StartseiteRegionalOberschwabenRavensburgFür Vetter in Ravensburg wären Abschiebe-Pläne „verheerend“

Folgen für die Wirtschaft

Für Vetter in Ravensburg wären Abschiebe-Pläne „verheerend“

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Dass rechte Kreise rassistisch motivierte Vetreibungspläne hegen, macht auch der Firma Vetter Sorgen. Und einem Ladenbesitzer, dem schon der Hitlergruß gezeigt wurde.
Veröffentlicht:05.02.2024, 09:00

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Für den Ravensburger Jungunternehmer Atakan Celik waren die vergangenen Wochen „echt hart“, wie er sagt. „Wir saßen oft in der Familie um den Tisch und haben überlegt, was wir tatsächlich machen, wenn es so weit kommen sollte.“ Er spricht über die Abschiebungs-Fantasien rechter Kreise, die bei einem Geheimtreffen in Potsdam besprochen wurden. An dem Treffen hatten auch Vertreter von AfD und der Werteunion innerhalb der CDU teilgenommen, wie die Rechercheplattform Correctiv berichtet hat. Dort wurde demnach die Idee geäußert, Menschen nach rassistischen Kriterien aus Deutschland auszuweisen. Celik, aber auch Ravensburgs größter Arbeitgeber skizzieren, welche Folgen solche Ideen für die Wirtschaft hätten.

Jungunternehmer denkt neu über Investition nach

Celik ist 33 Jahre alt und verkauft Hamamtücher sowie Teppiche, Kissenhüllen und andere Heimtextilien in einem eigenen Laden in Ravensburg. Die Produkte lässt er in der Türkei fertigen, wo seine Eltern herkommen. Er ist in Deutschland geboren, in Ravensburg zur Schule gegangen, ist bei den Landsknechten, im Naturschutzverband BUND und anderen Vereinen aktiv. „Wir als Familie haben einen offenen Lebensstil. Aber das reicht diesen Leuten trotzdem nicht“, sagt er über die Teilnehmer des Potsdamer Geheimtreffens und ihrer Unterstützer. „Man fühlt sich abgestoßen, ausgeschlossen, obwohl man mitten drin ist.“

Atakan Celik verkauft in der Ravensburger Altstadt Hamamtücher und andere Heimtextilien – und überlegt sich, ob er am Wirtschaftsstandort Deutschland investieren soll.
Atakan Celik verkauft in der Ravensburger Altstadt Hamamtücher und andere Heimtextilien – und überlegt sich, ob er am Wirtschaftsstandort Deutschland investieren soll. (Foto: Stefanie Keppeler)

Er ist mittendrin in seinem geschäftlichen Aufstieg, sein Unternehmen soll wachsen. Celik plant eine Investition in eine Lagerhalle und einen Showroom in Blitzenreute. Aber jetzt fragt er sich, ob er in Deutschland investieren sollte. „Hat das Zukunft? Ich hab immer den ausländischen Namen“, sagt er. Das müsse er immer mitbedenken im Vergleich zu anderen Unternehmern.

IHK sieht Wohlstand in der Region gefährdet

Celik ist auch Mitglied im Ravensburger Unternehmernetzwerk „Wirtschaftsforum Pro Ravensburg“, wo er gefordert habe, dass man klar Standpunkt bezieht. Nicht nur für eine offene Gesellschaft. Sondern explizit gegen rechte Kräfte. Und er vermisse ein Statement von der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK), die zahlreiche Unternehmen vertrete, die auch von Menschen mit Migrationshintergrund leben.

Der Pressesprecher der IHK, Moritz Schwier, äußert sich auf Anfrage der Redaktion - die Ideen der rechten Kreise seien eine Gefahr für den Wohlstand in der Region. Er holt etwas aus, sagt, dass jegliche Form der Diskriminierung aufgrund von Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat, Herkunft, Glauben, religiöser oder politischer Anschauungen gemäß dem Grundgesetz inakzeptabel sind. Jeder Zweifel daran gefährde das Image des Wirtschaftsstandortes und des Wohlstandes, so Schwier.

Vetter-Sprecher findet deutliche Worte

Im Jahr 2023 fehlten in der Region laut IHK-Fachkräftemonitoring schon 7.000 Arbeits- und Fachkräfte, und die Zahl werde Jahr für Jahr steigen. „Es ist offensichtlich, dass Zuwanderung einen erheblichen Beitrag zur Schließung dieser Lücke leisten muss“, sagt er. Auch die Investitionsbereitschaft in der Region würde sinken, wenn solcher Abschiebungs-Fantasien Realität würden, ist die IHK überzeugt.

Beim größten Arbeitgeber in Ravensburg, dem Pharmadienstleister Vetter, findet man klare Worte: „Die Auswirkungen dieser rassistischen Idee wären für unsere Gesellschaft menschlich und wirtschaftlich verheerend“, teilt Unternehmenssprecher Markus Kirchner mit. Er lobt die aktuellen Demonstrationen:

Spätestens seit der erschreckenden Enthüllung der Rechercheplattform Correctiv brauchen wir mehr denn je ein breites und starkes Bündnis gegen fremdenfeindliche Tendenzen und Ideologien, die auch Gift für unsere Wirtschaft und unsere Arbeitsplätze sind.

Markus Kirchner

Die Firma Vetter hält diese fremdenfeindlichen Strömungen aktuell für nicht mehrheitsfähig.

Celik erlebt Konfrontation in der Ravensburger Altstadt

Die gut 6.300 Vetter-Mitarbeiter stammen nach Angaben des Unternehmens aus 75 verschiedenen Nationen. Und das habe positive Auswirkungen für die Firma: Aus verschiedenen Sichtweisen auf Fragestellungen im Arbeitsalltag resultierten bessere Ergebnisse. „Die Idee, ein ethnisch homogenes und wirtschaftlich unabhängiges Deutschland anzustreben, widerspricht nicht nur unserem Grundgesetz, sondern würde auch die Grundlagen unseres wirtschaftlichen Erfolgs gefährden“, sagt Kirchner. Um den heutigen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, brauche es Einwanderung.

Atakan Celik hatte Ende Januar mit einem Schild an der Ladentür in der Ravensburger Eisenbahnstraße den Aufruf zur Demonstration gegen rechts geteilt, zu der schließlich mehr als 8000 Teilnehmer kamen. „Geschlossen wegen Nazis“ hatte er für besagten Samstag angekündigt. Ein Passant habe ihm beim Anblick des Schildes einen Hitlergruß und -bärtchen gezeigt und dabei die Hacken zusammengeschlagen. Er habe denn Mann draufhin sogar noch eingeladen, in den Laden zu kommen und mit ihm zu diskutieren. Der Mann habe gesagt, „die echten Faschisten“ seien diejenigen gewesen, die Ungeimpfte während der Pandemie nicht in die Geschäfte reingelassen hätten. Dann sei er weitergegangen.

Celik hat die Demo wenige Tage später als „unglaublich“ erlebt. Für ihn war sie ein Zeichen für eine „gute Zukunft von Chancengleichheit und Teilhabe“.