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Internationale Studie

Geld lockt Ravensburger nicht zur Corona-Impfung

Ravensburg / Lesedauer: 5 min

Wer sich impfen lässt, nimmt außer dem Schutz auch noch bis zu 40 Euro mit nach Hause. Die Idee hört sich gut an, doch das Ergebnis einer Studie ist überraschend.
Veröffentlicht:04.12.2023, 12:00

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Die erwachsenen Einwohner der Stadt Ravensburg und speziell ihre Bereitschaft, sich gegen Corona impfen lassen, beschäftigen derzeit Wissenschaftler weltweit. Grund ist die Studie eines internationalen Forscherteams, die zurückreicht bis ins Pandemiejahr 2021.

Die Frage: Lassen sich die Ravensburger und mit ihnen vielleicht Menschen an anderen Orten zur Impfung motivieren, wenn sie damit bis zu 40 Euro verdienen können? Die Antwort ist überraschend und hat für Aufsehen gesorgt.

Rückblende: Im November 2021 versendet die Ravensburger Stadtverwaltung insgesamt 41.000 Schreiben an ihre volljährigen Bürger, 16.000 Haushalte sind das Ziel der Aktion. Die Behörde will die Menschen zur Corona-Impfung ermuntern, teils geht es schon um den so genannten Booster, aber natürlich auch um die Grundimmunisierung.

In den Monaten zuvor hatte sich ein wenig Impfmüdigkeit breitgemacht, Zentren liefen auf Sparflamme. „Dabei war absehbar, dass die nächste Welle kommen würde. Wir wollten mit unseren Mitteln unseren Teil dazu beitragen, die Impfquote zu erhöhen und damit komplette Lockdowns mit ihren Folgen und natürlich zuvorderst auch schwere Krankheitsverläufe verhindern“, sagt Bürgermeister Simon Blümcke, ein Treiber der Aktion.

Experten in Sachen Kommunikation

Als Partner hat sich die Stadt Experten in Sachen Kommunikation und wissenschaftliche Begleitung ins Boot geholt. Darunter ist Florian Keppeler, heute Assistant Professor am Crown Prince Frederik Center for Public Leadership an der Universität Aarhus in Dänemark, den Blümcke noch aus seinen Zeiten als Doktorand an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen kennt.


Keppeler und seine Kollegen haben es zuvor im Mai 2021 schon mit einer Studie in die Tagesthemen geschafft: Im hessischen Bad Nauheim haben sie untersucht und vorgemacht, wie eine gute Ansprache in einem Behördenbrief funktioniert - in persönlicher Form, mehrsprachig, einfach und klar.

Das Wissen will sich die Stadt Ravensburg im Winter 2021 in ihrem Schreiben zunutze machen. Und dazu sieht Keppeler noch ein anderes interessantes Thema: In Schweden haben Kollegen untersucht, ob sich Menschen durch einen monetären Anreiz dazu motivieren lassen, sich gegen Corona impfen zu lassen.

Die Antwort dort: ja. Keppeler liest den Fachartikel in „Science“ und fragt sich: Würde das auch in Deutschland, in Ravensburg funktionieren? Gerade bei jenen, die sich mit dem Thema vielleicht schwer tun? Die Partner probieren es aus.

20 Euro für den, der zur Impfung kommt

5000 der insgesamt 41.000 Briefe, zufällig ausgewählt, enthalten neben dem konkreten Angebot von sieben Impfterminen an vier Wochenenden im November und Dezember noch ein besonderes „Werbemittel“: Wer zur Impfung kommt, bekommt einen Gutschein in Höhe von 20 Euro geschenkt. Bringt er noch jemanden mit, gibt es eine Chance obendrauf.

Im Idealfall sollen die Leute so ihr Umfeld breit motivieren. Wenn sich mehr als 900 Personen aus Ravensburg impfen lassen, erhalten sie zusätzlich einen 20 Euro-Gutschein. „Das war dann die doppelte Summe, die in Schweden eingesetzt worden ist“, sagt Florian Keppeler.

2100 Menschen kommen zu diesen Impfterminen, zeitweise werden die Mitarbeiter vor Ort überrannt. Mehr als 23 Prozent dieser 2100 Bürger lassen sich zum ersten Mal immunisieren. Ein Erfolg, da sind sich Blümcke und Keppeler einig. „Das ist eine hohe Quote. Die Initiative der Stadt hat einen großen Unterschied gemacht“, glaubt Keppeler. Besonders gespannt schauen die Wissenschaftler aber darauf, wie viele mit dem Gutschein auftauchen. Die Frage: Wie hoch ist der Anteil derer, die zur Impfung gekommen sind, weil sie dabei noch ein paar Euro mitnehmen können?

Kein signifikanter Einfluss

Die überraschende Antwort: Die Gutscheine haben offenbar keinen signifikanten Einfluss auf die Entscheidung der Ravensburger gehabt. Der Anteil derer, die das besondere Bonbon an den Impftagen bekommen haben, war nicht höher als der bei jenen, die den bloßen Werbebrief im Briefkasten hatten.

Zumindest der Politiker Simon Blümcke hat das ganz anders erwartet - wie viele seiner Kollegen aus der Region, die man vorher befragt hatte: „Das war mein Bauchgefühl. Vielleicht müssen wir in der Politik aber noch mehr auf den Kopf, auf Erkenntnisse und Daten setzen.“

Es kann ein Anreiz sein, aber es ist in unserer Gruppe kein Schlüsselanreiz gewesen.

Florian Keppeler

Florian Keppeler hat mehrere Erklärungen für dieses auch aus seiner Sicht bemerkenswerte Ergebnis: Der Anreiz in Höhe von 20 oder 40 Euro - übrigens nicht aus Steuergeldern abgezweigt, sondern von Sponsoren gestiftet - sei offenbar in Süddeutschland, anders als in Schweden, zu niedrig, um wirklich einen Unterschied zu machen - zumindest beim Thema Impfen in einer „damals volatilen Situation“.

Grundsätzlich tauge Geld womöglich weniger als Motivationstreiber als angenommen. „Es kann ein Anreiz sein, aber es ist in unserer Gruppe kein Schlüsselanreiz gewesen“, so der Forscher. Unter Umständen habe diese Art der Werbung beim Thema Impfen sogar einen negativen Effekt.

Ein sozialer Aspekt

Und schließlich glaubt er auch an einen sozialen Aspekt bei der Suche nach Gründen für das Ergebnis: „Wenn ich Geld bekomme, drei andere in meinem Umfeld aber für das gleiche nicht, dann kann dies Auswirkungen auf das Interesse an der Impfung haben. Unsere Ergebnisse zeigen in der Tendenz, dass ,die anderen drei’ ohne Anreiz dann weniger Interesse an der Impfung haben.“

Was also empfiehlt der Wissenschaftler dem Politiker bei Aktionen mit einem ähnlichen Ziel? Die Antwort: einfach zu erreichende Angebote, personalisierte Anschreiben, Abbau von bürokratischen Hürden bei Impfungen, Informationen in verschiedenen Sprachen.

Die Studie wird international bereits lebhaft diskutiert.