Seestraße

„Schandpreis“ für Ravensburger Revier

RAVENSBURG / Lesedauer: 3 min

„Schandpreis“ für Ravensburger Revier
Veröffentlicht:29.09.2010, 21:20
Aktualisiert:26.10.2019, 00:00

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Wer die Hilfe der Ravensburger Polizei in der Seestraße sucht, den ereilt schon am Eingang der nützliche Hinweis, dass er das „marodeste Gebäude der Polizei 2010“ betritt. Ein Schild mit dieser Aufschrift schmückt seit gestern das Stadtrevier. Was skurril klingt, ist ein verzweifelter Hilferuf der Beamten, die sich von ihrem Dienstherren alleine gelassen fühlen.

Von unserem Redakteur Frank Hautumm

Man muss sich diesen „Schandpreis“ verdienen, Voraussetzung ist ein „außergewöhnlich schlechter Bauzustand“. Erst zweimal in den vergangenen zehn Jahren, erklärt Joachim Lautensack , Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, hat seine Organisation die Auszeichnung vergeben: 2003 in Karlsruhe, 2004 in Eislingen. Nun also Ravensburg. Seit Jahrzehnten warten die Beamten hier auf den Bau der neuen Polizeidirektion in der Gartenstraße, die einen unwürdigen Zustand beenden soll. Auf insgesamt neun zum Teil heruntergekommene Gebäude im Stadtgebiet sind die Einheiten derzeit verteilt. Deren „Prunkstück“ ist das Stadtrevier.

Auf den ersten Blick eine nahezu idyllisch anmutende Villa, die mehr als 120 Jahre auf dem Buckel hat, ist es mit der Romantik schnell vorbei, wenn man das Gebäude auf die Tauglichkeit im Polizeialltag prüft: Verschimmelte Wände, undichte Dächer, desolate Sanitäreinrichtungen und Mäusefallen stechen bei der Ortsbegehung ins Auge. Und schnell erschließt sich auch, was es für die Polizisten bedeuten muss, Betrunkene und Gewalttäter über einen extrem steilen und engen Treppenabgang in die Zellen im Keller zu geleiten. Akten, Asservate und Spurenträger von Kapitalverbrechen lagern in einem feuchten Dachspeicher, das Gelände wird malerisch von einem verfaulten Holzzaun eingefasst. Wer gehbehindert ist, muss ohnehin draußen bleiben: Einen behindertengerechten Zugang gibt es nicht.Neubau lässt auf sich warten

„So können wir uns dem Bürger nicht präsentieren. Das ist mit unserem Anspruch, ein moderner Dienstleister zu sein, nicht zu vereinbaren. Und den Kollegen, die hier arbeiten, sind diese Zustände nicht länger zuzumuten“, sagt Lautensack.

So sehen es die Betroffenen mit Polizeidirektor Uwe Stürmer an der Spitze, so sehen es die Verantwortlichen der Stadt, so sieht es eigentlich auch die Landesregierung. Die hatte vor zwei Jahren den Spatenstich für einen rund 15 Millionen Euro teuren Neubau für Anfang 2010 angekündigt. Die Baufreigabe liegt längst vor, die für die Mittel noch immer nicht. Die Finanzierung des Baus ist zwar über ein Investorenmodell in die nächsten Landeshaushalte eingestellt worden. Im Finanzministerium befürchtet man aber nun, dass dieses Modell teuer für das Land werden könnte und will deshalb noch einmal genau nachrechnen. Darüber wird nun seit einem halben Jahr gebrütet. Ende Mai hatte der Finanzminister „Grünes Licht vor der Sommerpause“ angekündigt.

Inzwischen zieht der Herbst ins Land, und damit wird es im „marodesten Dienstgebäude des Landes“ noch ungemütlicher. Kalt pfeift der Wind durch undichte Fenster, leise tropft der Regen durch das Dach. Das Schild am Eingang wollen die Polizisten hängen lassen. So lange, bis sie umziehen dürfen.