StartseiteRegionalOberschwabenRavensburgSo wurde dieser Ravensburger zum gefragten Spielentwickler

Erfinder von „Nobody is perfect“

So wurde dieser Ravensburger zum gefragten Spielentwickler

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Über 100 Spiele hat Bertram Kaes entwickelt. Im Interview spricht er über seine Kreativ-Taktiken. 
Veröffentlicht:24.12.2023, 09:00
Aktualisiert:10.01.2024, 12:34

Artikel teilen:

Bertram Kaes hat weit über 100 Spiele entwickelt und mehrere Bücher geschrieben. Mit 65 Jahren lebt er jetzt auf einem Hof mitten im Wald bei Schmalegg und ist lediglich über einen schmalen Kiesweg zu erreichen. Bis auf den Postboten und einige Wanderer kommt hier normalerweise niemand vorbei.

Im Gespräch mit Schwaebische.de erzählt der gebürtige Oberzeller, wieso sein größter Erfolg zunächst ein Flop war und wie sich neue Spielideen bei ihm entwickeln.

Schwaebische.de: Herr Kaes, wie wird man eigentlich Spieleentwickler?

Bei mir war es reiner Zufall, ich habe das nie vorgehabt. Nach meinem Abitur habe ich Verlagskaufmann bei Ravensburger gelernt und damit war die Nähe zum Produkt schon mal gegeben. Ein wunderschönes Produkt, das mir immer viel Freude geschenkt hat. Wir sind zu Hause mit extrem wenig Brettspielen, aber trotzdem spielerisch aufgewachsen. Wir hatten keinen Fernseher, das Spielen war also das Zentrum unseres Lebens.

Warum hatten Sie so wenig Brettspiele?

Wir waren sehr sparsam. Bei uns hieß es: „Spielzeug liegt draußen im Wald und auf der Wiese.“ Bei uns gab es keine drei Spiele und das über viele Jahre hinweg. Das ist aber auch ein Teil meines Erfolgs.

Wieso das?

Meine Mutter meinte immer, ich solle mir etwas ausdenken. Ich könne das doch selbst. Dadurch musste ich kreativer werden beim Spielen und später dann auch beim Spieleentwickeln. Ich spiele nach wie vor recht wenig, auch aus Sicherheit, um keine bestehenden Ideen in meine eigenen Spiele zu übernehmen. Das passiert teils sehr unterbewusst. Zum anderen war ich immer so, dass ich mir gedacht habe, wie kann man es denn anders machen. Das ist bis heute so.

Das hat Ihnen dann auch bei Ravensburger geholfen?

Ja, das war der Startpunkt, als ich damals in die Spieleredaktion gekommen bin. Da kommen pro Jahr rund 1500 Spielideen an. Mir kamen dann oft Gedanken: „Pass auf, wenn man hier jetzt statt rechts, links geht und vier Felder weniger auf das Spielbrett macht, macht es doch mehr Sinn und Spaß.“

Welche Rolle hat denn dann Ravensburger gespielt?

Ravensburger hat mir damals von Anfang an Vertrauen geschenkt, dass ich Vorschläge bringen und das probieren darf. Ich war damals ein Auszubildender und das Spieleentwickeln hat mich dann so angefixt, dass ich meinte, ich möchte das jetzt lernen. Dann habe ich die Chance bekommen, Redakteur zu werden. Da macht man dann nichts anderes, als Spiele zu spielen und mit den Autoren zusammen daran zu feilen, bis man zum Ziel kommt. Irgendwann war ich dann selbst Autor.

Apropos Autoren. Bei Spielen haben die Namen der Autoren meist nicht den Stellenwert, wie etwa bei Büchern. Für Leute, die Sie jetzt nicht kennen. Was sind Ihre bekanntesten Spiele?

Das meistverkaufte ist „Das Nilpferd in der Achterbahn“ mit 1,5 Millionen verkauften Exemplaren. Das für mich wichtigste ist aber ganz klar „Nobody is perfekt“.

Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dem Erfolg von „Das Nilpferd in der Achterbahn“?

Beim „Nilpferd“ liegt der Erfolg maßgeblich an der Fernsehwerbung. Das war eines der wenigen Spiele, bei denen Ravensburger sehr viel Geld in Werbung gesteckt hat. Die Geschichte davor ist aber viel interessanter. Für das Spiel gab es damals einen sogenannten Home-Use-Test. Das war ein Test mit 100 fertigen Spielen, die an 100 Familien geschickt wurden. Das Ergebnis, das zurückkam, war katastrophal. 50 Prozent hatten die Schulnote 5 oder 6 gegeben, die anderen 50 Prozent eine 1 oder eine 2. Der Verlag hat es dann trotzdem mit 5000 Exemplaren versucht, aus Wertschätzung zu mir und meiner Arbeit. Am Ende stehen 1,5 Millionen verkaufte Exemplare.

Wegen des „Ortsschildes“ seines Königreichs hat Kaes schon Besuch von Behörden und Reichsbürgern bekommen. Die Behörden konnte er überreden, das Schild behalten zu dürfen. Die Reichsbürger hat er schnell wieder aus dem Königreich verbannt. Mit denen hat Kaes nämlich nichts zu tun.
Wegen des „Ortsschildes“ seines Königreichs hat Kaes schon Besuch von Behörden und Reichsbürgern bekommen. Die Behörden konnte er überreden, das Schild behalten zu dürfen. Die Reichsbürger hat er schnell wieder aus dem Königreich verbannt. Mit denen hat Kaes nämlich nichts zu tun. (Foto: Levin Schröder)

Hat das dann auch mit Glück zu tun?

Ich behaupte, dass der Erfolg eines Spiels in seiner Startphase ausschließlich auf Glückskomponenten beruht. Wenn ich nicht das Glück habe, dass mich jemand protegiert wie Ravensburger, dass gerade genug Geld im Land ist oder dass gerade dieses „Nilpferd“ in der Werbung die Leute so anspricht, dass sie das Spiel kaufen, dann hat man keine Chance.

Und danach?

Spiele müssen gespielt werden. Wenn die Spiele dann gut sind, setzt die Mund-zu-Mund Propaganda ein. Du kannst kein faules Ei fünfmal verkaufen. Das „Nilpferd“ hat also einer Zielgruppe entsprochen und die haben es weiterempfohlen.

Sie haben bei „Nobody is perfect“ von Ihrem wichtigsten Spiel gesprochen. Das Spiel basiert grundsätzlich auf dem Lexikon-Spiel. Dabei denkt man sich zu Fachbegriffen mögliche Definitionen aus. War das auch Ihr Hintergrund?

Ja klar. Es ist aber wie bei Trivial Pursuit: Fragen-Antwort-Spiele gibt es schon seit Jahren. Es war dann eben die Frage, wie kann man es noch anders machen und ausweiten. In „Nobody“ müssen teils noch Geschichten nach ihrem Wahrheitsgrad bewertet werden, das ist ein weiterer neuer Faktor. Aber die Grundidee, ich mogle da eine falsche Antwort mit rein, ist ganz klar das Lexikonspiel. Ich habe mir dann überlegt, wie kann ich das zu einem Spiel machen, bei dem man ein Spielbrett hat und Figuren.

Wie verlief die Recherche damals?

Als ich das Spiel vor über 20 Jahren entwickelt habe, gab es noch kein Internet. Ich bin durch ganz Deutschland gefahren und habe in Bibliotheken nach Verrücktheiten gesucht. Ich war monatelang unterwegs und habe mich durch Zeitschriften, Bücher und Lexika gewälzt.

Wenn wir jetzt mal allgemeiner auf die Spieleentwicklung schauen. Wie kommen Sie auf neue Ideen für Spiele?

Spieleentwickeln ist für mich ein wenig vergleichbar mit dem Kinderkriegen bei Frauen, auch wenn ich mir nicht anmaßen möchte, diese Dinge auf eine Stufe zu stellen. Zuerst muss bei mir der Gedanke kommen, dass ich ein Spiel erfinden will. Vor einiger Zeit hatte ich die Lust auf ein neues Kartenspiel. Und dann reift dieser Gedanke für längere Zeit, das kann Monate dauern. Und dann gibt es den einen Tag, an dem will es herauskommen. Vor zwei Tagen lag ich draußen und dann war ich allein mit meinen Gedanken und wusste: „Jetzt kommt was.“ Dann habe ich mich hereingesetzt und die Idee weitergedacht: Das soll was mit Karten sein und mit sammeln. Dann muss man etwas auf dem Tisch erobern, aber eben nur mit Karten. Die kann man dann hinwerfen oder vom Nebenmann klauen, irgendwie so. Und dann spüre ich, wie die Idee langsam spielbar wird. Ich habe auch schon einige Spielideen in der Sauna gehabt, weil das ein Ort der Abgeschiedenheit ist, an dem ich mich wohlfühle.

Gewinnspiel beendet
Verlosung

Gewinnspiel beendet

Wir haben gemeinsam mit Ravensburger fünf Exemplare des Spiels „Nobody is perfect“ verlost. Dabei geht es darum, die glaubwürdigsten Antworten auf skurrile Fragen zu finden und die Mitspieler so aufs Glatteis zu führen.

Teilnahmeschluss war der 6. Januar 2024. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden per Mail benachrichtigt. Sie bekommen jeweils ein Exemplar des Spiels per Post zugestellt.

Die Daten werden ausschließlich im Rahmen dieses Gewinnspiels genutzt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Weitere Hinweise zum Datenschutz: schwaebische.de/datenschutz