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Jüdisches Leben in Ravensburg

Ravensburger wollen jüdische Biografien erforschen

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

27 sogenannte Stolpersteine erinnern an jüdische Ravensburger, die in der NS-Zeit flüchteten oder ermordet wurden. Nun soll ihre Geschichte aufgearbeitet werden.
Veröffentlicht:25.11.2023, 18:00

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Deutschland erlebt derzeit eine neue Welle von Antisemitismus. Jüdische und israelische Einrichtungen werden bedroht oder sogar angegriffen. In einigen Städten wurden Holocaust-Gedenkorte beschädigt. Unter anderem in Weimar, wo sogenannte Stolpersteine, die an verfolgte Juden erinnern, beschmiert wurden. In Ravensburg gibt es sie auch, die Stolpersteine. 27 erinnern an Juden, die einmal Bürger dieser Stadt waren. Ihre Geschichte soll nun aufgearbeitet werden.

Sie hießen Josef Herrmann, Rosa Harburger oder Kurt Sondermann: Jüdische Ravensburger, die aus der Stadt während des nationalsozialistischen Terrorregimes flüchten mussten - oder deportiert und ermordet wurden.

Stolpersteine in 30 weiteren europäischen Ländern

Mit 27 Stolpersteinen gedenkt Ravensburg ihrer. Es ist ein Kunstprojekts des Kölner Bildhauers Gunter Demnig, das 1992 begann. Mit im Boden eingelassenen kleinen Gedenktafeln soll dem Schicksal der Menschen gedacht werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, deportiert, in den Selbstmord getrieben oder ermordet wurden. Die quadratischen Messingtafeln sind mit kurzen Informationen über diese Menschen beschriftet. Im Mai 2023 verlegte Demnig in Nürnberg den 100.000 Stolperstein. Diese kleinen Tafeln gibt es nicht nur in Deutschland, sondern in 30 weiteren europäischen Ländern.

Gemeinderat votierte einstimmig für das Projekt

2006 wurden nach einem einstimmigen Beschluss des Ravensburger Gemeinderats die ersten Stolpersteine in der Stadt verlegt. Pinchas Erlanger, der auf der Burachhöhe aufwuchs, dem die Flucht nach Palästina gelang und der sich bis zu seinem Tod für eine Verständigung zwischen Deutschen und Juden einsetzte, war damals dabei.

Die Initiative für diese Form des Gedenkens in der Stadt ging von der Klasse 13 des Welfen-Gymnasiums und ihrem Geschichtslehrer, dem Historiker Wilfried Krauss, aus. Anfang des Jahres 2023 säuberten und polierten Bundesfreiwilligenleistende des Technischen Hilfswerks die Ravensburger Tafeln. „Sie haben anlässlich der Reinigung etwas zur Person vorgelesen, für die der Stolperstein gelegt wurde, hierfür haben sie nach Material zu den Biografien gesucht. Wir sind auf Recherche gegangen und konnten nicht viel finden“, sagt Verena Müller, Leiterin des Kulturamtes.

Daher entstand im Arbeitskreis Erinnerungskultur der Stadt die Idee, die Geschichte der Menschen hinter den Gedenktafeln zu erforschen, was bisher kaum geschehen ist. In diesem Kreis sitzen Stadträte, Geschichtslehrer, Verwaltungsmitarbeiter, sachkundige Bürger und Vertreter des Zentrums für Psychiatrie Weißenau.

Arbeitskreis will Biografien aufarbeiten

„Aktuell ist es so, dass es kein aufbereitetes Material zu den Personen, für die Stolpersteine in Ravensburg verlegt wurden, gibt. Es wurde jedoch darüber beraten, dass dies nachgeholt werden soll und die Biografien recherchiert und auf der städtischen Homepage zur Verfügung gestellt werden“, teilt der städtische Sprecher Timo Hartmann mit. Das könnte aber einige Zeit in Anspruch nehmen.

Im Gegensatz zu Laupheim, Ulm oder Buchau lebten früher nur wenige Juden in Ravensburg. Dabei ist ihre Geschichte in der Stadt lang. Erstmals wurden 1330 Juden in Ravensburg urkundlich erwähnt (Quelle: Alemannia Judaica, Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum). Während der Pestzeit 1348/49 wurden sie vertrieben oder getötet. 1431 beschloss die Stadt, nie wieder jüdische Menschen aufzunehmen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kamen wieder Juden nach Ravensburg. Doch ihre Zahl blieb stets gering. Nach einer amtlichen Statistik waren es 1925 nur 28 Personen.

1933 lebten 23 Menschen jüdischen Glaubens in Ravensburg. Aufgrund der Repressalien und zunehmenden Entrechtung zogen sie nach und nach weg, spätestens nach der Reichspogromnacht 1938 wurden alle jüdischen Betriebe aufgegeben. Vor ihren letzten Wohn- oder Geschäftshäusern erinnern heute die Stolpersteine.

Kritik an den Stolpersteinen

Für diese Form des Gedenkens gibt es nicht nur Wohlwollen. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, lehnt sie ab. Durch die kleinen Tafeln auf den Straßen würden die Getöteten mit Füßen getreten, findet sie. Ganz anders sieht das der Bildhauer Gunter Demnig. Er sagte einmal:

Es sind keine Grabsteine, deshalb habe ich es nie so empfunden, als würde jemand auf den Menschen herumtrampeln. Etwas anderes aber ist mir aufgefallen: Wer die Inschriften lesen will, muss sich automatisch verbeugen.

Von den in Ravensburg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach der Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) und des Buchs „Opfer der Verfolgung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945“):

Adolf Birnstein (Jahrgang 1900), Therese Brückheimer geb. Pappenheimer (1863), Elsa Finsterhölzl geb. Landauer (1880), Jakob Harburger (1897), Gertrud (Gertrude) Heilborn (1898), Lydia Heilborn geb. Landauer (1875), Josef Herrmann (1866), Betty Landauer (1877), Helene Landauer geb. Stern (1876), Paul Landauer (1882), Walter Selmanson (1920), Adolf Uffenheimer (1864), Rosa Wallensteiner geb. Israel (1873), Clara Wallensteiner geb. Reichenbach (1869), Clara Weil geb. Landauer (1884).

Erinnerungskultur in Ravensburg

Neben den Stolpersteinen gibt es weitere Gedenkorte an die Opfer des Nationalsozialismus in Ravensburg. Eine Auswahl.

Zentrum für Psychiatrie Weißenau: Ein 2007 errichtetes Denkmal erinnert an die Opfer der Euthanasie-Morde. Menschen mit Behinderung wurden von hier nach Grafeneck (heute Kreis Reutlingen) mit Bussen abtransportiert und dort getötet. Daher gibt es in Weißenau den Erinnerungsort der „Grauen Busse“. Ein Teil des Denkmals steht hier, der andere Bus wird immer wieder in anderen deutschen Städten ausgestellt.

RV Graue Busse 0228

Kirche St. Jodok in der Unterstadt: Auf einer Gedenktafel stehen die Namen von 29 Sinti aus dem Ravensburger Ummenwinkel, die in Auschwitz ermordet wurden. Im März 1943 wurden 35 Männer, Frauen und Kinder in das Konzentrationslager deportiert, 29 Sinti überlebten nicht.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, Romani Rose, war am 28. Juli 2021 zu Besuch in Ravensburg und ließ sich durch die Ausstellung im Museum Humpis-Quartier "Ausgrenzung und Verfolgung. Die Ravensburger Sinti im Nationalsozialis

Herrenstraße 43: Im „Roten Haus“, dem früheren Ravensburger Gefängnis, wurden während der NS-Zeit Sozialdemokraten, Kommunisten und Geistliche interniert. Das Gebäude neben dem Schellenberger Turm gibt es nicht mehr. Hier waren zwischen der NS-Machtergreifung und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nachweislich 35 politisch Gefangene inhaftiert.

Das Areal am Gänsbühl war 1972 das erste von der Stadt ausgewiesene Sanierungsgebiet. Im Hintergrund ist das „Rote Haus“, das städtische Gefängnis, zu sehen. Bevor dort ein Kaufhaus gebaut wurde, war hier ein Parkplatz.

Ziegelstraße 16: Hier lagerten während des Zweiten Weltkriegs mehr als 3600 Zwangsarbeiter, hauptsächlich aus Osteuropa. Sie schufteten in 86 Fabriken, Handwerksbetrieben, bei der Stadtverwaltung und in der Landwirtschaft. Zahlreiche Menschen starben, auch Kinder. Die Opfer liegen auf dem Hauptfriedhof in Reihengräbern.

Herrenstraße 38: Kindheits- und Jugendort von Erzabt Raphael Walzer, der auch nach seiner erzwungenen Emigration vehement gegen den Nationalsozialismus protestierte. Er starb 1966 in Heidelberg. Sein Grab befindet sich in der Krypta der Erzabtei Beuron.

Burachhöhe: Hier lebte die Familie von Pinchas Erlanger auf einem Obstbaugut. Erlanger blieb bis zu seinem Tod in Israel mit der Stadt Ravensburg in Freundschaft verbunden. Heute heißt die Festhalle des Bildungszentrums St. Konrad nach den Namen seiner Eltern „Dr.-Ludwig-und-Fanni-Erlanger-Halle“.

St. Konrad

Heilig-Geist-Spital in der Bachstraße: Zwischen 1934 und 1938 wurden im Städtischen Krankenhaus 389 Männer und Frauen zwangssterilisiert. Darunter psychisch Kranke und Gehörlose. Die Jüngsten waren ein 13 Jahre altes Mädchen und ein zwölfjähriger Junge.

In Ravensburg sind zwischen 1933 und 1945 mehr als 5000 Menschen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden.