Antibabypille

Forschung dient sauberer Schussen

Ravensburg / Lesedauer: 3 min

2,7 Millionen Euro für Modellstudie mit hohem Praxisbezug – 165 Substanzen im Visier
Veröffentlicht:28.02.2012, 16:35
Aktualisiert:25.10.2019, 11:00

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Arzneimittelrückstände, Östrogene aus Antibabypillen, Chemikalien: Zahllos sind Stoffe, die übers Abwasser wieder ins Ökosystem gelangen. Sie aufzuspüren, möglichst bereits bei der Abwasserreinigung zu entfernen und Vorsorge zu treffen, dies ist Aufgabe eines Forschungsprojekts. Unter dem Titel „Schussen Aktiv plus“ untersuchen Wissenschaftler und Wirtschaftsexperten im Raum Ravensburg drei Jahre lang Schadstoffe im Trinkwasser und die Auswirkungen auf Fische und Umwelt. Die bundesweit bedeutsame Modellstudie unter Leitung von Professor Dr. Rita Triebskorn von der UniTübingen wird mit 2,3 Millionen Euro vom Bund und 400 000 vom Land gefördert. 165 Substanzen hat man im Visier.

Das Projekt startete Anfang 2012 und wurde jetzt in einer Pressekonferenz vorgestellt. Ziel sei es, den Erfolg von weitergehenden Reinigungsmaßnahmen an Kläranlagen unterschiedlicher Größe und an Regenwasserbehandlungssystem zu dokumentieren, so Triebskorn. Dabei soll nicht nur die Konzentration von Chemikalien und Keimen gemessen, sondern auch deren Wirkungen auf Fische und andere Organismen untersucht werden. An fünf Stellen wird regelmäßig Wasser entnommen, unter anderem vor und nach der Kläranlage Langwiese südlich von Ravensburg. Dort geht im nächsten Jahr eine Aktivkohlefilterung speziell für Chemikalien und Arzneimittelrückstände in Betrieb.

Mit dieser weiteren Reinigungsstufe werde die Wasserqualität der Schussen künftig deutlich verbessert, wie der Ravensburger Tiefbauamtsleiter Ralph-Michael Jung erfreut feststellte. Mit dem jetzt mit Bundesmitteln finanzierten Forschungsprojekt lasse sich gleich der Erfolg messen. Und damit ließe sich dann hoffentlich ein flächendeckender Einsatz einer solchen Pulveraktivkohleanlage begründen, meinte Umweltdezernent Walter Sieger vom Landratsamt Ravensburg. Die Mehrkosten für solch rückstandsfreies Trinkwasser müsste letztlich der Verbraucher bezahlen. Auf rund 10 Cent je Kubikmeter taxieren die Fachleute den Obolus. Das entspricht bei einem Pro-Kopf-Aufkommen von 40 Kubikmeter Abwasser im Jahr sechs bis sieben Euro: „So viel wie eine Maß Bier auf dem Cannstatter Wasen kostet“, erklärte Hans-Joachim Vogel vom Regierungspräsidium Tübingen .

Alternativen zur der neuen Klärstufe in Ravensburg-Langwiese wären Ozon in Verbindung mit granulierter Aktivkohle. Diese Möglichkeiten werden in den Kläranlagen Eriskirch am Einlauf der Schussen in den Bodensee und in Merklingen auf der Schwäbischen Alb untersucht. Außerdem überprüft das Forschungsprojekt Verbesserungen bei der Regenwasserbehandlung mit Messungen am Regenüberlaufbecken in Ravensburg und einem Retentionsbodenfilter in Tettnang. Dr. Klaus Jedele, der mit seinem Stuttgarter Ingenieurbüro die Anlagen im Projektgebiet betreut, sieht „eine zentrale Zukunftsaufgabe“ darin, möglichst viele Mikroverunreinigungen bereits bei der Abwasserreinigung zu entfernen. „Im Trinkwasser sind solche Spurenstoffe generell unerwünscht“, ergänzte Dr. Herbert Löffler vom Seenforschungsinstitut Langenargen.

Infokasten: „Risikomanagement von neuen Schadstoffen und Krankheitserregern im Wasserkreislauf“: Unter dieser Überschrift fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung in den nächsten drei Jahren bundesweit 13 Forschungsprojekte. Sie wurden aus 67 Anträgen ausgewählt. Eines davon ist „Schussen Aktiv plus“. Ddie Erkenntnisse sollen nicht nur der Wissenschaft dienen, sondern möglichst flächendeckend in die Praxis umgesetzt werden und damit für sauberes und giftstofffreies Trinkwasser. An dem Projekt sind neben der Universität Tübingen noch vier weitere Universitäten, das Institut für Seenforschung in Langenargen (ISF), verschiedene Öko- und Ingenieurbüros sowie die Städte und Gemeinden Ravensburg, Eriskirch, Tettnang und Merklingen, die Abwasserzweckverbände Mariatal und Unteres Schussental sowie das Regierungspräsidium Tübingen beteiligt.