Müllproduktion

So lebt es sich ohne Müllproduktion

Markdorf / Lesedauer: 7 min

Der Plastikverbrauch in Deutschland steigt immer weiter – Anhänger der Zero-Waste-Bewegung wollen das ändern
Veröffentlicht:20.04.2018, 18:17
Aktualisiert:22.10.2019, 20:00

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Der „siebte Kontinent“ liegt im Pazifischen Ozean. Die riesige Insel besteht ausschließlich aus Müll. Hauptsächlich aus Plastikabfällen. Sie misst laut Expertenschätzungen 3,5 Millionen Quadratkilometer und wäre damit größer als Indien. Wie groß die Müllinsel inzwischen genau ist, weiß niemand. Der „siebte Kontinent“ ist das Symbol für ein immenses Problem unserer Zeit: Die Menschheit droht in ihrem eigenen Plastikmüll zu ersticken.

Forscher gehen davon aus, dass im Jahr 2050 mehr Plastikteile als Fische in den Weltmeeren schwimmen werden, und mit der Benutzung von Einwegbesteck und To-go-Becher tragen wir täglich zu dieser Entwicklung bei. Der „Earth Day“ (auf Deutsch: Tag der Erde) am Sonntag soll auf Probleme wie dieses aufmerksam machen. Jedes Jahr am 22. April regen verschiedene Projekte weltweit dazu an, sich über Umweltschutz und Nachhaltigkeit Gedanken zu machen.

Drastischer Wandel des Lebensstils

Aufrütteln, aber vor allem andere inspirieren möchte auch Michelle Bucher aus Markdorf. Die 24-Jährige lebt seit einem Jahr nach dem Zero-Waste-Prinzip (auf Deutsch: Kein-Abfall-Prinzip): In ihrem Alltag produziert Bucher nahezu keinen Müll. Auf ihrem Blog im Internet ( www.concection.com )berichtet Bucher von ihren Erfahrungen. „Mir ist klar geworden, dass ich nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein will“, sagt die gebürtige Schweizerin. Sie habe immer schon sehr ökologisch und im Einklang mit der Natur gelebt. Der drastische Wandel ihres Lebensstils sei dann eine logische Konsequenz gewesen. „Der Müll nimmt einfach überhand.

Vor allem Plastik ist gefährlich für uns und unsere Umwelt“, sagt sie. „Dabei muss man gar nicht weit weg blicken: Auch in unserer Region sterben Kühe, weil sie aus Versehen Blechdosen fressen.“ Tatsächlich hat sich der Plastikverbrauch in den letzten 20 Jahren verdoppelt, teilt der BUND Baden-Württemberg mit. Ein Grund dafür sei der Trend hin zu Fast- und Convenience-Food, sagt BUND-Landesgeschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch. „Ich kann eine Kartoffel ganz natürlich mit Schale kaufen, oder schon mikrowellenfertig und in Soße. Immer mehr greifen dann zum mehrfach verpackten Fertigprodukt.“ Dabei sei jedes Stückchen Kunststoff eine Belastung für die Umwelt, so die BUND-Landesgeschäftsführerin.

Falsche Entsorgung

Durch falsche Entsorgung lande Plastik in Flüssen und später im Meer. Schildkröten, die sterben, weil sie sich in Plastiktüten verheddert haben, ist, laut Pilarsky-Grosch, längst kein Schreckensszenario mehr, sondern bittere Realität. Im Jahr 2016 war jeder Baden-Württemberger für 355 Kilogramm Müll (Wertstoffe, Abfälle in der Biotonne sowie Haus- und Sperrmüll) verantwortlich. Gewerbliche Abfälle sind in dieser Zahl nicht enthalten. Das geht aus der Abfallbilanz des Umweltministeriums Baden-Württemberg hervor. Die Zero-Waste-Idee ist ein krasses Gegenteil dazu: Das Vorbild der Bewegung, die Amerikanerin Bea Johnson, produziert in einem Jahr gerade einmal so viel Müll, dass dieser komplett in ein Marmeladenglas passt. Bio-Abfälle werden bei Zero-Waste allerdings gesondert betrachtet, da diese kompostiert werden können.

Kochen ohne Abfall

Das Leben ohne Müll ist ein Minimalistisches. So scheint es, wenn man die Wohnung von Michelle Bucher betritt. Die Garderobe ist aus Bambusstäben gebastelt, das Sofa besteht aus Holz und Kissen. Die 24-Jährige öffnet eine große Schublade in der Küche. 16 große Gläser mit roten Deckeln sind hier ordentlich nebeneinander gereiht. Erbsen, Couscous, Bohnen, Wildreis: Michelle Bucher hat jeden Deckel beschriftet und weiß so sofort, was sie nachkaufen muss, wenn ein Vorratsbehälter leer ist.

Sie öffnet ein weiteres Regal. Auch hier: keine Kaffeepads, Papiertücher und Suppentütchen. Der Größe nach sortiert stehen Glasflaschen und Marmeladengläser gefüllt mit Nüssen, Kernen und Cerealien nebeneinander. „Zum Einkaufen nehme ich immer leere Beutel und Gläser mit. Diese befülle ich dann direkt im Geschäft und muss sie auch zu Hause nicht mehr umfüllen“, erklärt Bucher. Die meisten Lebensmittel bekommt sie aus dem Laden „Heimatliebe“ in Markdorf , der ausschließlich Unverpacktes anbietet. „Dieser Laden war ein Grund, warum ich nach Markdorf gezogen bin“, verrät sie. Ein- bis zweimal die Woche kauft sie dort ein. Was es nicht unverpackt zu kaufen gibt, macht die 24-Jährige selbst. „Hier stelle ich zum Beispiel gerade Senf her. Das ist eigentlich ganz einfach“, sagt sie und holt ein Glas mit Senfkörnern, die in einer Flüssigkeit schwimmen, aus dem Kühlschrank.

Badezimmer wirkt leer

Auch das Badezimmer der 24-Jährigen wirkt leer. Denn Wattepads, Shampooflaschen, Deo, Wattestäbchen und sogar herkömmliche Zahnpasta finden hier keinen Platz. „Die meisten Hygieneartikel sind verpackt und enthalten Inhaltsstoffe, die für mich fragwürdig sind. Deswegen mache ich die Produkte lieber selbst oder besorge mir eine nachhaltige Alternative“, erklärt sie. Ihre Zähne putzt sie sich mit einer kompostierbaren Zahnbürste aus Bambus und selbst gemachter Zahnpasta aus Kokosfett, Natron, Xylit und Pfefferminzöl. Auch Deo, Shampoo und Duschgel stellt sie selbst her und füllt sie in wiederverwendbare Glasbehälter.

Einkaufen ohne Abfall

Auch Alicia Dannecker aus Ravensburg hat ihren Abfall stark reduziert. Diese Möglichkeit will sie auch anderen Ravensburgern bieten. Die 32-Jährige hat im Oktober des vergangenen Jahres den plastik- und verpackungsfreien Laden „Wohlgefühl“ mitten in der Ravensburger Innenstadt eröffnet. „Mit dem Geschäft möchte ich den Ravensburgern die Chance bieten, müllfrei, nachhaltig und in entspannter Atmosphäre einzukaufen“, erklärt sie. Im Sortiment habe sie fast alles, was man im Alltag benötige. „Von Nudeln über Müsli bis hin zu Kosmetik ist bei uns alles unverpackt“, sagt Dannecker.

Die Waren werden größtenteils in Papier- oder Mehrwegbehältern in das Geschäft geliefert. Manche Lebensmittel, vor allem Gewürze, die vor Feuchtigkeit geschützt werden müssen, erhält Dannecker allerdings auch in Kunststoffverpackungen. „Das sind große Plastiktüten, die sich leider nicht vermeiden lassen. Die schmeißen wir aber nicht einfach weg, sondern benutzen sie weiter: als Müllsäcke“, erklärt die Ravensburgerin. Etwa ein halber bis drei viertel voller gelber Sack Plastikmüll entsteht so im Monat in ihrem Laden.

Erste Schritte

„Ich habe begonnen Müll zu vermeiden, indem ich auf Plastiktüten verzichtet habe“, erinnert sich Dannecker. Am Anfang sei es schwer gewesen, immer daran zu denken, einen Stoffbeutel mitzunehmen, doch nach und nach sei aus dem Umdenken Gewohnheit geworden. „Dann war ich auch konsequent: Wenn ich keinen Beutel dabei hatte, habe ich eben nichts eingekauft“, erzählt sie. Neben dem Vermeiden von Plastiktüten empfiehlt das Umweltministerium Baden-Württemberg allen, die ihren Müll reduzieren möchten, Gebrauchsgegenstände länger zu verwenden. „Nach der eigenen Nutzung kann man Produkte weitergeben, anstatt sie wegzuwerfen“, sagt Ralf Heineken, Sprecher des Ministeriums. So könnte zum Beispiel ungeliebte Kleidung weiterverkauft oder verschenkt werden. Der dritte Tipp des Umweltministeriums: Mehrwegsysteme bevorzugen, beispielsweise beim Kauf von Getränken in Glas- statt in Plastikflaschen.

Maritime Müllabfuhr

„Es ist unwahrscheinlich, dass wir alle irgendwann ohne Müll leben werden“, sagt Pilarsky-Grosch. Und auch der Kampf von Michelle Bucher und Alicia Dannecker gegen den Abfall erscheint, im Anbetracht der gigantischen Müllmassen, nahezu aussichtslos. „Die Zero-Waste-Bewegung ist trotzdem wichtig. Denn wenn wir uns alle nur ein bisschen davon abschauen, tut das der Umwelt sehr gut“, so Pilarsky-Grosch. Auch zahlreiche Projekte kämpfen derzeit gegen Plastikmüll in den Meeren. So zum Beispiel die Umweltorganisation „One Earth – One Ocean“.

Der Verein mit Sitz in München hat eine „Maritime Müllabfuhr“ entwickelt. Mit einem Katamaran soll Plastik aus Gewässern gefischt werden. Die „Maritime Müllabfuhr“ kann pro Fahrt zwei Tonnen Müll aufnehmen. Bis der Müll-Katamaran allerdings mit dem „siebten Kontinent“ fertig wäre, würde es wohl Hunderte Jahre dauern.