Oberleitung

Oberleitung für das Allgäu, Batteriezug fürs Donautal

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Land will weg vom Diesel und setzt dabei auch auf Batteriezüge – Absage an Wasserstofftechnologie
Veröffentlicht:17.10.2022, 18:00

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Die Chancen für eine Elektrifizierung der Bahnstrecke Aulendorf-Kißlegg steigen: Ein von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) in Stuttgart am Montag vorgestelltes Gutachten empfiehlt den Bau einer Oberleitung für die Trasse im Landkreis Ravensburg . Für andere Strecken wird hingegen der Einsatz von Batterie-Hybrid-Zügen vorgeschlagen. Bis auf weiteres keine Zukunft sehen die Gutachter für Züge mit Wasserstoffantrieb.

Die Gutachter sollten für ganz Baden-Württemberg untersuchen, wie ein lokal emissionsfreier Schienenverkehr auch auf jenen Strecken ermöglicht werden kann, deren Elektrifizierung nicht ohnehin schon in Bau, in Planung oder als weiterer „vordringlicher“ Bedarf eingestuft ist. Das betrifft nach Aussage von Hermann etwa 20 Prozent des Schienennetzes im Südwesten. Untersucht wurden 16 nicht-elektrifizierte Streckenabschnitte.

Keine Tunnels, keine Brücken

Im Elektrifizierungskonzept des Landes wird die Strecke Kißlegg–Aulendorf unter „langfristiger Bedarf/fahrzeugseitige Lösungen“ geführt – ihr Ausbau wurde also als vergleichsweise nachrangig eingestuft und es war offen, ob sie überhaupt elektrifiziert werden würde.

Bei der Präsentation der Studienergebnisse sagte nun Gerd Hickmann , Abteilungsleiter öffentlicher Verkehr, der Bau einer Oberleitung sei hier relativ einfach, weil es „keine topographischen Schwierigkeiten“ gebe und weder Brücken noch Tunnel zu berücksichtigen seien. Außerdem handle es sich um einen Lückenschluss zwischen zwei bereits elektrifizierten Strecken, der Südbahn und der Allgäubahn.

Schub für den Ringzug

Der Bau einer Oberleitung würde einen Schub bedeuten für die Pläne, im Raum Allgäu –Oberschwaben-Bodensee einen so genannten Ringzug einzurichten, der in einem ersten Schritt Wangen und Leutkirch umsteigefrei mit Ravensburg verbindet. In einem zweiten Schritt könnte die Direktverbindung bis Friedrichshafen und Lindau weitergeführt werden. Könnten durchgängig E-Züge eingesetzt werden, wäre die Strecke deutlich leistungsfähiger.

Um den Ringzug und die Elektrifizierung voranzutreiben, hatten die Landkreise Ravensburg, Lindau und Bodensee im Februar den Interessenverband Bodo-Ringzug gegründet. „Wir freuen uns, dass das Land nach einer von ihm selbst vorgenommenen Untersuchung eine Elektrifizierung mit Oberleitung für die Strecke Aulendorf-Kißlegg für vorzugswürdig erachtet“, sagte der Vorsitzende des Interessenverbands, der Ravensburger Landrat Harald Sievers (CDU). Land und Interessenverband hätten bereits eine Absichtserklärung unterzeichnet, man wolle den Bodo-Ringzug „möglichst schnell“ umsetzen.

Batterie schlägt Wasserstoff

Neben der Strecke Aulendorf-Kißlegg empfehlen die Gutachter auch die Elektrifizierung der Hohenlohebahn und einiger Stichstrecken im Stuttgarter Speckgürtel. Für die übrigen Strecken favorisieren sie Batterie- gegenüber Wasserstoffzügen, vor allem aus Kostengründen.

Dies betrifft zum Beispiel die Donautalbahn von Tuttlingen über Sigmaringen und Ehingen nach Ulm. In die selbe Kategorie fallen die Strecken von Aulendorf über Bad Saulgau nach Herbertingen und von Sigmaringen über Gammertingen nach Hechingen.

Ausstattung mit Hybridantrieb

Die Batterie-Züge sollten dem Gutachten zufolge jeweils mit Hybridantrieb ausgestattet sein, sodass sie gegebenenfalls die Batterie auf elektrifizierten Teilstrecken aufladen könnten. Auch der Bau von Oberleistungsinseln – also kurzen elektrifizierten Abschnitten – oder Schnellladestationen müsse untersucht werden, so Verkehrsminister Hermann. Über die Ergebnisse der Studie und das weitere Vorgehen werde nun in den Regionen gesprochen, kündigte er an.

Keine Rolle spielen die Ergebnisse der Studie für die Bodenseegürtelbahn Friedrichshafen-Radolfzell und für die Brenzbahn Ulm-Aalen. Ihre Elektrifizierung war schon bisher als vordringlich eingestuft, der Einsatz von Batteriezügen kommt dort also nicht infrage.

FDP: Land verbaut sich Chancen

Die FDP kritisiert Hermanns Absage an Wasserstoffzüge. „Es ist schade, dass bei der Anschaffung von Schienenfahrzeugen mit einer Laufzeit von 30 Jahren auf Basis eines Gutachtens eine Engführung der Technologien erfolgen soll“, sagte der FDP-Verkehrsexperte Christian Jung.

Das Land verbaue sich ohne Not die Nutzung von zukünftigen Innovationssprüngen. „Einmal mehr drängt sich der Eindruck auf, dass alles einseitig auf die Batterie-Karte gesetzt werden soll.“

Umsetzung über zehn Jahre

Die Landesregierung hatte Wasserstoffzüge ebenso wie Batteriezüge bereits in der Praxis getestet, unter anderem auf der Schwäbischen Alb. Rund um Offenburg fahren ab Dezember 2023 Batteriezüge im Regelbetrieb.

Von der Bestellung eines solchen Fahrzeugs bis zum Einsatz auf der Strecke dauert es nach Hermanns Aussage derzeit drei bis vier Jahre. Allerdings ist das Land auch an bestehende Verkehrsverträge gebunden. Innerhalb der nächsten zehn Jahre solle das Konzept aber umgesetzt werden.