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Kritische Infrastruktur

Unternehmer sind sauer: Rechenzentrum in Ringgenweiler noch in weiter Ferne

Horgenzell / Lesedauer: 5 min

20 Millionen Euro wollten die Geschwister Natterer investieren, doch das Projekt zieht sich in die Länge. Ein Grund dafür könnte auch ein Gerücht sein.
Veröffentlicht:03.01.2024, 07:00

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Enttäuscht zeigen sich die Unternehmer Matthias Natterer und Bettina Schmode aus der Gemeinde Horgenzell. Die Geschwister wollen ein Rechenzentrum im Ortsteil Ringgenweiler bauen, das bereits Ende des Jahres ans Netz gehen sollte. Doch aktuell ist noch nicht einmal der Bebauungsplan fertig. Der Vorwurf: Die Gemeinde verzögere das Verfahren. Diese wiederum sagt, die große Dimension des Projekts mache das Verfahren kompliziert. Immerhin: Ein Zwischenschritt ist nun geschafft.

Doch noch einmal von vorn: Die Geschwister möchten in Ringgenweiler das Rechenzentrum „Greencube“ aufziehen, vor vier Jahren begann das Verfahren. Der Bebauungsplan sieht auch Büro- und Wohnflächen vor, darunter Matthias Natterers Wohnhaus. Im Oktober vergangenen Jahres haben die Unternehmer der Gemeinde ihren Vorschlag für den Bebauungsplan abgegeben, der bereits öffentlich auslag.

Hintergrund

Rechenzentrum

Ein kleines Rechenzentrum mit einer Leistungskapazität von ein bis zwei Megawatt in Ringgenweiler zu errichten – das sei möglich und plausibel, sagt Peter Radgen, Professor an der Universität Stuttgart und Koordinator des Projekts „Nachhaltige Rechenzentren“.

Radgen hatte in einer Studie Standorte im Südwesten daraufhin untersucht, inwieweit es grundsätzlich sinnvoll ist, dort Rechenzentren zu bauen. Horgenzell schnitt darin schlecht ab. Dennoch sagt Radgen, dass Strom für ein kleines Rechenzentrum, das lediglich den Bedarf an Rechenkapazitäten von regionalen Unternehmen abdeckt, zur Verfügung stehen könnte.

Auch die Datenautobahn zwischen Frankfurt, München und Zürich sei „nicht so weit weg“. Letzteres sei wichtig, um eine Anbindung an verschiedene Kommunikationsnetzbetreiber zu haben.

Von der Gemeinde habe es zunächst geheißen, sie brauche mindestens bis Ende Januar Zeit, damit ihr Jurist das Dokument prüft. Das Abstimmungsgespräch der Unternehmer mit Bürgermeister Volker Restle und dem Anwalt der Gemeinde fand aber erst Anfang April 2023 statt – online.

Unternehmer wundern sich

Das war inhaltlich äußerst unglücklich, weil wir feststellen mussten, auch auf mehrmalige Nachfrage von uns und unserem Juristen hin, dass bei der Verwaltung noch gar niemand bis zum 5. April diese 80 Seiten überhaupt durchgelesen hätte oder kommentiert hätte.

Matthias Natterer

Es sei erkennbar gewesen, dass der Jurist der Gemeinde die rund vierjährige Geschichte des Verfahrens „in keinster Weise“ kenne, auch nicht Absprachen, die protokolliert worden seien.

Als Ergebnis habe es einen „kleinen Input“ gegeben, so Natterer. Seitdem sei Funkstille vonseiten der Gemeinde gewesen, daher habe er angekündigt, die Dokumente einschließlich des Bebauungsplans zu überarbeiten und abzugeben. Dass letzteres jüngst geschehen ist, bestätigt Horgenzells Bürgermeister Volker Restle.

Vier verschiedene Anläufe

Nicht einverstanden ist der Gemeindechef hingegen mit der Darstellung Natterers, dass sich die Gemeindeverwaltung nicht mit den abgegebenen Unterlagen auseinandergesetzt habe. Außerdem seien innerhalb der vier Jahre verschiedene Anläufe für das Projekt am Gemeinderat beziehungsweise am Landratsamt gescheitert - dafür könne die Gemeindeverwaltung nichts.

Restle sagt, der Umfang, die Größe und Lage machten das Verfahren kompliziert – und es soll rechtssicher sein. Denn Nachbarn oder Umweltverbände könnten dagegen klagen. Nachbarn kritisierten das Projekt in der Tat von Anfang an. Sie befürchteten etwa, dass auf der Fläche zahlreiche Wohnhäuser entstehen könnten.

Bürgermeister Restle sagt:

Im Endeffekt ist niemandem geholfen, wenn du ein schludriges Verfahren machst und dann am Ende dir der Verwaltungsgerichtshof den Bebauungsplan aufhebt.

Für den Bürgermeister steht fest: „Herr Natterer ist Gemeinderat bei uns und wird deswegen nicht besser, aber auch nicht schlechter behandelt wie alle anderen Bürger auch.“ Das Projekt sei im Gemeinderat „vielleicht nicht unumstritten“, und auch vonseiten der Bevölkerung kämen kritische Rückfragen bei der Gemeinde an.

Pläne auch in Ostdeutschland

Matthias Natterer hat eine andere Theorie, warum das Verfahren aus seiner Sicht so lange dauert. Seine Firma habe in Berlin ein Büro eröffnet und möchte auch in Ostdeutschland Rechenzentren bauen. Gespräche geben es auch im Zollernalbkreis, im Landkreis Lindau gebe es schon Pläne und Flächen.

Von der Kreisstraße in Ringgenweiler aus soll das Rechenzentrum kaum zu sehen sein.
Von der Kreisstraße in Ringgenweiler aus soll das Rechenzentrum kaum zu sehen sein. (Foto: 42-N AG )

Dort sei mehr Interesse an Arbeitsplätzen und Gewerbesteuereinnahmen als in Oberschwaben. „Horgenzell hat es offensichtlich nicht nötig, Gewerbetreibende zu unterstützen“, sagt Natterer. Nach Angaben Natterers beträgt nach dem Stand von 2020 das Investitionsvolumen in der Gemeinde Horgenzell rund 20 Millionen Euro.

Eine Rolle bei der Geschwindigkeit der Gemeindeverwaltung könnten allerdings auch Gerüchte über die Firma 42-N der Geschwister Natterer spielen, die unter anderem auf kritische Infrastruktur spezialisiert ist und Standorte in Deutschland und der Schweiz hat.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass es uns gar nicht gibt, sondern dass wir eine Briefkastenfirma in der Schweiz sind.

Bettina Schmode

Je mehr sich die Geschichte verbreitete, desto langsamer habe die Gemeinde agiert, ergänzt Matthias Natterer – auch wenn die Verwaltung selbst die Gerüchte nicht vertreten habe. Diese weist er von sich und verweist auf Referenzen, wie beispielsweise das Schweizer Stromversorgungsunternehmen Elektra Baselland.

Halbe Million Euro Planungskosten

Genehmigt der Gemeinderat den Bebauungsplan, werden aus Ackerflächen zumindest teilweise wertvolle Wohnflächen. Natterer sagt, der Vorwurf, dass es ihm vor allem auf diesen Wertgewinn ankäme und er auf der Fläche nur Wohnhäuser bauen wolle, ergebe keinen Sinn – und verweist auf Planungskosten von einer halben Million Euro. „Da hätte ich leichter am Bannegghang in Ravensburg eine Wiese gekauft.“

Mehrere Stellen hat die 42-N im August ausgeschrieben. Unterdessen bot Natterer ein „Freizeitgrundstück“ mit einer Größe von 2000 Quadratmetern in Ringgenweiler auf der Immobilienwebsite Immoscout an. Bei dem „Freizeitgrundstück“ handelt es sich laut Natterer um eine andere Fläche, nicht um jene des Bebauungsplans, stellt der Unternehmer klar.

Sowohl Natterer als auch Bürgermeister Restle sagen, sie halten an dem Projekt „Rechenzentrum“ fest. „Wenn jemand kommt und sagt, ich investiere eine relativ hohe Summe in den Wohnbau und insbesondere in ein gewerbliches Rechenzentrum, sind wir als Gemeindeverwaltung die Letzten, die sagen: Nein, das geht nicht.“

Im nächsten Schritt wird der geänderte Bebauungsplan im Horgenzeller Gemeinderat besprochen. Das soll laut Restle im Januar oder Februar geschehen. Aktuell prüfe der Rechtsanwalt der Gemeinde die Dokumente.