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Fachkräftemangel

Pflegeheime in der Region schlagen Alarm

Ravensburg / Lesedauer: 7 min

Nach Apothekern und Krankenhäusern schlagen auch die Pflegeheime aus der Region Alarm. Was für dramatische Auswirkungen der Fachkräftemangel hat.
Veröffentlicht:25.06.2023, 19:00
Aktualisiert:26.06.2023, 07:11

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Nicht nur die Krankenhäuser leiden unter der hohen Inflation und den stark gestiegenen Personalkosten — auch Pflegeheimen geht es deswegen schlecht. Zwei große Träger von Seniorenheimen in der Region, die St.-Elisabeth–Stiftung und die Stiftung Liebenau, berichten der „Schwäbischen Zeitung“ von gravierenden Problemen, die durch den Fachkräftemangel noch verstärkt werden.

Wer meint, weniger festangestelltes Personal bedeutet weniger Kosten und damit eine bessere Bilanz, täuscht sich. Die Plätze in Seniorenheimen können nur belegt werden, wenn es genug Pfleger gibt, die sich um die hochbetagten, gebrechlichen oder dementen Menschen kümmern. Ansonsten wird der Betrieb schnell unwirtschaftlich. Obwohl der Bedarf an Pflegeheimplätzen in einer alternden Gesellschaft immer größer wird, müssen bundesweit aktuell zig Heime schließen, weil ihre Kosten die Einnahmen bei weitem übersteigen.

Inflation trifft Heimbewohner mit voller Wucht

So weit ist es in der Region noch nicht. Aber auch die hiesigen Sozial–Konzerne haben zu kämpfen. „Die Inflation hat uns und vor allem die Seniorinnen und Senioren in unseren Wohnparks sowie die Menschen in den Wohngemeinschaften der Teilhabe genauso hart getroffen wie die Kollegen in den Krankenhäusern“, meint Andrea Thiele, Vorständin der St.-Elisabeth–Stiftung. „Dazu kommen immer steigende Investitionskosten, da wir aufgrund der Landesheimbauverordnung gezwungen sind, nur noch Einzelzimmer in unseren Wohnparks vorzuhalten.“

Eines der großen Problemfelder sowohl in den Krankenhäusern als auch in den Pflegeeinrichtungen seien die enormen Kosten, die durch Arbeitnehmerüberlassungen entstehen. Thiele: „Bedingt durch den fortschreitenden Fachkräftemangel sind die Einrichtungen oftmals gar nicht mehr in der Lage, ohne Leiharbeit den täglichen Betrieb aufrecht zu erhalten.“ Eine Pflegekraft, die über eine Leiharbeitsfirma angeheuert wird, kostet das 1,7– bis 1,9–Fache eines Festangestellten. Also 70 bis 90 Prozent mehr.

Zusätzliche Belastung in Millionenhöhe

Dies gelte für Krankenhäuser wie für Pflegeeinrichtungen. Doch anders als die Krankenhäuser, die spätestens seit dem neuesten Pflegeunterstützungs– und Entlastungsgesetz (PUEG) ihre Kosten für Leiharbeit refinanziert bekämen, sei dies für Träger der Altenpflege nicht möglich. Im vergangenen Jahr sorgte dies in der Bad Waldseer Stiftung für eine finanzielle Belastung von 2,7 Millionen Euro, die nicht refinanziert wurden, so Thiele.

Die Stiftung Liebenau mit Sitz in Meckenbeuren schildert exakt die gleichen Probleme. „Wir greifen in der Pflege und in Betreuung von Menschen mit Behinderungen bedarfs– und zeitweise auf Leiharbeitskräfte zurück“, so Pressesprecher Ulrich Dobler. „Der Fachkräftemangel und die derzeitige Arbeitsmarktlage zwingen uns dazu — mit erheblichen finanziellen Auswirkungen.“

Leiharbeiter haben Vorteile gegenüber Festangestellten

Die Arbeitnehmerüberlassung in der Pflege führe im Alltag von Einrichtungen aber auch zu einer Reihe weiterer Schwierigkeiten. Die zu Zeitarbeitsfirmen gewechselten Beschäftigten könnten zum Beispiel andere Gehaltsvorstellungen und Vorlieben bei der Dienstplangestaltung und der Aufgabenwahrnehmung durchsetzen. Heißt: weniger Nachtschichten und Wochenenddienste schieben.

„Das führt auch zu Spannungen in Teams mit der Stammbelegschaft“, erklärt Dobler das Problem. „Wir haben uns gegenüber der Politik gemeinsam mit anderen Trägern wiederholt für ein Verbot der Leiharbeit im Pflege– und Sozialbereich — zumindest aber für eine faire Regulierung und Deckelung bei der Entlohnung von Leiharbeitskräften — eingesetzt.“ Die Hoffnung: Eventuell könnten über die sogenannten Landesrahmenverträge seitens der Bundesländer regulierende Vorgaben zum Umfang und zu Grenzen des Einsatzes von zulässiger Leiharbeit in der Pflege getroffen werden, so Dobler.

Aufwertung der Ausbildung schafft neue Probleme

Noch ein weiteres Problem macht den Trägern von Pflegeeinrichtungen zu schaffen: Anfang 2020 trat das neue Pflegeberufgesetz in Kraft. Es ermöglichte die generalistische Ausbildung von Pflegekräften, die vorher nach Sparten getrennt war. So kann jetzt ein Altenpfleger nach der Lehre problemlos in einem Krankenhaus arbeiten und umgekehrt.

Die Aufwertung der Ausbildung sei zunächst gefeiert worden, erinnert sich Andrea Thiele. Doch die Generalisierung des Ausbildungsplans führe dazu, dass die Azubis der St.-Elisabeth–Stiftung im Rahmen der Ausbildung ihren späteren Arbeitsplatz eher selten sehen würden. „Besonders im dritten Ausbildungsjahr werben die Krankenhäuser oft die Auszubildenden aus den Pflegeeinrichtungen ab.“ Sie würden einfach besser zahlen können.

„Ausbildung ist für uns eine der besten Möglichkeiten, selbst etwas gegen den Fachkräftemangel zu tun. Wenn uns dann aber immer wieder Auszubildende abgeworben werden und wir aufgrund der Systematik der Generalistik kaum persönliche Beziehungen zum Auszubildenden aufbauen konnten und dieser Abwerbung meist hilflos gegenüberstehen, dann muss sich auch hier im System dringend etwas ändern“, fordert Andrea Thiele.

Besonders dreist treten Leiharbeitsfirmen auf

Die Stiftung Liebenau hat laut Sprecher Ulrich Dobler ebenfalls Erfahrungen mit Abwerbeversuchen gemacht. Allerdings weniger von Krankenhäusern, sondern von Leiharbeitsfirmen: „Es gab teils dreiste Abwerbungsversuche von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch Anbieter von Zeitarbeitsfirmen.“ Beispielsweise hätten Vertreter dieser Firmen Mitarbeiter nach Dienstschluss direkt auf dem Parkplatz angesprochen.

Neben der Konkurrenz zu den Krankenhäusern hätten die Pflegeeinrichtungen aber auch gemeinsame Kritikpunkte am System, erläutert Andrea Thiele:

So fordern beide Seiten einhellig einen schnellen und kompromisslosen Bürokratieabbau oder eine schnellere Digitalisierung. Damit die Pflegekräfte mehr Zeit am Menschen verbringen können.

Andrea Thiele

Der demografische Wandel werde die Situation noch verschärfen. Von wachsender Bedeutung sei daher die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Diese müssten, genau wie die generelle Zuwanderung von Fachkräften, noch weiter entbürokratisiert werden.

Zum Großteil müssen die Bewohner der Pflegeheime für die gestiegenen Kosten — auch die inflationsbedingt teureren Lebensmittel — selbst aufkommen, da der Zuschuss der Pflegeversicherung bei weitem nicht ausreicht, die stationäre Pflege zu bezahlen. Wenn das Ersparte zur Neige gegangen ist, springt am Ende der Staat ein.

OSK: Wir werben nicht gezielt Altenpfleger ab

Den Schuh, gezielt Azubis aus der Altenpflege abzuwerben, mag sich zumindest die Oberschwabenklinik (OSK) mit Sitz in Ravensburg jedoch nicht anziehen. Bislang sei nur ein Kurs abgeschlossen, aus dem im Zuge der generalistischen Pflegeausbildung Auszubildende anderer Träger bei der OSK gewesen sind. „Von diesen ist niemand zu uns gewechselt“, äußert sich OSK–Pressesprecher Winfried Leiprecht auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“.

Natürlich würden die jungen Leute aus anderen Einrichtungen während ihrer Ausbildungsphasen bei der OSK nachfragen, so Leiprecht. „Aber das ist legitim. Unsere Auszubildenden werden es an anderen Stellen genauso machen. Den generalistische Pflegeausbildung ist ja gerade darauf angelegt, dass die jungen Leute ein möglichst breites Bild von ihrem künftigen Berufsfeld bekommen.“

Der Pressesprecher beteuert: „Wir informieren, aber wir werben Auszubildende anderer Träger nicht aktiv ab. Im Gegenteil hören wir immer wieder, dass andernorts mit frühzeitigen Bindungsvereinbarungen versucht wird, Wechseln vorzubeugen. Wir gehen diesen Weg bewusst nicht, da wir uns wenig davon versprechen. Wer wechseln möchte, wird es auch tun.“

Mit über 200 Auszubildenden in den Pflegeberufen sei die Oberschwabenklinik der größte Träger der Pflegeausbildung weit und breit. „Wir können wahrscheinlich noch viel mehr als andere ein Lied davon singen, dass sich bestens ausgebildete junge Menschen auf einem leergefegten Arbeitsmarkt auch für andere Branchen höchst interessant sind. Wenn es uns am Ende eines Ausbildungsjahres gelingt, zwei Drittel der Absolventen übernehmen zu können, ist es für uns sehr gut gelaufen. Das müssen wir akzeptieren und andere auch.“


Die St.-Elisabeth-Stiftung hat ihren Sitz in Bad Waldsee und betreibt weitere Alteneinrichtungen unter anderem in Aulendorf, Altshausen und Blitzenreute, die Stiftung Liebenau (Sitz: Meckenbeuren) betreibt Pflegeheime unter anderem in Weingarten, Ravensburg, Wolfegg, Waldburg, Baienfurt, Vogt, Meckenbeuren und Tettnang.