Kinderwunsch

Getrennt das gemeinsame Kind groß ziehen - Das steckt hinter Co-Parenting

Ravensburg / Lesedauer: 9 min

Co-Elternschaft ist eine Familienform, bei der sich zwei Menschen den Kinderwunsch erfüllen, obwohl sie kein Liebespaar sind. Ist das eine große Chance oder reiner Egoismus?
Veröffentlicht:09.01.2023, 05:00
Aktualisiert:09.01.2023, 07:43

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Thorsten will Vater werden. Ein Vorhaben, dass viele Männer wie er mit Mitte 30 haben. Und eines, das auf den ersten Blick für den 37-Jährigen relativ leicht umzusetzen scheint. Schließlich arbeitet er seit Jahren als Koch auf dem Land in der Nähe von Stuttgart – geregeltes Einkommen, ruhiges Umfeld. „Ich habe schon länger einen Kinderwunsch“, sagt Thorsten.

Nur gestaltet sich der Plan, sein eigen Fleisch und Blut in diese Welt zu setzen, für ihn etwas schwieriger als für viele andere Männer in seinem Alter. Denn Thorsten ist homosexuell, führt schon seit zehn Jahren eine Beziehung mit seinem Partner. Eine Adoption? Eher schwierig. Zum einen will sein Partner keine Kinder, zum anderen sei eine Adoption als homosexuelles Paar gar nicht so einfach. „Da ist man ganz unten auf der Adoptionsliste.“

Neue Form der Familienbildung

Doch er hat einen neuen Weg gefunden: Co-Parenting. Zwei Personen, die in keinem Liebesverhältnis zueinander stehen, treffen sozusagen die Vereinbarung, gemeinsam Eltern zu werden. Einfach gesagt: Mann und Frau – egal welcher sexuellen Orientierung – wollen beide ein Kind bekommen. Ihre aktuelle Lebenssituation ermöglicht ihnen diesen Plan aber nicht. Mit einer Co-Elternschaft erfüllen sich beide den Kinderwunsch.

Aber das Modell ist umstritten. Vor allem im ländlichen Raum sei das Bild von Vater, Mutter und Kind noch stark in den Köpfen verankert, meint Thorsten. „Deswegen habe ich mein Vorhaben mit der Co-Elternschaft auch bislang nur engen Freunden gesagt“, erklärt er. Seinen Eltern zum Beispiel noch nicht – auch ein Grund warum Thorsten nicht will, dass bei dieser Geschichte sein Nachname genannt wird.

Plattform vermittelt

Allermeistens findet man Menschen, die auf ein solches Familienmodell Lust haben, nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft. Es gibt eine Plattform dafür im Internet: familyship. „Anfang dieses Jahres habe ich mich da angemeldet“, sagt Thorsten. familyship ist eine Art Dating-Plattform für Menschen mit dem gleichen Wunsch: ein eigenes Kind zu haben, obwohl es die aktuelle Beziehungssituation eigentlich gerade nicht zulässt.

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Thorsten ist dort relativ schnell fündig geworden: ein lesbisches Pärchen, das rund 200 Kilometer weg von ihm wohnt, beide etwa in Thorstens Alter. Dann ging alles ganz schnell: „Wir haben einen Video-Anruf gemacht, um uns kennenzulernen. Wir waren voll auf einer Wellenlänge“, sagt Thorsten. Es folgte ein persönliches Treffen, ebenfalls erfolgreich. Dann war für Thorsten relativ schnell klar: „Mit einer der beiden will ich mein Kind bekommen.“

Über 7000 aktive Mitglieder

Auch Christine Wagner schätzt die Vielseitigkeit beim Modell der Co-Elterschaft – muss sie ja auch, schließlich hat sie die Plattform „familyship“ 2011 gegründet. Wagner war zu dieser Zeit selbst in der Lage, in der sich Thorsten heute befindet. Sie wollte ein Kind mit ihrer Partnerin, aber nicht zur Samenbank gehen. „Das hatte irgendwie alles so einen schmuddeligen Touch“, sagt sie. Deswegen hat sie ganz pragmatisch selbst eine Vermittlungsseite ins Leben gerufen.

Auch nach über zehn Jahren ist familiyship noch immer recht konkurrenzlos, sagt Wagner. Rund 7000 aktive Mitglieder sind auf der Seite angemeldet. Einen Monat kostet 29, ein halbes Jahr 49 und eineinhalb Jahre 60 Euro.

Verschiedene Gründe für Kinderwunsch

Für Wagner ist es wichtig, dass sich der Kinderwunsch emanzipiert. Viele Personengruppen wären aufgrund ihrer persönlichen Lebenssituation vom Traum einer Familie ausgeschlossen. Dann zählt sie Beispiele auf: „Getrennte Mütter, die für ein Kind ein Geschwisterchen suchen. Heterosexuelle Paare, bei denen eine Person zeugungsunfähig ist, die sich aber ein Kind wünschen.“ Außerdem seien auch viele Single-Menschen auf der Plattform, die noch nicht den richtigen Partner gefunden haben, aber schon bereit für ein Kind sind.

Es gebe „super viele Kombinationen“, die alle „super individuell“ sind. Es sei die große Chance bei solchen Familienmodellen, in kein bestimmtes Raster passen zu müssen. „Man darf einen Kinderwunsch haben und sich fragen, wie kann ich den für mich am besten realisieren. Es gibt dafür einen Blumenstrauß an Möglichkeiten“, sagt Wagner.

Rechtliche Situation problematisch

Doch rechtlich ist dieser Blumenstrauß zumindest noch nicht abgedeckt. Allen voran: Mehr als zwei Erwachsene können nicht die Sorge für ein Kind tragen. In Konstellationen wie die von Thorsten, der mit einem lesbischen Paar ein Kind haben möchte, bleiben nur zwei Optionen: Entweder er und die leibliche Mutter des lesbischen Paares sind allein sorgeberechtigt für das Kind, oder Thorsten gibt sein Sorgerecht sozusagen ab und erlaubt der Partnerin der Mutter ein Stiefkind-Adoptionsrecht.

Thorsten hat sich für die letzte Option entschieden. „Wenn ich das nicht mache, dann ist die Partnerin rechtlich eine komplett Fremde. Das soll sie nicht sein, auch einfach, um mit dem Kind ins Krankenhaus oder aufs Amt gehen zu können“, sagt Thorsten. Im Gegenzug habe er die vertragliche Sicherheit, das Kind immer zu sehen.

Die werde aber im schlimmsten Fall vor Gericht nicht immer als gültig angesehen, weil die Rechtslage aktuell nur zwei Sorgeberechtigte erlaubt. „Es ist einfach noch sehr viel gesetzliche Grauzone. Ein Vertrag über ein Baby ist quasi immer nichtig“, erklärt Thorsten. Im Endeffekt könne das Kind oder die Mutter beispielsweise auch Unterhalt einfordern. Thorsten muss den beiden Damen also viel Vertrauen entgegenbringen.

FDP will Verantwortungsgemeinschaft

„Die Politik muss offener sein für das Thema Kinderwunsch“, fordert familyship-Gründerin Christine Wagner. Es brauche einen rechtlichen Rahmen. Das juristische Stichwort lautet Verantwortungsgemeinschaft – also eine Sorgepflicht für ein Kind von mehreren Parteien. Das müsse kommen, „denn Familie muss weiter gedacht werden. Familie ist nicht mehr nur Vater, Mutter, Kind und Ehe. Das sieht heutzutage einfach anders aus“, so Wagner. Das Rechtssystem hinke dem hinterher. „Ich glaube, dass die Gesellschaft im Moment in weiten Teilen schon weiter ist als die Politik“, sagt sie.

Die Ampel allerdings plant genau so eine Verantwortungsgemeinschaft. Allen voran die FDP , die bereits im Januar 2020 noch als Oppositionspartei einen entsprechenden Antrag in den Bundestag eingebracht hatte. Jetzt führen die Liberalen das Justizministerium. Wann das Vorhaben umgesetzt wird, ist noch unklar.

Wie es bei Thorsten weitergeht

Thorsten will mit der späteren Mutter Anfang 2023 das Kind zeugen – auch wenn er mit ihr keinen Tag X ausgemacht habe. Sie haben sich auf die sogenannte Bechermethode geeinigt. Bedeutet: Thorsten gibt sein Sperma in einem Becher ab, die werdende Mutter erledigt den Rest zuhause sozusagen selbst. Das Kind soll später bei den beiden Frauen aufwachsen, die rund zwei Autostunden von Thorsten entfernt wohnen – geografische von Beginn an also weit vom Vater getrennt, wie so häufig bei diesen Modellen.

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Das ist für viele ein großer Kritikpunkt. Denn ein Kind braucht gerade in der frühen Lebensphase eine sichere Bindung, um sich physisch und psychisch gut entwickeln zu können. „Man geht davon aus, dass die ganz frühen Bindungserfahrungen in fundamentaler Weise die spätere Gesundheit, Beziehungsfähigkeit und Stressresilienz eines Menschen beeinflussen“, sagt Elisabeth Renz . Sie ist seit 1999 als Sozialpädagogin und systemische Familientherapeutin bei der Adoptions-Fachstelle des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig.

Wichtige erste Phase bei Kindern

Ein Kind brauche deswegen schon im Säuglingsalter mindestens eine Hauptbezugsperson. „Wenn in dieser Phase ständig die Personen wechseln, dann kann sich das Kind kaum an eine Person sicher binden. Wenn es viele gleichrangige Personen gibt, dann kann das zu einer Bindungsstörung führen“, so Renz. Das Kind müsse sich auf seine Bezugspersonen verlassen können.

Zuverlässigkeit gestaltet sich aber schwieriger, wenn die Eltern getrennt sind – bei einer Co-Elterschaft ist das in den allermeisten Fällen von Anfang an der Fall. Wenn es die Eltern schaffen, in einer friedlichen Co-Existenz zu leben, meint Renz, sei das für das Kind kein Problem. „Aber wenn die Eltern innerlich das Bedürfnis haben, dass das Kind mich mehr liebhaben sollte als das andere Elternteil, dann spüren Kinder das eindeutig.

Wenn Erwachsene in Konkurrenz miteinander gehen, dann entsteht ein Loyalitätskonflikt für das Kind, weil es das Gefühl hat, sich entscheiden zu müssen“, so die Sozialpädagogin.

Verantwortung und Zuverlässigkeit elementar

Bei einer Co-Elternschaft wie bei Thorsten ist im Vorfeld die Rollenverteilung der Eltern oftmals zwar klar aufgeteilt. Allerdings sehe es nach der Geburt häufig anders aus, so Renz. „Oft laufen die Erwachsenen Gefahr, dass sich durch ein Kind neue Emotionen auftun und die Erwachsenen Co-Eltern dann in Konkurrenz kommen.“

Wichtig ist für Renz, dass „nicht das Kind dafür verantwortlich gemacht wird, dass die Erwachsenen ein zufriedenes und glückliches Leben haben,“ Kein Kind sei dafür verantwortlich, dass es den Erwachsenen gut geht. „Erwachsene sind dafür verantwortlich, dass es dem Kind gut geht.“

„Wenn man sich einmal für eine Elternschaft entschieden hat, dann kommt man aus der Nummer nicht mehr raus. Da hat man eine lebenslängliche Verantwortung übernommen“, sagt auch Esther Stroe-Kunold, stellvertretende Leiterin der Psychologischen Beratungsstellen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Man müsse schon bereit sein, für die psychische Entwicklung des Kindes verfügbar zu sein. Wichtig sei, den Kindern einen Rahmen zu geben, in dem sie sich orientieren können.

Probleme auch bei Co-Eltern-Konstellationen

„Ich bin völlig wertfrei was Elternschaftsmodelle angeht. Es geht darum, dass sich Kinder orientieren können und um eine strukturelle Verlässlichkeit für die Kinder“, sagt Stroe-Kunoald. „Aber es menschelt immer und wir sind alle wahnsinnig kränkbar.“ Natürlich komme es auch in Co-Eltern-Konstellationen zu Ärger oder zu Konkurrenz. „Dann gilt einfach die Regel: Erwachsenen-Themen unter den Erwachsenen klären und Kinder nicht in einen Loyalitätskonflikt bringen.“

Aber das gelte auch bei klassischen Familienkonstellationen: Die Logik, dass Eltern um jeden Preis zusammen bleiben müssen – „auch da haben Kinder häufig darunter gelitten“, so Stroe-Kunold. Klarheit, Bindungssicherheit und Verlässlichkeit – das sei bei jeder Elternschaft der Schlüssel.

Thorstens Wunschkind

Thorsten behauptet, sich seinen Kinderwunsch sehr genau überlegt zu haben. Er könne Kritik verstehen, die sich auf rechtliche Hürden beziehe. „Aber die Leute, die über das Konzept richten, sind meistens gar nicht in der Lage darüber zu urteilen, weil sie eben nicht in dieser Haut stecken“, sagt er. In seinem Familien-Modell werde das Kind von so vielen Menschen sehr gut umsorgt. „Und es ist ein absolutes Wunschkind.“