StartseiteRegionalOberschwabenRavensburgTaugt die Schwäbische Alb als Biosphären-Vorbild für Allgäu-Oberschwaben?

Riesen-Chance oder Bürokratie-Monster?

Taugt die Schwäbische Alb als Biosphären-Vorbild für Allgäu-Oberschwaben?

Oberschwaben/Alb / Lesedauer: 9 min

Vom Tod der Landschaft bis zum Klima-Retter: Vier Persönlichkeiten, vier Meinungen zu Biosphärengebieten. Was die Allgäuer und Oberschwaben von den Älblern lernen können.
Veröffentlicht:27.11.2023, 07:00

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Soll in Oberschwaben und dem Allgäu ein neues Biosphärengebiet entstehen? Eine heiß diskutierte Frage. Auf der Schwäbischen Alb gab es die Debatte schon vor mehr als 15 Jahren, dort ist das Biosphärengebiet inzwischen etabliert. Was können die Allgäuer und Oberschwaben von den Älblern lernen?

Was zeichnet ein Biosphärengebiet aus?

Zunächst einmal: Die Sache will gut überlegt sein. Jedes Biosphärengebiet besteht zu mindestens drei Prozent aus Wildnisgebieten, sogenannten Kernzonen. Hier ist Landwirtschaft, sogar Landschaftspflege, unerwünscht. Auf der Alb gilt das für den ehemaligen Münsinger Truppenübungsplatz. In Oberschwaben sollen bestehende Naturschutzgebiete, insbesondere Moore, Wildnisgebiete werden.Hinzu kommen Pflegezonen, und zwar mindestens zehn Prozent des Biosphärengebiets. Das könnten zum Beispiel jetzige Landschafts- oder Vogelschutzgebiete sein. Einschränkungen gibt es in den Pflegezonen zum Beispiel beim Einsatz von Spitzmitteln.

Wie konnte die Alb profitieren?

Ein Biosphärengebiet bringt eine neue Wahrnehmung für eine Region mit sich. Auf der Alb entstanden Marken wie „Albgemacht“. Erzeuger können dadurchfür Honig, Wolle, Getreide und Co. im Vergleich zu Supermarktprodukten hohe Preise verlangen. Und auch das Gastgewerbe auf der Schwäbischen Alb hat durch das Biosphärengebiet einen Schub bekommen.

Was sind die Chancen im Kreis Ravensburg?

Dem Tourismus in Oberschwaben, das sich als „zwischen Alb und Bodensee“ beschreibt, könnten solche identitätsstiftenden Initiativen gut tun. Im württembergischen Allgäu hingegen sind sie - dank einiger Vorarbeit auf bayerischer Seite - in der Vermarktung ihrer Region schon weiter. Andere Gewerbetreibende, etwa in der Industrie, sehen ein Biosphärengebiet kritisch. Die Haltung dort: Idylle allein, schaffe keine Arbeitsplätze.

Um welche Fragestellungen geht es?

Aber geht wirtschaftliche Entwicklung in der Region nicht auch nachhaltig? Und könnte zur Verbindung von Ökologie und Ökonomie ein Biosphärengebiet der Schlüssel sein? Oder ist es ein Bürokratiemonster, das dem Naturschutz unterm Strich kaum nützt?

Wen hat Schwäbische.de gefragt?

Vier Persönlichkeiten - zwei von der Schwäbischen Alb, zwei aus Oberschwaben - haben Schwäbische.de ihre Haltung zu Protokoll gegeben.

Alfons Köhler ist seit der ersten Stunde beim Biosphärengebiet auf der Alb dabei. Er ist Gastronom und zertifizierter Partner des Biosphärengebiet. Sein Gasthof „Krone“ in Ehingen-Dächingen (Alb-Donau-Kreis) hat offensichtlich davon profitiert. Köhler weiß aber auch, dass sich die Sorgen, die manche bezüglich des Reservats hatten, größtenteils nicht bewahrheiteten haben.

Interessant ist, dass von der Großen Kreisstadt Ehingen durch die Randlage an der Alb nur einzelne Ortsteile zur Biosphäre gehören. Zehn Autominuten von Köhlers „Krone“ entfernt kann die Stadt also beachtliche 50 Hektar neue Industrieflächen ausweisen und sich so noch mehr Gewerbesteuer vom Kranenbauer Liebherr erhoffen.Doch auch auf der Alb will nicht jeder zum Biosphärengebiet gehören.

Die Gemeinderäte der Stadt Laichingen (ebenfalls im Alb-Donau-Kreis) haben sich Anfang des Jahres in einer knappen Entscheidung gegen den Beitritt ausgesprochen. Stadtrat Ulrich Rößler („Bürgerliche Wählervereinigung“) ist froh, dass Laichingen nicht zum Biosphärengebiet gehört - auch, wenn er es grundsätzlich für eine gute Sache hält.

In Oberschwaben steht beispielsweise Michael Fick einem Biosphärengebiet skeptisch gegenüber. Der Förster des Fürsten von Waldburg-Zeil hat in der „Allianz der Landbesitzer und -bewirtschafter“ Mitstreiter versammelt. Sie sind sich sicher, dass auch in Pflegezonen Einschränkungen für die Bewirtschafter drohen. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Situation im heutigen Oberschwaben unterscheide sich stark von der auf der Schwäbischen Alb zu Beginn des Jahrtausends.

„Da geht noch mehr“ sagt mit Blick auf nachhaltiges Wirtschaften Siegfried Roth. Der Leiter des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried engagiert sich bei den „Biosphären-Botschaftern“, einer Gruppe, die sich für das geplante Gebiet stark macht. Roth findet, dass die Bauern durch das Biosphärengebiet eine Chance hätten, raus aus „der Spirale der aktuellen Agrarpolitik“ zu kommen. Und das Potenzial zur CO2-Speicherung in den oberschwäbischen Mooren sei noch lange nicht ausgeschöpft. Wenn die im Mittelpunkt eines neuen Biosphärengebiets stünden, könnte das ein massiver Beitrag zum Klimaschutz sein, meint er.

„Die Jungen brauchen eine Perspektive in der Heimat“

Alfons Köhler
Alfons Köhler, Partner des Biosphärengebiets Schwäbische Alb und Wirt in Ehingen-Dächingen.
Alfons Köhler, Partner des Biosphärengebiets Schwäbische Alb und Wirt in Ehingen-Dächingen. (Foto: Meistervereinigung)

Alfons Köhler: „Bei uns ging alles mit dem Rückzug der Bundeswehr vom Truppenübungsplatz in Münsingen los. Da gab es viele Überlegungen für die Nachnutzung: von einem Riesen-Industriegebiet bis zu einem reinen Naturschutzgebiet. Die Menschen wurden damals mitgenommen in die Debatte. Das hat mir von Anfang an gefallen.

Im ländlichen Raum gab es damals den Trend, dass die Jungen weggegangen sind. Wir wollten also etwas, das Identität schafft. Gute Arbeitsplätze, auch in der Industrie, haben wir. Aber es braucht eine Bezugsebene, etwas wo das Herz hingehört, Heimat. Das für die jungen Leute zu schaffen, war die Aufgabe meiner Generation: Wir müssen Gründe liefern zum Bleiben. Man macht so einen aufwendigen Prozess ja nicht, damit der Schultes ein Projekt durchsetzen kann, sondern man macht es für seine Jungen.

Natürlich hatten viele in der Land- und Forstwirtschaft Ängste, etwas zu verlieren. Stand heute hat sich das nicht bewahrheitet. Aber übermorgen kann natürlich jemand aus Brüssel kommen und sagen, dass das Biosphärengebiet als Gebietskulisse mit irgendwelchen Auflagen oder Verboten versehen wird. Aber bei uns war es in den vergangenen zwölf Jahren eben nicht so.

Das Biosphärengebiet hat viel angeschoben. Ich mach nicht mit, damit ein Tourist aus Frankfurt oder Hamburg zu uns kommt. Das tut einem zwar gut. Aber der Sinn der Sache ist: Die Menschen von hier sollen in ihrer Region ihre Freizeit mit ihrer Familie am besten in der Natur verbringen können. Und das, ohne wegzufahren.“

„Ich sehe keinen Mehrwert für unsere Region“

Michael Fick
Michael Fick, Förster und Sprecher der Allianz der Landbesitzer und -bewirtschafter.
Michael Fick, Förster und Sprecher der Allianz der Landbesitzer und -bewirtschafter. (Foto: Paul Martin)

Michael Fick: „Oberschwaben ist gut in der Verbindung von gezieltem, effektivem Naturschutz und gezielter, produktiver Landwirtschaft. In einem Biosphärengebiet ist aber beides zusammen nicht möglich.

Wir sind heute schon bei vielem weiter als die Schwäbische Alb mit ihrem Biosphärengebiet. Wir sind Biomusterregion, Biodiversitätslandkreis, haben Initiativen wie die „Landzunge“ und den Landschaftserhaltungsverband. Auch ein überregionales Radwegenetz gibt es längst. Die Touristiker klagen über Personalnot und überbordender Bürokratie, nicht über mangelnde Nachfrage. I

n einem Biosphärengebiet hat man bei allem, was in den vergangenen drei Jahren an Bedeutung gewonnen hat, weniger Möglichkeiten: beim Ausbau der erneuerbaren Energien, bei der Entwicklung von Nahwärme durch schlagkräftige Biogasanlagen und bei der sicheren Versorgung mit regional erzeugten Lebensmitteln.

Die Mittel sollten besser in effiziente Projekte, etwa beim Moorschutz, fließen. Ein Biosphärengebiet hingegen verhindert viel Sinnvolles: Man kann in der Pflegezone keine wiedervernässte Fläche mit Agri-PV-Anlagen ausstatten - obwohl das von Robert Habeck gewünscht und eine Win-Win-Win-Situation für Klima, Artenvielfalt und Landbesitzer ist.

Wir wollen die Gestaltungsspielräume, Handlungsfreiheit und Verantwortung für die Region in der Region halten. Ich sehe nach mehr als zwei Jahren intensiver und konstruktiver Mitarbeit am Prozess keinen Mehrwert, den diese Region nicht auch ohne ein Biosphärengebiet erzielen kann.“

„Die Alb-Bauern profitieren von den neuen Produkten“

Siegfried Roth
Siegfried Roth, Leiter des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried und „Biosphären-Botschafter“.
Siegfried Roth, Leiter des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried und „Biosphären-Botschafter“. (Foto: Biosphären-Botschafter/Morlok)

Siegfried Roth: „Ich komme von der Schwäbischen Alb und kenne mich im dortigen Biosphärengebiet gut aus. Es ist natürlich ein anderer Naturraum. Aber man kann trotzdem viel von dem lernen, was dort angestoßen wurde.

Es wurde eine richtige Marke geschaffen. Vom Erzeugen dieser neuen Produkte profitieren vor allem die Landwirte. Und das Projekt erhält gleichzeitig die Natur. Ich könnte mir auch hier vorstellen, dass man anfängt, alte Kulturpflanzen wieder einzuführen. Lein und Hanf zum Beispiel. Aber auch beim Käse gibt es bisher nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten.

Im Umfeld des Wurzacher Riedes gibt es zum Beispiel Wasserbüffel, da wird aktuell aber nur das Fleisch, nicht die Milch vermarktet. Man könnte durch eine Vermarktungskooperation Mozzarella, quasi „Moorzarella“, herstellen und gleichzeitig die Beweidung ausdehnen. Ein Beitrag zum Moorschutz. Solche Ideen zu erdenken und umzusetzen, funktioniert in einem Biosphärengebiet. Und keine Region ist so gut, dass sie hier nicht noch mehr tun könnte.

Ein Biosphärengebiet bietet Chancen für diejenigen, die aus der Spirale der konventionellen Landwirtschaft raus wollen. Für das und noch viel mehr kann ein Biosphärengebiet Fördermöglichkeiten nutzen.

Wichtig ist: Der Kreis Ravensburg hat 80 Prozent der Moore im Land. Die können wiedervernässt werden und dann in intaktem Zustand CO2 speichern. Das wäre ein immenser Beitrag zum Klimaschutz. Die deutschen Moore setzen aktuell so viel CO2 frei wie der Flugverkehr, weil sie austrocknen.“

„Berufslandwirtschaft in Laichingen wäre tot“

Ulrich Rößler
Ulrich Rößler, Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Laichingen.
Ulrich Rößler, Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Laichingen. (Foto: Archiv/PR)

Ulrich Rößler: „Für Laichingen wäre der Beitritt zum Biosphärengebiet „Schwäbische Alb“ ökonomisch und ökologisch nicht sinnvoll gewesen. Deshalb bin ich froh, dass sich der Gemeinderat mehrheitlich dagegen ausgesprochen hat. Als Pro-Argument heißt es oft, dass bestimmte Projekte in einem Biosphärengebiet finanziell unterstützt werden. Das wiegt in unserem Fall aber nicht auf, was man an Geld einbringen und an gesundem Wirtschaftswald stilllegen muss.

Den Wert des Biosphärengebiets an sich streitet bei uns niemand ab. Für Laichingen hätte es aber keinen Sinn ergeben, beizutreten. Wir haben die Hang- und Schluchtwälder nicht, die es in anderen Gemeinden gibt. Dort ist man froh, wenn man solche Wälder in die Kernzone geben kann und dann auch noch Geld bekommt. Bei uns hätte es aber der beste Gemeindewald sein sollen, in dem man dann kein Bau-, Möbel-, oder Brennholz mehr entnehmen dürfte. Ökologisch ist es Quatsch, so etwas zu machen und das Holz, das man braucht, dann aus Rumänien anzukarren.

Ich weiß nicht, ob man die Situation bei uns, wo es um einen Beitritt ging, mit der Neuentwicklung eines Biosphärengebiets in Oberschwaben vergleichen kann. Aber ein großes Argument bei uns war: Die Bauern haben davor gewarnt, dass die EU das ganze Biosphärengebiet als ein Schutzgebiet ansehen und mit Auflagen versehen könnte. Dreiviertel von unserer landwirtschaftlichen Fläche hätte die EU mit einem Federstrich unrentabel machen können. Berufslandwirtschaft in Laichingen wäre dann tot.“