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Behinderung

„Ich wär‘ so gerne geblieben“

Ravensburg / Lesedauer: 3 min

Ein Straßentheater auf dem Marienplatz erinnert an die Grauen Busse
Veröffentlicht:09.07.2021, 10:20

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Männer und Frauen in roten Overalls spielen ein Theaterstück auf dem Marienplatz. Die einen haben, unverkennbar, ganz unterschiedliche Behinderungen. Einige sitzen im Rollstuhl. Ein paar, in denselben roten Overalls, haben sichtlich keine Behinderungen.

Das alte Prinzip des Theaters gerät an diesem verregneten Morgen durcheinander: dass Schauspieler sich Rollen aneignen, den Mörder, die verlassene Mutter, den siechen Vater. Rollen also, die sie spielen, emotional oder distanziert. Die Akteure aber mit Behinderungen, vom Reutlinger Theater in der Tonne, spielen, was 10 654 Insassen psychiatrischer Einrichtungen, wie in der „Anstalt Weißenau“, 1940 waren: Menschen mit Behinderungen.

Sie waren, nach der Definition der „Rassenhygiene“ der Nazis „unwertes Leben“, sie wurden mit den Grauen Bussen nach Grafeneck bei Gomadingen transportiert und vergast. Ein irritierendes, ein bewegendes Erlebnis, wenn Akteure mit Behinderungen das Grauen von 1940 – ja was? – sich aneignen, nachspielen? Aber das Wort „spielen“ wirkt hier grotesk fremd.

Was geht in ihnen und in ihren Angehörigen vor, wenn sie das Unfassbare von damals nicht „spielen“, sondern im wörtlichen Sinne „verkörpern“ und doch auch „ihresgleichen“ aus dieser fernen Welt im Heute zu verstehen lernen müssen. Wenn sie, naiv, unschuldig und gutgläubig, wie die damals in den Tod Abstransportierten vermutlich auch, zu einer Violine zwei Volkslieder singen. „Ich wär‘ so gerne geblieben, aber der Wagen der rollt“, und, es schaudert einen, wenn sie „Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit“ anstimmen.

Dann schallt ihnen mit heller Stimme entgegen: „Willkommen in Grafeneck. Bitte ziehen Sie sich aus und gehen zum Duschen.“ Sie gehen durch Gitterelemente, haben gerahmte Fotos von Ermordeten um den Hals hängen, und davor, über den Asphalt am Lederhaus, rollen leere Gasflaschen. Die paar Schauspieler der Truppe sind dezente Hilfen, wenn die anderen, die mit den realen Behinderungen, einige der vielen realen Namen von Grafeneck in zwei alte Schreibmaschinen tippen und sie laut vortragen.

Das Theater in der Tonne aus Reutlingen erreicht mit dieser Form eines Straßentheaters, mit dem Stück „Hierbleiben … Spuren nach Grafeneck“, Menschen, die vielleicht in kein Theater zu einem solchen Inhalt gehen würden. Es gastiert an den 24 Orten, aus denen die Ermordeten von Grafeneck stammten. Es ist das deutschlandweit einzige Theater mit Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen, auf und hinter der Bühne, und keineswegs nur in Stücken, die mit dieser Thematik zu tun haben, sondern auch in der „Dreigroschenoper“ oder im „Besuch der Alten Dame“.

Die Mittel, die Enrico Urbanek in diesem Straßentheater anwendet, sind sehr reduziert und gerade deshalb so überzeugend. Was in der Regie von Urbanek bei diesem heiklen Thema erfreulicherweise völlig fehlt, ist jede emotionale „Betroffenheit“, Sentimentalität und Moralität. Jede Art Gefühle, Trauer oder Entsetzen sollen (und können) ganz individuell in jedem Zuschauer und jeder Zuschauerin entstehen. Eine zutiefst überzeugende und bewegende Leistung eines so unterschiedlichen, inklusiven Ensembles.