StartseiteRegionalOberschwabenRavensburgNeue Chefin im Ravensburger Gefängnis: Diese Frau passt auf 400 Straftäter auf

Nichts für schwache Nerven

Neue Chefin im Ravensburger Gefängnis: Diese Frau passt auf 400 Straftäter auf

Ravensburg / Lesedauer: 3 min

Die 50-jährige Ellen Albeck leitet seit Oktober die Justizvollzugsanstalt Ravensburg in Hinzistobel. Im Knast ist sie durch einen Zufall gelandet.
Veröffentlicht:09.12.2023, 08:00

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In ihrem Büro hängt ein Gemälde in leuchtendem Gelb und Orange. Es soll die Sonne symbolisieren, mit ihrer Wärme, Kraft und Freundlichkeit - alles Begriffe, die einem auch zu Ellen Albeck einfallen. Wer sich unter der Chefin im Knast eine knallharte Juristin vorstellt, irrt. Von ihrer Arbeit mit den gefährlichen Jungs merkt man der 50-Jährigen nichts an.

Mörder, Vergewaltiger, Bankräuber: 400 verurteilte Verbrecher sitzen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Ravensburg in Hinzistobel ein. Die letzte Verantwortung für sie alle trägt Ellen Albeck, die zum 1. Oktober die Anstaltsleitung von Thomas Mönig übernahm.

Dieser Job ist nichts für zart Besaitete,

sagt Albeck.

 Täglich muss sie mit einer Fülle von Schicksalen umgehen, und zwar sowohl mit denen der Täter samt ihrer gebrochenen Biografien und Drogensüchten als auch mit den Schicksalen der Opfer. Zu ihrem Alltag gehören außerdem gewaltsame Übergriffe von Gefangenen auf Bedienstete und Mit-Häftlinge.

Manche Häftlinge sind durch nichts zu erreichen

Ihre langjährige Erfahrung im Strafvollzug hat Ellen Albeck realistisch gemacht. Inzwischen freut sie sich über kleine Erfolge der Gefangenen, etwa einen bestandenen Gabelstaplerführerschein. Sie musste lernen, dass manche Straftäter durch nichts zu erreichen sind. Diese Erkenntnis ist für Albeck, die sich trotz allem „Idealistin“ nennt, schwer zu verkraften. Zumal ihre oberste Maxime lautet, den Gefangenen Wissen und praktische Fähigkeiten für die Zeit nach der Haft zu vermitteln und hierfür mit Psychologen, Lehrern, Ärzten und Sozialarbeitern kooperiert.

Zum Angebot in Ravensburg gehören Ausbildungen in Metallberufen und im Schreinerhandwerk, daneben aber auch im Maler- und Kfz-Bereich. Darüber hinaus gibt es verschiedene Kurzqualifikationen. Ansonsten arbeiten die Gefangenen in Montagebetrieben. „Diese Männer brauchen Alternativen zur Straffälligkeit“, sagt Albeck.

Dass die Arbeit im Gefängnis einmal ihre Berufung werden würde, hätte sie sich als junge Frau nie träumen lassen. Ellen Albeck wuchs mit zwei älteren Geschwistern in Waiblingen in einer nicht-akademischen Familie auf. Abitur und Jura-Studium in Tübingen waren da nicht unbedingt vorgezeichnet. Doch sie interessierte sich früh für Strafrecht, wollte zur Staatsanwaltschaft.

Kurz vor dem Zweiten Staatsexamen erhielt sie einen Anruf aus dem Justizministerium mit der Frage, ob sie sich die Arbeit im Strafvollzug vorstellen könne. 2001 stellte sie sich in der JVA Ravensburg beim damaligen Anstaltsleiter Georg Rosenfeld vor. Diese Begegnung begeisterte die damals 26-Jährige nachhaltig für die Arbeit im Strafvollzug. „Ich hatte aber auch Ängste, ob ich das überhaupt kann“, sagt sie.

Steile Karriere im Strafvollzug

Im Juli 2001 startete Albeck ihre Laufbahn als Vollzugsleiterin dort, wo sie nun wieder zurückgekehrt ist, nämlich in Ravensburg. Bereits im November 2002 stieg sie zur stellvertretenden Anstaltsleiterin auf. Nach einer einjährigen Abordnung an die Staatsanwaltschaft Stuttgart war sie ab Juli 2006 stellvertretende Anstaltsleiterin in Schwäbisch Hall. Im Juli 2007 übernahm sie die Leitung der JVA Konstanz und zusätzlich ab November 2014 die der JVA Waldshut-Tiengen. Als der erneute Ruf nach Ravensburg kam, stand ihre Entscheidung schnell fest.

Rund 400 verurteilte Straftäter sitzen in der JVA Hinzistobel ein. Jeder, auch Besucher, müssen vor dem Betreten den Metalldetektor passieren.
Rund 400 verurteilte Straftäter sitzen in der JVA Hinzistobel ein. Jeder, auch Besucher, müssen vor dem Betreten den Metalldetektor passieren. (Foto: Emmrich, Sibylle)

Zumal ihr in Ravensburg spannende Jahre bevorstehen. Unter anderem wird das Gefängnis ausgebaut und saniert, werden die Logistik erweitert, die Küche erneuert sowie diverse Arbeitsbereiche vergrößert. Die Zahl der Haftplätze soll von 400 auf 600 steigen.

Yoga, reisen und Kunst als Ausgleich zum Knast

Ihre Motivation zieht Ellen Albeck aus der Überzeugung, mit dem Strafvollzug eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen. „Die Bürger haben einen Anspruch darauf, sicher zu leben. Andererseits sind die Gefangenen ein Teil der Gesellschaft und müssen irgendwann wieder raus. Mit dieser Ambivalenz umzugehen, empfinde ich als Herausforderung.“

Um Abstand zur Arbeit zu gewinnen, versucht die 50-Jährige, den Beruf nach Dienstende mit dem Schlüssel abzugeben. In ihrer Freizeit bereist sie die Welt, insbesondere Asien hat es ihr angetan. Zudem liest sie gerne, besucht Museen und praktiziert Yoga. So gelingt es ihr, auch am nächsten Tag wieder Kraft und Wärme auszustrahlen.