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Beethoven trug Echthaar, Wagner schrieb unfreiwillig komische Texte

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Bei der Vorlese-Premiere im Kulturgut Ittenbeuren geben farbige Socken Rätsel auf. Neben Beethofen und Wagner spielt auch Verdi eine Rolle.
Veröffentlicht:01.12.2023, 06:00

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Premiere in Ittenbeuren: Beim 12. Herbstprogramm im Kulturgut sind erstmals Christoph Stehle und Matthias Grewe aufgetreten. Der Referent für Öffentlichkeitsarbeit und der Direktor des Ravensburger Amtsgerichts haben sich als grandiose Vorleser erwiesen. Mit Texten, die um Musik und Musiker kreisen, haben sie rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörern einen vergnüglichen Abend bereitet.

„Erlesene Musik“, so haben die beiden Vorleser ihr Programm genannt. Grewe beginnt mit einem Roman. Er liest Szenen aus Thommie Bayers „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“, und schildert, wie Michael Lieder schreibt für die Sängerin Erin, die jedoch nicht wissen darf, woher die Lieder kommen, mit denen sie berühmt wird. Das Publikum lässt beim Zuhören die Blicke schweifen und viele bleiben dabei an den Socken der beiden Vorleser hängen: Stehle trägt leuchtend rote Socken, bei Grewe sind sie ebenso knallig, aber pink. Ob die Socken im weiteren Programm noch eine Rolle spielen werden, gar eine Botschaft vermitteln sollen?

Worauf Beethoven Wert legte

Weiter geht es mit Beethoven. Auf der Grundlage von Ulrich Stehles Biografie „Die zwei Leben des Ludwig van Beethoven“ informiert Stehle über den „Revolutionär aus Bonn“, der sich als Künstler empfunden habe, während Komponisten bis dahin als Handwerker gegolten hätten. Das Publikum erfährt, dass Beethoven „Echthaar“ trug anstelle der damals üblichen Perücke, dass er Wert legte auf die „Promenade“ nach dem Essen, ab wann er Hörrohre benutzte und ab wann er wegen seiner Taubheit nur noch schriftlich kommunizieren konnte.

Bei Richard Wagner wirft Stehle die Frage auf: „Kann man die Kunst bewundern und den Menschen ablehnen?“ Stehle erinnert an Wagners Antisemitismus - und doch hätten jüdische Sänger seine Opern gesungen. Die Texte zu den Opern habe Wagner selbst geschrieben - Stehle entdeckt in ihnen auch unfreiwillige Komik. „Manches klingt völlig lächerlich ohne die Musik“, sagt er und liest aus der Rheingold-Oper die Szene mit Alberich und den Rheintöchtern vor, die beginnt mit „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala, weiala weia!“

Warum Verdi nur noch „Schundromane“ las

Danach geht es weiter mit Verdi. Stehle liest Auszüge aus Elke Heidenreichs „Eine Reise durch Verdis Italien“ und berichtet von einer eigenen Italienreise. Er beschreibt die Stimmung rund um das Eckhaus in Roncole Verdi, in dem der Komponist geboren wurde. Die Dorfkirche, in der Verdi Orgelspielen lernte, werde gerade restauriert - mit einer Reise dorthin sollte man bis zum nächsten Sommer warten, rät Stehle.

Er weiß zu berichten, dass Verdi an einem Seitenaltar in der Seitenkapelle der Kirche in Busseto getraut wurde. Nach dem Tod von Frau und Kindern habe Verdi vom Komponieren erstmal nichts mehr wissen wollen, sondern „nur noch Schundromane“ gelesen. Verdis eigentliche Leidenschaft sei die Landwirtschaft gewesen, der er sich auf seinem Landgut Sant'Agata gewidmet habe. Ob der Komponist dort auch Wein angebaut habe, sei jedoch nicht überliefert.

Chianti für das Publikum

„Sein Lieblingswein war Chianti“. Mit diesen Worten zieht Grewe eine Flasche hinter dem Bühnenvorhang hervor. Schade sei nur, dass Verdi das Klingen der Gläser und das Geräusch des Entkorkens nicht in seine Musik umgesetzt habe. Die beiden Vorleser stoßen mit ihren Chianti-Gläsern an und wenden sich dann ans Publikum: Sie hätten ohnehin ihre Gage für diesen Abend spenden wollen - und nun würden sie sie dem Publikum spenden. Jeder dürfe sich ein Glas Chianti nehmen. Um Punkt 21 Uhr stehen alle auf und holen sich den Wein.

Weiter geht es mit Szenen aus Robert Schneiders Roman „Die Offenbarung“, in dem ein Musikforscher im Inneren der Orgel der Naumburger Stadtkirche St. Wenzel ein verschollenes Spätwerk von Bach findet. Nach weiteren exakt 30 Minuten ist das Programm zu Ende. Was so lässig und oft wie ein entspanntes Gespräch rüberkommt, ist offenbar auf die Minute getaktet und durchgeplant.

Nicht „pink“, sondern von „episkopalem Magenta“

Ganz zu Ende ist der Abend damit noch nicht. Denn einigen Gästen lässt die Frage nach den farbigen Socken keine Ruhe. Der Gastgeber des Herbstprogramms im Kulturgut, Peter Frey, habe verlangt, dass sie nicht in Jeans auftreten, berichtet Stehle. Also hätten sie schwarze Hosen angezogen - sich aber abgesprochen, das Bild mit farbigen Socken aufzulockern. Sonst sei weiter keine Botschaft enthalten. Grewe ist es wichtig, klarzustellen, dass seine Socken nicht „pink“ seien, sondern von „episkopalem Magenta“. Das wird nachgeschlagen: episkopal bedeutet „bischöflich“. So bekommen die Gäste zum Bildungserlebnis in Sachen Musik noch ein schönes Wort mit auf den Weg.