Flucht aus ZfP

Beratung nach mehreren Fluchten: Kein negativer Trend zu erkennen

Ravensburg / Lesedauer: 3 min

Muss man Angst haben, wenn die Polizei bei der Suche nach einem geflohenen Patienten um Hilfe bittet? Nicht unbedingt, sagt das ZfP, die Polizei und Staatsanwaltschaft.
Veröffentlicht:25.01.2023, 14:00
Aktualisiert:25.01.2023, 01:00

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Vier Männer hatten sich rund um den Jahreswechsel kurz hintereinander aus dem Zentrum für Psychiatrie in Weißenau bei einem Ausgang abgesetzt. Nach öffentlichen Fahndungsaufrufen waren alle vier Geflüchteten nach kurzer Zeit wieder gefasst worden.

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Gleichzeitig hatte die Häufung der Fälle und die offensive Information darüber viele Ravensburger stark verunsichert. Über die Konsequenzen und die richtigen Strategien haben sich die Verantwortlichen der Klinik, der Polizei und Staatsanwaltschaft jetzt in einem Gespräch ausgetauscht. Die Botschaften daraus: Nicht von jedem flüchtigen Patienten, nach dem die Polizei öffentlich fahndet, gehe zwangsläufig eine Gefahr aus. Und die jüngste Häufung sei „noch kein Trend“.

Anlass für das Treffen dürfte auch ein Zitat auf der Webseite des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) gewesen sein, wonach es insgesamt nicht mehr Fälle von geflüchteten Patienten, sondern ein verändertes Fahndungsverhalten der Behörden gebe – und damit eine gesteigerte Aufmerksamkeit einer beunruhigten Öffentlichkeit.

„Niedriges Niveau“

Laut einer gemeinsamen Pressemitteilung nach dem Gespräch, habe der Geschäftsführer des Klinikverbunds ZfP Südwürttemberg, Dieter Grupp, erklärt, dass Entweichungen von im Maßregelvollzug Untergebrachten trotz stetig steigender Belegungszahlen in den letzten Jahren auf einem „stabilen, niedrigen Niveau“ liegen.

Zu den umstrittenen Freigängen, bei denen die Untergebrachten zuletzt davongelaufen waren: Im Rahmen der Therapie müssten den Patienten rechtlich vorgesehene und an enge Voraussetzungen geknüpfte Lockerungen „in kleinschrittigen Stufen nach besonders qualifizierter ärztlicher Beurteilung gewährt werden“.

Dabei würden Ausgangserleichterungen nur bei „entsprechend günstiger Gesamtprognose und gleichzeitiger geringer Risikobewertung eingeräumt“. Diese seien auch jederzeit widerrufbar. Dennoch könne laut Grupp nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass Patienten vereinbarte Regelungen nicht einhalten und von einem erlaubten Ausgang nicht mehr zurückkehren.

Angriff mit Messer

Zuletzt war im Januar ein 21-jähriger Mann bei einem begleiteten Spaziergang aus dem ZfP entwichen, der im Sommer 2022 einen Mann auf offener Straße mit dem Messer schwer verletzt hatte. Weil er als schuldunfähig galt, wurde er in den Maßregelvollzug eingewiesen.

Leitender Oberstaatsanwalt Alexander Boger erklärte, dass die Staatsanwaltschaft auch bei Unterbringungen von Straftätern in der Forensik dafür sorgen müsse, dass die Maßregeln vollstreckt werden. Bei Einweichungen müssten daher die Fahndungsmaßnahmen eingeleitet werden, die notwendig sind, um die Gesuchten schnellstmöglich wiederzuergreifen.

Lucha trägt die Verantwortung dafür, Sicherheitsrisiken in allen Standorten auszuschließen und weitere Bedrohungslagen für die Bevölkerung zu vermeiden.

SPD im Landtag

Ob der Geflohene potenziell gefährlich ist, sei dabei nicht alleine ausschlaggebend. Deshalb müsse in diesen Fällen auch die öffentliche Fahndung geprüft werden. Die Maßnahmen müssten sich stets am konkreten Einzelfall orientieren.

Eine besondere Gefährlichkeit der Geflohenen lasse sich aber aus der bloßen Tatsache, dass eine Fahndung initiiert wurde, nicht ohne Weiteres herleiten.

Einzelfall entscheidend

Nach der Anordnung durch die Staatsanwaltschaft ist die Polizei schließlich für die Fahndung zuständig. Polizeipräsident Uwe Stürmer betonte ebenfalls, die Fahndung orientiere sich immer am konkreten Einzelfall.

Dabei könne auch ein öffentlicher Aufruf erfolgversprechend sein, besonders dann, wenn andere Ansätze zur Ermittlung des Aufenthalts eines Entwichenen fehlten oder nicht erfolgversprechend seien. Entscheidend sei eine frühzeitige Kommunikation zwischen den beteiligten Institutionen.

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Zugleich waren sich die Verantwortlichen der Klinik, der Polizei und der Staatsanwaltschaft offenbar darüber einig, dass die jüngste Häufung der Fälle „alleine noch keinen Trend zu vermehrtem Entweichen markiert“, heißt es. ZfP-Geschäftsführer Dieter Grupp hatte vor kurzem zu der „Serie“ gesagt: „So etwas ist für uns neu.“

Die SPD im Landtag hatte zuletzt den zuständigen Sozialminister Manne Lucha kritisiert: „Lucha trägt die Verantwortung dafür, Sicherheitsrisiken in allen Standorten auszuschließen und weitere Bedrohungslagen für die Bevölkerung zu vermeiden.“ Die vom Minister nach den Entweichungen im vergangenen Jahr angekündigte Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen sei offenbar nicht sorgfältig genug gewesen.