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Innovatives Start-up

Ravensburger will mit Luftschiff Windkraft revolutionieren

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Höhere Effizienz, geringere Kosten und kaum Umwelteingriffe. Das verspricht sich ein Ravensburger Entwickler vom ersten Testflug seines Windkraft-Luftschiffes.
Veröffentlicht:26.11.2023, 19:00

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Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Windenergie ohne Eingriffe in die Natur, kostengünstig, geräuschlos und dazu noch deutlich effizienter als über Land oder dem Meer. Die Formel hierfür glauben der Ravensburger David Gerber und sein Bruder Johannes gefunden zu haben.

„Vor vier Jahren hatten wir die Idee, Windkraft und Luftschiffe miteinander zu verbinden. Uns war bei einem Brand in der Ferne aufgefallen, dass der Rauch, der zunächst senkrecht nach oben aufstieg, sich weiter oben stärker verteilte. Das war für uns der Moment in dem wir realisierten, dass es da oben mehr Wind hat. Und so kam eins zum anderen“, sagt David Gerber.

Patentierter Prototyp fliegt erstmals und erzeugt Strom

Zusammen mit seinem Bruder gründete der gelernte Diplomkaufmann 2020 das Start-up Aeerstatica. Vor kurzem erfolgte der erste Testflug mit einem rund zehn Meter langen Prototypen. Ein erster Erfolg: „Wir sind abgehoben und haben Strom erzeugt“, berichtet Gerber nicht ganz ohne Stolz.

Die beiden Entwickler David und Johannes Gerber. Geht es nach den Vorstellungen des Brüderpaares sollen bis 2030 mindestens 50 Luftschiffe die Windkrafterzeugung in Deutschland umweltverträglich unterstützen.
Die beiden Entwickler David und Johannes Gerber. Geht es nach den Vorstellungen des Brüderpaares sollen bis 2030 mindestens 50 Luftschiffe die Windkrafterzeugung in Deutschland umweltverträglich unterstützen. (Foto: Privat)

Die Entwicklung haben sich die beiden Brüder patentieren lassen. „Wir sind die ersten, die Windkraft mithilfe von Luftschiffen nutzen wollen“, erzählt David Gerber.

Unternehmen hat seinen Sitz in Ravensburg

Die fachliche Expertise für die Konstruktion bringe sein Bruder mit. „Er ist Maschinenbauer“, so Gerber. Er selbst sei dagegen für den betriebswirtschaftlichen Part zuständig. Die Liebe führte David Gerber vor zehn Jahren nach Ravensburg. Auch das mittlerweile drei Jahre alte Unternehmen hat seinen Sitz hier.

Wind in der Höhe „beständiger und stärker“ ‐ Außerdem: kaum negative Umweltauswirkungen durch Luftschiff

Warum nun aber gerade Windenergie mittels Luftschiff erzeugen? „In der Höhe haben wir beständigeren Wind und die rund achtfache Windenergie im Vergleich zur Bodennähe. Da ist unglaublich viel Energie, die bislang nicht genutzt wird“, sagt der 41-Jährige.

Das Luftschiff als Plattform habe aber noch weitere Vorteile, so Gerber: „Durch die aerodynamische Tropfenform richtet sich unsere Anlage automatisch nach dem Wind aus. Zudem haben wir keinerlei Eingriffe in die Natur. Weder müssen wir ein tausende Tonnen schweres Betonfundament gießen, noch Wälder roden, um entsprechende Windkraftstandorte zu erschließen. Wir können dort Energie produzieren, wo sie benötigt wird“, so Gerber. Vor allem Industriegebiete könnten so, günstig und „an Ort und Stelle“, mit Energie versorgt werden.

Ein Luftschiff könnte bis zu 7500 Haushalte mit Strom versorgen

Geht es nach den Vorstellungen der beiden Brüder, sollen ihre Luftschiffe zukünftig in 300 bis 600 Metern Höhe Strom produzieren. Aufgrund der Reibung in Bodennähe hätten Windräder über Land (On-shore) eine Wirtschaftlichkeitsrate von nur 30 Prozent. „Wir kommen, konservativ gerechnet, auf 80 Prozent“, so Gerber.

Der zehn Meter lange Prototyp. Vor kurzem wurde er erfolgreich auf dem Gelände des Augsburger Technologiezentrums getestet.
Der zehn Meter lange Prototyp. Vor kurzem wurde er erfolgreich auf dem Gelände des Augsburger Technologiezentrums getestet. (Foto: Privat)

Konkret heißt das: Ein durchschnittliches Windrad im geplanten Windpark im Röschenwald bei Mochenwangen erzeugt laut Betreiber, bei einer potenziellen Leistung von 5,5 Megawatt (MW), rund elf Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Gerbers Luftschiff kommt bei der Hälfte an Leistung (3,7 MW) auf 26 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. „Energie für rund 7500 Haushalte“, sagt Gerber.

Experte: „Das wäre geradezu eine Revolution im Windkraftsektor“

Dass die Werte realistisch sind, bestätigt auch Helmut Hertle, Geschäftsführer der Technischen Werke Schussental (TWS). Er hat die Vision von Aeerstatica in den Anfängen begleitet und traut den Brüdern einiges zu: „Wenn die technischen Details geklärt und Fragen der Sicherheit erfolgreich beantwortet werden können, sehe ich hier riesiges Potenzial. Das wäre geradezu eine Revolution im Windkraftsektor.“

Umstellung von Helium auf Wasserstoff als Traggas noch problematisch

Nur, wie kommt der Strom vom Luftschiff in die Häuser? „Das läuft über sehr lange Starkstromkabel“, erklärt Gerber. „Da müssen wir nichts Neues entwickeln. Allgemein setzen die beiden Brüder bei der Technik auf etabliertes Know-how. Das Aluskelett des Luftschiffs wird mit klassischem Ballonstoff überzogen. Im Inneren befinden sich mehrere Traggaszellen.

Beim kürzlich am Augsburger Technologiezentrum getesteten Prototypen waren diese noch mit Helium gefüllt. Für die Serienproduktion wollen wir allerdings auf Wasserstoff umsteigen.“ Zu teuer sei das Edelgas Helium. Problematisch dabei: „Wasserstoff ist reaktiver und mit einem gewissen Risikoimage behaftet“, so Gerber. Das könne auch potenzielle Investoren abschrecken, so der dreifache Familienvater, der das Projekt parallel zu seinem Job als Controller bei MTU betreut.

Investorensuche läuft: 300.000 Euro für nächsten Entwicklungsschritt nötig

Apropos Investoren. Den aktuellen Prototypen haben die beiden Brüder aus eigenen Mitteln und in Kooperation mit zwei Augsburger Partnerfirmen finanziert. Als Nächstes soll eine 50-Meter-Variante folgen, die dann auch deutlich höher steigen soll. Dafür brauchen die beiden nach eigenen Angaben rund 300.000 Euro.

„Wir sind auf der Suche nach Investoren, die genauso von unserer Idee überzeugt sind wie wir.“ Der Zeitplan der beiden ist ambitioniert: „2027 soll unser Luftschiff serienreif sein“, blickt Gerber voraus. „250 Meter lang und größer als die Hindenburg damals“, sagt Gerber. 2030 sollen, so der Plan, mindestens 50 Luftschiffe ans Netz gehen.

Luftschiff soll günstiger als ein Windrad sein

Und was könnte der fertige Windkraftbrummer kosten? „Wir rechnen mit sieben Millionen Euro pro Luftschiff.“ Zum Vergleich: Für ein Windrad im Altdorfer Wald wird derzeit mit Kosten von rund zehn Millionen Euro gerechnet.


Höhenwindnutzung im Trend

Die Vorteile des sogenannten Höhenwindes wecken schon lange Begehrlichkeiten. Zahlreiche Unternehmen wie etwa Google, Shell oder Eon, aber auch namhafte Forschungsinstitute wie das Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT) investieren Millionen in verschiedenste Formen der Höhenwindnutzung.

Die Ideen reichen von Drohnen mit integrierten Windrotoren, über Drachen, die zukünftig Frachtschiffe ziehen sollen, bis hin zu Windkraftballons. Den Durchbruch hat bislang noch keines der angesprochenen Konzepte geschafft. Auch Windräder mit einer Nabenhöhe vom mehr als 300 Meter werden derzeit getestet.