StartseiteRegionalOberschwabenRavensburgReichsbürger-Fall an Waldorfschule nicht ausreichend aufgearbeitet

Ausschluss aus Landesverband droht

Reichsbürger-Fall an Waldorfschule nicht ausreichend aufgearbeitet

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Der Landesverband der Waldorfschulen droht den Ravensburgern mit einem Ausschluss. Das liegt an einem Positionspapier zu den Werten, die an der Schule gelebt werden.
Veröffentlicht:02.10.2023, 07:00

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Nachdem ein Lehrer an der Ravensburger Waldorfschule als bekennender Reichsbürger aufgeflogen war, kommt die Schulgemeinschaft jetzt bei der Arbeit an einem neuen Wertekompass unter Druck.

Denn der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Baden-Württemberg (LAG) will bald Ergebnisse sehen: Sollte das Positionspapier zu den an der Schule gelebten Werten nicht bis Ende Oktober von allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft unterschrieben sein, droht der Rauswurf aus dem Landesverband. So zumindest schildert es die Ravensburger Schule in ihrem internen Mitteilungsblatt. Über diese Schärfe im Umgang sei man überrascht.

Schule hatte auf Abschluss der Aufarbeitung gehofft

An der Schule hatte man gehofft, den Reichsbürger-Fall ausreichend aufgearbeitet zu haben und nach den Sommerferien einen Neustart hinlegen zu können, wie Vorstandsmitglied Celina Liszka noch im Juni sagte. Zu aktuellen Entwicklung will Liszka auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ mit Verweis auf den laufenden Prozess keine Fragen beantworten.

Von dem Gartenbaulehrer, der sich der Reichsbürgerszene zuordnete, hat sich die Schule nach Bekanntwerden der Vorwürfe im April getrennt. Der Lehrer soll einen Reichsbürgerausweis in der Schule dabei gehabt haben und hat sich nach Angaben des Schulvorstandes tendenziös und suggestiv in Zusammenhang mit dieser Ideologie gegenüber Schülern geäußert. Reichsbürger lehnen die Existenz oder Legitimität der Bundesrepublik Deutschland sowie deren Rechtsordnung ab. Eltern hatten den Fall über das Nachrichtenportal „Zeit-Online“ öffentlich gemacht.

Begleiter kritisiert uneinheitliche Haltung zur Aufarbeitung

Für den Aufarbeitungsprozess hat sich die Schule die Hilfe des Vereins „Bildung gegen Rechts“ geholt. Diese Aufgabe hat dort Albrecht Hüttig übernommen, der nun offenbar in einem Bericht über die Aufarbeitungsbemühungen in Ravensburg geschrieben hat, dass diese nicht ausreichend waren. So steht es im internen Mitteilungsblatt der Schule, dem „Gelben Boten“. Der Bericht von Hüttig verweist demnach „auf eine noch immer uneinheitliche Haltung der Beteiligten hinsichtlich der Aufarbeitung mehr als deutlich hin“.

Das Kollegium habe ein Positionspapier zur Wertegemeinschaft erstellt. „Allerdings wurde der Entwurf als nicht scharf genug abgelehnt und eine Erweiterung auf die gesamte Genossenschaft verlangt“, heißt es im Schulmitteilungsblatt weiter. Die Schule wird von einer Genossenschaft getragen.

Verband aus Stuttgart droht offenbar mit Rauswurf

Der Landesverband der Waldorfschulen LAG habe nun verlangt, dass das Papier überarbeitet und von allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft, Lehrerkollegium sowie Eltern unterzeichnet werden muss ‐ und zwar bis zum Beginn der Herbstferien. „Es wird damit gedroht, bei Weigerung und Nichtunterzeichnung die Schule aus der Landesarbeitsgemeinschaft auszuschließen“, steht im „Gelben Boten“.

Weiter heißt es: „Wir sind tief betroffen, dass die Landesarbeitsgemeinschaft zu solch drastischen Mitteln greift.“ Die Schule habe durchaus vorgehabt, Aufarbeitungsprozesse weiterzuführen und am Leitbild zu arbeiten. Man suche das Gespräch mit der LAG. Denn Ziel der Schule sei es, in der nächsten Generalversammlung, die voraussichtlich Anfang März 2024 stattfindet, ein neues Leitbild „als Leitstern unserer Wertegemeinschaft“ per Abstimmung in Kraft zu setzen.

Landesverband will sich der gemeinsamen Werte versichern

Sollte es zum Ausschluss der Schule kommen, wäre das ein einmaliger Vorgang. „Bezogen auf die politische Ausrichtung oder die politische Haltung einzelner Akteure an einer unserer Mitgliedsschulen hat es noch keinen Ausschluss einer Schule gegeben“, sagt Birke Bähr aus dem Team der LAG-Geschäftsführung auf SZ-Anfrage. Welche Folgen ein Ausschluss für eine Schule hätte, lässt sie unbeantwortet.

Sie bestätigt, dass der Verband die Fortführung der begonnenen Aufarbeitung in Ravensburg gefordert hat. Wegen der Geschehnisse in Ravensburg wolle man sich der gemeinsam getragenen Werte auf diese Weise vergewissern. Wichtig sei, dass „die gemeinsame Positionierung gegen jede Form der Diskriminierung und gegen rechtsstaatlichkeitsfeindliches Verhalten ausformuliert und unterschrieben ist“, sagt Bähr.

Noch kein Termin für weitere Zusammenarbeit mit Verein

Der Vorstand des Vereins „Bildung gegen Rechts“ will vor Abschluss des gesamten Aufarbeitungsprozesses weiterhin keine Fragen beantworten. Albrecht Hüttig teilte am 28. September auf Anfrage der SZ lediglich mit, dass die Schule bisher kein Datum mit dem Verein vereinbart habe, um die Aufarbeitung mit seiner Unterstützung weiterzutreiben.