund, warum der gebürtige Bad Wurzacher einst in den Hungerstreik ging. Aus Protest gegen Institutionen und Verbände, die ihn ignorieren, und aus Zorn über „das undemokratische Pack“ (seine Mitbewerber), ernährt er sich 2016 zeitweise nur noch von Kaffee mit Hafermilch, Wasser und selbstgedrehten Zigaretten.

Tiefe Enttäuschung

Aus den gleichen Motiven legte er kurz danach auch sein politisches Mandat im Ravensburger Gemeinderat nieder. Er war damals schon „tief enttäuscht“ von den jüngsten Entwicklungen in Politik und Gesellschaft, sagte er der „Schwäbischen Zeitung“.

Besonders die Landtagswahl hatte Spuren bei Scharpf hinterlassen: „Wenn in Ravensburg in manchen Vierteln 29 Prozent die AfD wählen, dann finde ich das beschämend für meine Stadt. Das muss ich mir und meiner Familie dann nicht mehr antun.“ Noch vor zwei Wochen hielt Scharpf im Kreistag angesichts der Flüchtlingsdebatte einen Appell an die Menschlichkeit. Seine politischen Gene und seinen Gemeinsinn hat Siggi Scharpf vererbt, mehrere seiner Kinder sind oder waren politisch aktiv.

„Radikal“ und „halsstarrig“

Sich selbst bezeichnete er als „radikal“, „halsstarrig“ und „egoistisch“. Auf seiner Homepage schrieb er: „Ich glaube, dass alles, was passiert, einen tieferen Sinn hat. Und ärgere mich darüber, dass ich selten herausbekomme, was für einen.“

Die ihn kannten, zweifeln nicht daran, dass das Leben von Siegfried Scharpf einen tieferen Sinn hatte.

OB Rapp schockiert

Ravensburgs Oberbürgermeister Daniel Rapp sagte zur für ihn überraschenden Todesnachricht: „Ich bin schockiert, weil ich vor Kurzem noch mit ihm gesprochen habe.“ Scharpfs Tod sei ein großer Verlust für die Kommunalpolitik und die Ravensburger Stadtgesellschaft.

Er war im positivsten Sinne einer der originellsten Köpfe der Kommunalpolitik in unserer Region“,

sagt Rapp.

 Scharpf sei belesen und interessiert an Informationen aus allen Richtungen gewesen. Er habe das Ohr immer nah an den Leuten gehabt, was nach Rapps Einschätzung auch mit seiner Arbeit als Schornsteinfeger zu tun hatte. Mit seinen Beiträgen im Gemeinderat oder Kreistag habe er oft den Nagel auf den Kopf getroffen. Begegnungen und Gespräche mit Scharpf – egal, ob auf politischer Bühne oder privat – habe er immer als bereichernd empfunden, so Rapp.