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Gewalt an Schulen nimmt zu

Corona, TikTok, Gaza: Auslöser für Beleidigungen und körperliche Gewalt

Region / Lesedauer: 9 min

Schlägereien sind an Schulen zwar nicht neu, aktuell steigen aber die Zahlen im Südwesten an. Was Pandemie, internationale Konflikte und Social-Media-Trends damit zu tun haben.
Veröffentlicht:23.11.2023, 18:00

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Für einen Schüler in Mutlangen nahm Anfang November ein Schultag ein schmerzhaftes Ende auf der Intensivstation. Zwei Mitschüler hatten den 14-Jährigen zusammengeschlagen und schwer verletzt, er musste notoperiert werden. Dass Streitereien wie an der Realschule im Ostalbkreis derart eskalieren, ist die Ausnahme, allerdings berichten Lehrerinnen und Lehrer davon, dass Gewalt an manchen Schulen zum Alltag gehört.

Die Gewaltbereitschaft, sowohl physisch als auch psychisch, ist extrem hoch

Jens A.

Jens A. ist Lehrer an einer Realschule in einer mittelgroßen Stadt im Süden Baden-Württembergs. Der Mittdreißiger ist etwa 1,90 Meter groß ‐ und wirkt nicht so, als ließe er sich auf der Nase herumtanzen. Wenn er über die Gewalt an seiner Schule spricht, lässt sich leise Resignation allerdings kaum überhören. „Die Gewaltbereitschaft, sowohl physisch als auch psychisch, ist extrem hoch“, sagt er.

Lehrer zu Gewalt an Schulen: "Heftige Beleidigungen gehören zum Alltag"

A. heißt eigentlich anders, seinen Namen und den der Schule möchte er nicht in der Zeitung lesen, zu groß ist die Sorge vor beruflichen Konsequenzen. Wöchentlich komme es zu Prügeleien, sagt er. „Heftige Beleidigungen wie ,Hurensohn’ oder ,Arschloch’ gehören zum Alltag“. A. berichtet von mehreren Massenschlägereien auf dem Schulhof zu Anfang des Schuljahres. „Für die Pausenaufsicht ist es gar nicht möglich, damit zurechtzukommen.“

Gewalt an Schulen: Worte werden zu Taten wie Vandalismus und Handgreiflichkeiten

Anna-Lena P. (Name geändert) bestätigt den Eindruck, erzählt außerdem von Vandalismus: Aus den Fenstern geworfene Stühle und Tische, zerstörte Beamer oder kaputtgeschlagene Waschbecken und Toilettenschüsseln. Sie unterrichtet an derselben Schule, ist ebenfalls Mitte 30. Beide haben vorher ihr Referat an anderen Schulen abgelegt, kannten von dort Ausraster, Handgreiflichkeiten und Beschimpfungen. „Aber die Dimension hier ist neu. Es fängt oft mit Gewalt durch Worte an, die dann in Taten umgesetzt wird“, sagt P.

Die Religion ist oft Thema bei Beleidigungen. Aber auch die Konflikte des Ukraine-Kriegs oder aus dem Gaza-Streifen finden hier statt. Selbst im Unterricht müssen wir uns mit Putin-Parolen, die zuhause bei den Eltern aufgeschnappt wurden, auseinandersetzen.

Anna-Lena P.

Die Auslöser seien vielfältig: „Aus den Sozialen Medien werden Trends an unsere Schule gespült, etwa durch TikTok-Videos. Da geht es zum Beispiel darum, anderen die Hosen herunterzuziehen und das zu filmen. Für die Betroffenen ist das eine absolute Demütigung.“ In anderen Fällen würden politische Auseinandersetzungen auf dem Schulhof ausgetragen. „Die Religion ist oft Thema bei Beleidigungen. Aber auch die Konflikte des Ukraine-Kriegs oder aus dem Gaza-Streifen finden hier statt. Selbst im Unterricht müssen wir uns mit Putin-Parolen, die zuhause bei den Eltern aufgeschnappt wurden, auseinandersetzen.“

Medienbildung als Auftrag für Eltern und Schulen

Solche Phänomene kennt auch Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen. „Wir haben aktuell große Probleme mit Kindern und vor allem Jugendlichen aus arabischen oder palästinensischen Familien“, sagt er. Deren Eltern konsumierten zuhause fast ausschließlich arabische Medien und seien deshalb „extrem einseitig informiert“. „Die Schule muss das Thema Krieg in Gaza aufgreifen und diskutieren und auch der palästinensischen Opfer gedenken. Das ist Teil der Demokratieerziehung.“

Mobbing breitet sich im Internet aus

Social-Media-Trends sieht der Schulpsychologe als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. „Das Smartphone ist das Kommunikationsmittel Nummer Eins ‐ für uns alle. Das führt auch dazu, dass Beleidigungen und Mobbing sich über Klassen, Schulen und das Internet ausbreiten.“ Eltern kümmerten sich zu wenig um die Aktivitäten ihrer Kinder im Netz. Aber auch die Schulen müssten die Medienbildung verstärken: „,Wie möchte ich im Klassenchat behandelt werden?’ sollte ein Thema in jeder Klasse und in jedem Klassenrat sein.“

Es gibt nicht nur die üblichen Schläge, auch sexuelle Gewalt ‐ wenn etwa ein Mädchen von Mitschülern auf der Toilette bedrängt und gegen ihren Willen geküsst wird.

Dennis L.

Dennis L. (Name geändert), ein weiterer Lehrer der Schule, berichtet ebenfalls vom rauen Umgangston und körperlichen Angriffen. „Es gibt nicht nur die üblichen Schläge, auch sexuelle Gewalt ‐ wenn etwa ein Mädchen von Mitschülern auf der Toilette bedrängt und gegen ihren Willen geküsst wird“, sagt er. Konsequenzen seien durch die Schulleitung in der Vergangenheit oft verpasst worden ‐ oder würden wirkungslos verpuffen. Die Polizei könne selbst bei Anzeigen oft nichts nachweisen. „Wenn ich jemanden aus dem Unterricht werfe, freut der sich im Zweifelsfall darüber. Wird doch einmal jemand von einer Schule verwiesen, macht er eben an einer anderen genau so weiter“, sagt Jens A. Man stumpfe ab, gewöhne sich an den gewalttätigen Alltag, erzählen alle drei Lehrkräfte. Für den Fokus auf den Unterricht bleibe oft kaum Zeit.

Langfristige Trends zeigen nach unten

Anlass zur Sorge bereitet Experten ein ganz aktueller Anstieg der Gewalt durch Kinder und Jugendliche. Die Schule, an der A., L. und P. arbeiten, ist dabei kein Einzelfall. Über Jahrzehnte war zuletzt die Zahl der Straftaten durch Menschen unter 21 Jahren deutschlandweit mehr oder weniger stetig gesunken, doch 2022 zeigt der Trend wieder nach oben. Ein Beispiel: Gab es 2001 laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) noch deutschlandweit knapp 690.000 Strafverdächtige unter 21 Jahren und lag die Zahl 2019 bei weniger als 430.000. In den ersten beiden Pandemiejahren sanken die Zahlen noch einmal drastisch, 2022 gab es mit knapp 445.000 allerdings wieder etwas mehr junge Straftäter als zuvor.

Nahezu parallel dazu verläuft die Entwicklung bei Gewaltdelikten durch Kinder und Jugendliche. Auch hier zeigt sich ein langfristiger Rückgang mit kurzen Zwischenanstiegen 2015 und 2016. Insgesamt gilt aber für beide Felder: Zumindest statistisch gibt es heute sehr viel weniger Vorfälle, als noch in den Nullerjahren.

Dieselben Trends zeigen sich auch beim Blick auf konkrete Angriffe an Schulen im Südwesten. Ein Sprecher des Innenministeriums in Stuttgart listet Zahlen aus der PKS auf. Unterschieden wird dabei nicht nach Schulart oder Region, verzeichnet sind nur gemeldete Fälle, die Dunkelziffer ist unklar. Im Jahr 2018 gab es demnach an den etwa 5000 Schulen im Südwesten 1758 sogenannte Opferdelikte. Also Straftaten gegen das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung und die persönliche Freiheit. In den beiden ersten Pandemiejahren sanken die Zahlen jeweils um mehrere Hundert Fälle, 2022 zeigt sich allerdings ein klarer Anstieg: 2243 Gewaltstraftaten verzeichnet die PKS ‐ etwa elf Prozent mehr als im Vorpandemiejahr 2019. Meistens bleibt es bei leichten Körperverletzungen, doch auch gefährliche Körperverletzungen und Sexualdelikte tauchen vereinzelt in der Statistik auf. Unter etwa einer Million Schülerinnen und Schülern in Baden-Württemberg waren im vergangenen Jahr 1900 tatverdächig. Insgesamt 60 Mal wurden Lehrerinnen oder Lehrer angegriffen. In anderen Bundesländern zeigen sich ähnliche Trends. Im Ministerium begründet man das mit dem Wegfall der Corona-Beschränkungen. Seitdem seien „ein Stück weit auch Teile der Kriminalität zurückgekehrt“. Aufgrund der besonderen Ausgangslage halte man einen direkten Vergleich der Jahre für nur „bedingt sinnvoll“. Studien mit Blick auf langfristige Entwicklungen zeigen seit den Neunzigerjahren einen relativ kontinuierlichen Rückgang der Gewalt an Schulen ‐ mit leichten Zwischenanstiegen 2015 und 2016. Die Datenlage dazu ist allerdings uneinheitlich.

Lehrer fühlen sich mit Gewalt an Schulen alleingelassen

„Durch Corona haben manche quasi nie Schule erlebt“, sagt Lehrer Dennis L. Vielen der Jüngeren fehlten soziale Kompetenzen und die Fähigkeit, Konflikte zu lösen. Tatsächlich zeigen auch die PKS-Statistiken, dass Kinder unter 14 Jahren für knapp die Hälfte der Gewalttaten verantwortlich sind. L., A. und P. berichten davon, dass die Angriffe häufig von Kindern mit Migrationshintergrund ausgingen ‐ allerdings bildeten diese an ihrer Schule auch die deutliche Mehrheit. „Ich glaube, dass die soziale Struktur entscheidend ist“, sagt Dennis L. Wenn den Eltern Zeit oder Verständnis für die schulische Karriere der Kinder fehle, hätten diese kaum Möglichkeiten, voranzukommen.

Wir brauchen mehr Lehrerinnen und Lehrer, aber auch ganz klar mehr Schulsozialarbeit und Psychologen. Es fehlt an allen Ecken und Enden.

Jens A.

Zudem seien an der Schule ‐ entgegen der eigentlichen Vorgaben ‐ die Klassen eingeteilt worden: In diejenigen, denen ein Realschulabschluss zugetraut werde und in die, für die maximal der Hauptschulabschluss bleibe. „Das bekommen die auch so gespiegelt, dass sie quasi die ,Dummen’ ohne Perspektive sind“, sagt Anna-Lena P. „Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dass daraus auch Frust und Gewalt resultiert, verwundert mich nicht.“

Einig sind sich alle drei im Gefühl, häufig allein gelassen zu werden ‐ von Kollegium, Schulleitung, Kultusministerium. Man werde hin- und herverwiesen, stoße an Grenzen, werde kaum unterstützt. Ihre Wünsche: eine bessere Ausbildung, mehr Möglichkeiten zur Prävention, aber auch zur Sanktion. Und: deutlich mehr Personal. „Wir brauchen mehr Lehrerinnen und Lehrer, aber auch ganz klar mehr Schulsozialarbeit und Psychologen. Es fehlt an allen Ecken und Enden“, sagt Jens A.

Schulpsychologen sind rar

Ein Sprecher des Südwest-Kultusministeriums verweist auf Präventionsprogramme und Bildungspläne mit Inhalten gegen Mobbing, aber auch auf die allgemeinen Probleme des Personalmangels in allen Branchen und Bereichen. „Klar ist, dass es an der Schule zu emotional, psychisch und physisch schwierigen Situationen kommen kann. In Abhängigkeit vom Ausmaß eines Vorfalls beruft die Schulleitung dann schulinterne Krisenteams ein“, schreibt er. Die könnten Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte rufen, Betroffene betreuen oder sich an das Krisenteam des zuständigen Regierungspräsidiums wenden. Alle Beteiligten könnten zudem mit Schulpsychologen sprechen ‐ und mit 1550 Beratungslehrkräften an den Schulen.

Im Durchschnitt ist in Deutschland ein Schulpsychologe für 5400 Schülerinnen und Schülern zuständig, in Baden-Württemberg sogar für 7700. In Dänemark, der Schweiz oder den USA findet sich eine Schulpsychologin an jeder größeren Schule.

Klaus Seifried

Hier sieht Psychologe Klaus Seifried Ausbaubedarf. „Die Schulpsychologie wurde im letzten Jahrzehnt um 60 Prozent ausgebaut“, sagt er. Aber: „Im Durchschnitt ist in Deutschland ein Schulpsychologe für 5400 Schülerinnen und Schülern zuständig, in Baden-Württemberg sogar für 7700. In Dänemark, der Schweiz oder den USA findet sich eine Schulpsychologin an jeder größeren Schule.“ Er plädiert dafür, Lehrerinnen und Lehrer schon im Studium besser auf ihre pädagogischen Aufgaben vorzubereiten. „Leider steht noch immer die Fachwissenschaft und die Fachdidaktik im Vordergrund, während Beziehungsfähigkeit und Konfliktmanagement keinen Raum im Studium haben.“ Auch fertige Lehrerinnen und Lehrer und vor allem Quereinsteiger bräuchten schulpsychologische Beratung, Coaching, Fortbildungen und Hilfe von Vorgesetzten und Kollegium. „Nur so können Lehrerinnen und Lehrer lernen, Autorität im positiven Sinne zu sein, ihren Schülerinnen und Schülern Halt und wertschätzende Beziehungen geben und Konflikte deeskalieren.“

Oft gelingt das auch Anna-Lena P., Dennis L. und Jens A., so berichten sie. Denn neben der Gewalt und Perspektivlosigkeit vieler ihrer Schützlinge gebe es „natürlich immer wieder auch schöne und tolle Momente“, sagt A. „Sonst würden wir den Job alle nicht mehr machen.“ Einen positiven Eindruck will auch Karl Seifried festhalten: „Wir müssen Gewalt an Schulen ernst nehmen“ sagt er. Allerdings: „Die allermeisten Schülerinnen und Schüler sind friedlich, genauso die allermeisten Schulen.“