Leckerkuchen

Die „Leckerkuchen“ aus Ravensburg

Ravensburg / Lesedauer: 3 min

Lebkuchenweiblein boten das Gebäck in der Reichsstadt an – Auch für medizinische Zwecke eingesetzt
Veröffentlicht:23.12.2018, 20:43
Aktualisiert:22.10.2019, 13:00

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Heutzutage ist es nicht mehr in Mode, sich an Neujahr etwas zu Schenken, dafür steht Weihnachten an erster Stelle. Das war in vergangenen Zeiten, als Ravensburg noch Reichsstadt war, ganz anders. Damals erhielten vor allem Amtsträger für ihre, während des vergangenen Jahres treu geleisteten Dienste, zu Neujahr eine Gratifikation, die unter anderem auch Lebkuchen beinhalten konnte.

Egal ob Turmbläser, Nachtwächter, Ratsdiener oder Stadtschreiber, sie alle dürften die Anerkennung gleichzeitig als Motivation für ein neues Dienstjahr aufgefasst haben. Neben Geldgeschenken waren vor allem Lebensmittel wie Käse, Wild oder Fische gebräuchlich. Ein ganz besonderes Geschenk waren Lebkuchen, die bereits 1447 im Ravensburger Stadtrecht in diesem Zusammenhang genannt sind. Lebkuchen waren aber auch beliebte Patengeschenke oder wurden am Ende des Jahres als Abschluss von Sitzungen aufgetischt.

Teure und exklusive Zutaten

Dass dieses süße Brot bis heute etwas ganz Besonderes ist, zeigen die Zutaten, die einst sehr teuer und exklusiv waren. Neben einer großen Menge Honig, die zunächst erwärmt wurde, gehörten Mehl, Kirschwasser und eine ganze Reihe exotischer, teurer Gewürze wie Kardamom, Nelken, Zimt, Muskatblüte, Zitronat, Pomeranzenscheiben und Mandeln zu den Hauptbestandteilen dieses Gebäcks, das in der Schweiz dem Monat Dezember den Namen Lebküchleinmonat gegeben hat.

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Der 1498 erstmals in Augsburg bezeugte Christkindelmarkt hieß zuerst Lebzeltenmarkt, weil dort zehn Lebkuchenstände ihre Waren anboten. Während die Lebkuchenbäcker in Städten wie Ulm einen eigenen Berufszweig innerhalb der Bäckerzunft einnahmen, war dies in Ravensburg nicht der Fall. Dort war es Brauch, dass jedermann Lebkuchen herstellen durfte. Das erstaunte den Lebkuchenbäcker Daniel Schreyvogel aus Ulm, der 1709 eine Ravensburgerin heiraten wollte und daher das Ravensburger Bürgerrecht beantragte, das man ihm auch zuteil werden ließ – nur als Lebkuchenbäcker konnte er hier nicht arbeiten. Er fand daher als Zuckerbäcker in der Reichsstadt an der Schussen ein neues Auskommen.

Spezieller Honigmarkt

Wer Lebkuchen backen wollte, konnte den Honig, von dem große Mengen benötigt wurden, auf dem Hl.-Kreuz-Markt erwerben, der als spezieller Honigmarkt alljährlich am 14. September bis zum Jahr 1663 in Ravensburg abgehalten wurde. Danach fand der Rohrzucker aus Südamerika immer mehr Verbreitung, sodass in den Lebkuchenrezepten des 18. Jahrhunderts nicht mehr ausschließlich Honig, sondern zusätzlich immer mehr Rohrzucker verwendet wurde. Im Augsburger Kochbuch aus dem Jahr 1787 finden sich weitere Rezeptvarianten, darunter auch Lebkuchenteige, die nun ausschließlich mit Zucker gesüßt waren. Alle diese Spielarten wurden entweder flach auf Oblaten gestrichen oder in Figurenmodel gedrückt.

Der Name des Lebkuchens entwickelte sich aus seiner ursprünglichen Bezeichnung „Leckkuchen“ beziehungsweise „Leczelten“ und deutet darauf hin, dass das Gebäck im wahrsten Sinne des Wortes eine „Leckerei“ darstellt. In der Schweiz und im Konstanzer Kochbuch aus dem Jahr 1824 werden Lebkuchen daher als Leckerli bezeichnet. Berühmt sind bis heute die Basler Leckerli.

Lebkuchen als Kochzutaten

In Ravensburg wohnten und arbeiteten 1663 zwei Lebzelter-Weiblein namens Maria Guetin und Maria Rueffin, die Lebkuchen selbst herstellten und verkauften. Lebkuchen wurden jedoch nicht nur als Schleckereien geschätzt. Bereits im 15. Jahrhundert benutzten versierte Köche die damals noch recht harten Lebkuchen zum Andicken von Soßen, Suppen und Sulzen, außerdem setzte man Lebkuchen für medizinische Zwecke ein, wenn sie mit Pfeffer, Zimt, Natternwurz, Kümmel, Petersiliensamen oder Bärwurz gewürzt waren und damit unter anderem gegen Schwangerschaftsbeschwerden oder Bauchgrimmen wirkten.

Die Ravensburgerin Marie Schmidt, die 1854 ein gedrucktes Kochbuch bei der Dorn’schen Buchhandlung herausgab, kannte inzwischen neben den berühmten Basler und Nürnberger Lebkuchen auch Lebkuchenrezepte mit aufgeschlagenen Eiern, mit Eischnee, Backtriebmittel oder gar mit Hefe.