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Kampagne gegen Belästigung

Geiler Arsch, Süße! - 450 Plakate provozieren mit Sprüchen

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Der Kreis beteiligt sich wieder an der weltweiten „One Billion Rising“-Kampagne. Das Thema in diesem Jahr kennen viele Frauen.
Veröffentlicht:25.01.2024, 17:00

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„Sprüche wie ,Geiler Arsch, Süße!’ sind weder witzig noch ein Kompliment. Das ist ,Catcalling’, schreiben die Gleichstellungsbeauftragten des Kreises und der Stadt Ravensburg in einer Mitteilung.

Frauen in der Öffentlichkeit hinterherzurufen, nachzupfeifen oder ihnen gegenüber anzügliche Gesten zu machen, sei Belästigung. Darauf sollen Plakate im Rahmen der diesjährigen „One Billion Rising“-Kampagne („Eine Milliarde erhebt sich“) im Landkreis Ravensburg aufmerksam machen.

Rund 450 Plakate sollen ab Anfang Februar auf Dorfplätzen und entlang von Durchgangsstraßen im ganzen Kreis hängen. Außerdem sind eine Fotoausstellung und Workshops geplant. Am 14. Februar soll eine Tanzdemo auf dem Marienplatz stattfinden.

So reagieren Frauen in der Region auf Sprüche und Pfiffe

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Schwäbische.de hat sich in der Ravensburger Innenstadt einmal umgehört und erfahren, wie Frauen mit dem Thema „Catcalling“ umgehen.

Weltweite Kampagne

„Es mag weitere Stufen von sexueller Belästigung geben, aber das ist etwas Alltägliches, was viele betrifft“, sagt Eva-Maria Komprecht. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ravensburg erklärt, warum „Catcalling“ das Thema der diesjährigen „One Billion Rising“-Aktion ist.

Das ist eines von vier Plakaten, das Anfang Februar im Kreis Ravensburg aufgehängt wird.
Das ist eines von vier Plakaten, das Anfang Februar im Kreis Ravensburg aufgehängt wird. (Foto: „Stop Catcalling“-Kampagne )

Initiiert wurde die Aktion ursprünglich von der US-amerikanischen Aktivistin Eve Ensler im Jahr 2012. Der Name „One Billion Rising“ kommt daher, da laut weltweiten Menschenrechtsorganisationen jede dritte Frau weltweit körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt erfährt. Das sind insgesamt eine Milliarde Frauen („One Billion“).

Ravensburg beteiligt sich bereits seit sieben Jahren an der Aktion. In diesem Jahr wird sie vom Verein „Frauen und Kinder in Not“, der Volkshochschule, der Tanzschule Geiger, ehrenamtlich Aktiven sowie den Gleichstellungsbeauftragten von Stadt und Landkreis Ravensburg organisiert. Die Aktion wird gefördert vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“.

„Catcalling“ findet auch im Kreis statt

In diesem Jahr wollen die Organisatoren zum ersten Mal mit Plakaten auf das Thema aufmerksam machen.

Es ist ein Thema für die Straße, denn dort findet es statt,

sagt Eva-Maria Komprecht.

 Dass die Plakate während der Fasnet hängen, sei nicht bewusst gewählt worden.

„Für ,Catcalling’ gibt es keine Jahreszeit“, betont die Studentin Katja Breidenstein, die die Plakate gestaltet hat. Sie sei auch schon angehupt worden, als sie in dicker Jacke an einer Straße lief. Tina Frick, die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, ergänzt: „Catcalling“ könne auch Männer treffen oder Menschen, die sich in ihrer Geschlechteridentität unsicher sind.

Das ist eines von vier Plakaten, das Anfang Februar im Kreis Ravensburg aufgehängt wird.
Das ist eines von vier Plakaten, das Anfang Februar im Kreis Ravensburg aufgehängt wird. (Foto: „Stop Catcalling“-Kampagne)

„Das Thema ist nicht aus der Luft gegriffen. Es kommt vor“, betont Ingrid Zuber vom Verein „Frauen und Kinder in Not“. Das habe auch eine nicht repräsentative, digitale Umfrage der Organisatoren unter Studenten, Auszubildenden und anderen jungen Menschen in Ravensburg gezeigt. Rund 250 Rückmeldungen hätten die Organisatorinnen erhalten. Demnach fühlen sich viele junge Frauen belästigt, gehen andere Wege, wechseln die Straßenseite oder meiden bestimmte Orte.

„Frauen verstellen sich, nehmen sich zurück. Das ist die Realität für rund die Hälfte der Bevölkerung“, sagt Verena Biggel, Mitbegründerin der Aktion in Ravensburg, die in diesem Jahr ehrenamtlich mitwirkt.

„Wir haben gelernt, dass das dazugehört“, sagt Eva-Maria Komprecht. Das sei auch eine Generationenfrage. Gerade ältere Menschen seien sich nicht bewusst darüber, dass Sprüche in der Öffentlichkeit eben nicht okay seien.

Organisatorinnen wollen Diskurs anstoßen

Mit den Plakaten wollten die Organisatorinnen ursprünglich diejenigen ansprechen, die „Catcalling“ betreiben. Das sei aber schwer gewesen, sagt Katja Breidenstein, da es eine ganze Bandbreite von Personen ist, die das macht, von jung bis alt. Es geschehe mutwillig, aber auch unfreiwillig. Deshalb hätten sie sich entschieden, Sprüche, die Umfrageteilnehmer zurückmeldeten, auf die Plakate zu schreiben.

Das ist eines von vier Plakaten, das Anfang Februar im Kreis Ravensburg aufgehängt wird.
Das ist eines von vier Plakaten, das Anfang Februar im Kreis Ravensburg aufgehängt wird. (Foto: „Stop Catcalling“-Kampagne)

„Da waren Sprüche dabei, die stehen hier gar nicht“, sagt Silke Pfaller von der Volkshochschule und zeigt auf die vier Plakate. Breidenstein gibt zu: Das sei provokant, aber spiegele die Realität wider und sorge für Aufmerksamkeit.

Eva-Maria Komprecht rechnet mit vielen Rückmeldungen zu den Plakaten, die auch auf verschiedenen Kanälen in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Sie sagt: „Wenn es keine Reaktionen gibt, dann haben wir etwas falsch gemacht.“